Für die Extraportion Schmerz
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 152

Schon zu Zeiten ihres letzten Albums, “Have It All“, das mittlerweile fünf Jahre auf dem Buckel hat, stand Janine Rostron, die Frau hinter Planningtorock, für eine besondere Art erweiterten Cross-Dressings: Denn Kategorien wie Mann und Frau spielen für sie dabei keine Rolle. “Diese Begriffe schränken mich eher ein – und Grenzen interessieren mich nicht, sie repräsentieren mich nicht. Was mich interessiert, ist, ob ich vielleicht etwas ganz anderes bin“, sagt sie und taucht im Video zu ihrer aktuellen Single “Doorway“ als entfremdete bis entstellte Version ihrer selbst mit überdimensionierter Hexennase und vergrößerter Stirn auf. Als Alien, oder mildere Version des Elefantenmenschen. Zuerst mag man abgestoßen sein, aber wenn man hinter das verdrehte Äußere schaut, findet man Schönheit in dieser monströsen Kreatur und vor allem der unerschrockenen Inszenierung, die ihr in “Doorway“ widerfährt: in Nahaufnahmen und Zeitlupe nämlich, so genüsslich gefilmt wie sonst nur Kylies goldene Shorts. Planningtorock erlaubt sich diese theatralische Attitüde so unverkrampft wie sonst kaum jemand.

Aus ihrem Hang zur Dramatik resultiert wohl auch ihre Liebe für opulente Streicherarrangements, die stets zentraler Bestandteil ihrer Musik sind, wie seit neuestem auch das Saxophon: “Als ich meinen Freunden das Saxophonsolo aus “The One“ vorspielte, meinten sie, das könnte ich nicht bringen. Aber ich finde das genau richtig, egal wie kitschig es sein mag.“ Und so steht es fast monumental in der zweiten Hälfte des Songs, tragisch und ein bisschen übertrieben. Gerade mit dieser kompromisslosen Emotionalität, die Janine sich stets erlaubt, geht aber auch die Stärke und Wucht einher, mit der sie ihre Zuhörer konfrontiert. Auf “Have it all“ damals mit betont feministischer und freiheitlicher Message, auf “W“ jetzt textlich etwas subtiler. Die Lyrics sind persönlicher geworden, aber das Saxophon und Janines teilweise verzerrte Stimme hauen im Gegenzug ordentlich auf die Pauke und reißen vielleicht sogar noch mehr mit.

Angesichts all dieser Energie und Entschlossenheit fühlt man sich bei Planningtorock seltsam geborgen: Denn egal wie düster es sein mag, beruhigt doch die Kraft, die in ihrer Stimme liegt und die Wut, die man ihr anhört. “The Breaks“ beispielsweise, einer der langsamsten und trotzdem dynamischsten Songs des Albums, umarmt die eigene Zerbrechlichkeit in seinem “I Break Too Easily“ zärtlich, benutzt sie allerdings als Antrieb statt sie als Schwäche abzutun. Beruhigend und anregend zugleich sein, das ist nicht leicht. Bei all dem noch humorvoll zu bleiben und nicht zum Oberlehrer zu werden, ist allerdings die große Kunst, auf die sich Janine Rostron so gut versteht. Nie predigt sie, dazu bleibt sie viel zu persönlich, nie wirkt ihr Ansatz verkopft oder trocken, dazu ist ihre Musik viel zu rhythmisch, sexy und verspielt, teilweise fast albern – wie zum Beispiel die transig-verzerrte Stimme in “Doorway“, oder auch “Janine“, einem Arthur-Russell-Cover.

Gerade diesem Stück hört man, besonders im Vergleich zum Original, eine amtliche Extraportion Schmerz an, wenn sie singt: “Janine, don’t go with those guys“. Hier ist Janine Rostron dann doch sehr menschlich und kein exotisches Fabelwesen. Genau in dieser Vielschichtigkeit liegt auch ihr Reiz, sowie der Titel ihres neuen Albums: “Ich finde es interessant, dass W im englischen Double You ist. Denn wir alle haben mehr als nur eine Seite an uns, sind mehrere Charaktere, wenn wir es zulassen.“ Und dazu braucht man Kraft, genau das, wonach W aussieht und sich anhört.

Planningtorock, W, ist auf DFA/Universal erschienen.

One Response

  1. De:Bug Magazin » Not A Toy

    […] der Popkultur, den ausgeklügelten Verkleidungsstrategien Lady Gagas oder auch Janine Rostron aka Planningtorock. Im Interview in diesem Heft sagt sie zum Titel ihres Albums W: ”Ich finde es interessant, dass W […]