Text: Felix Denk aus De:Bug 20

Kaputter Funk für heile Ohren I-f: ElectroÔs Revenge Felix Denk superfelix@iname.com Warum gerade jetzt? Warum jetzt einen Artikel über I-f und nicht schon vor einem Jahr, wird sich der geneigte Leser vielleicht fragen. Und zurecht. Schließlich haben die kiffenden Außerirdischen unserer Galaxie mittlerweile wieder den Rücken gekehrt, und auch das vielbeachtete Fucking Consumer Album hat schon einige Monate auf dem Buckel. Zwar trudelten im letzten halben Jahr ab und an I-f Produktionen wie die EPs Playstation No. 2 (Disko B) und Elektronome (Viewlexx) in die Plattenläden, trotzdem hat sich der Wirbel um I-f ein wenig beruhigt. Vielleicht ist aber eben dieser Zwischenzustand, der sich dadurch auszeichnet, daß der letzte große Wurf bereits Vergangenheit ist, das neue Ding aber noch auf sich warten läßt, genau der richtige, um I-f einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Schließlich handelt es sich bei I-f um jemanden, der sich so gar nicht um irgendwelche Regeln oder Vorschriften scheren will. Deutlich ablesbar war das an seinem Fucking Consumer Album, das mit dem Supadupa Retro Hit “Space Invaders are Smoking Grass” anfängt und die übrigen Tracks dann dreisterweise so gar nicht nach Pop und 80s Spaß klingen lassen will. Der neu entdeckte Schlüsselreiz wurde also nicht zur Endlosrille, denn so bequem will I-f es sich nicht machen. Funktionierende Systeme sind ihm wohl eh suspekt, interessiert er sich doch eher dafür, das Bestehende zu hinterfragen und bei Zeiten in alle Einzelteile zu zerlegen. Dieses Querdenkertum hat I-f schon in der Ära der geraden Bassline viel Undergroundfame eingebracht, als er als Mastermind von Bunker Records zahlreiche Veröffentlichungen von Künstlern wie Unit Moebius teilweise in einer Kleinstauflage von 150 Stück vertrieb. Diese Verweigerungshaltung zeigt ein Paradox auf, das man grob als systemimmanente Kapitalismuskritik bei gleichzeitiger Ablehnung des Prinzips System umschreiben könnte. So zeichnet I-f Elektroskizzen in Dubmoll und dekonstruiert gleichzeitig Fortschrittsoptimismus und Technikverliebtheit. Kaputter Funk für heile Ohren? Debug: Du warst immer außer deiner Funktion als Musikproduzent und DJ in die Vertriebsorganisation eigener Labels wie früher Bunker Records oder in letzter Zeit Viewlexx und Murder Capital Rec. engagiert. Warum eigentlich? if: Ich bin ein ziemlicher Kontrollfreak. Ich möchte die Dinge in meinen eigenen Händen haben und nicht von anderen Leuten abhängig sein. Das hasse ich total. Bei Bunker Rec. hatten wir einen Vertrieb in Amsterdam, aber die haben nichts auf die Beine gestellt. Daher haben wir es selber gemacht. Irgendwann wurde das Ganze dann ziemlich viel Arbeit, und ich hasse Arbeit im konventionellen Sinn, also habe ich damit aufgehört. Grundsätzlich finde ich es sehr wichtig, daß gewisse Leute auf diesem Planeten diese Platten bekommen, das ist mein einziges Ziel. db: Vernetzungen bilden und eigene Strukturen schaffen ist ja ein ziemlich typisches Techno-Ding… if: Ja klar, aber trotzdem lassen wir uns nicht in irgendein System einpassen. Das ist nicht unsere Arbeits- und Denkweise. Wir gehen völlig unterschiedlich vor als alle anderen Vertriebe. Daher müssen wir autark sein. So funktioniert das auch mit *67 (Vertrieb, den I-f mit Brendan M. Gillen von Ectomorph betreibt, Anm.). Da ist jeder unabhängig, aber in gewisser Weise haben wir unsere Kräfte vereint. Wir haben dadurch einen neuen Markt erschlossen und eine Menge Leute in Amerika erreicht. db: In Detroit steht Elektro im Vergleich zu Europa unter ganz anderen Vorzeichen. Wie kamen denn deine Sachen da so an? if: Die erste Vielexx, die Electronome, war ein großer Hit in Detroit, was wir wirklich nicht erwartet haben. Uns hat das sehr überrascht, da Detroit ungefähr der letzte Ort war, an dem wir gedacht hätten Platten zu verkaufen. Obwohl der Sound da der Booty Style ist, hat es für die Electronome sehr gut geklappt. db: Spielt für dich der Einsatz von neuen Medien wie beispielsweise das Internet eine große Rolle? if: Das Internet ist sehr wichtig. Man kann mit Leuten kommunizieren, mit denen man sonst nie in Kontakt gekommen wäre. Es ist eine sehr leichte Zugangsmöglichkeit. Man ist nicht mehr von seinen Nachbarn abhängig. db: Glaubst du, daß sich die lokalen Stile der elektronischen Musik durch diese Globalisierung von Kommunikation auflösen? if: Ich glaube, daß das stattfindet. Schon zu unseren Anfangszeiten haben wir nicht viele Platten in Holland verkauft. Aber das ist normal. Die Detroiter Produzenten genießen ja auch nicht so arg viel Respekt in Detroit. Die Leute mögen eben oft die Sachen lieber, die von außerhalb kommen. Aber im Grunde ist mir das egal. Ich denke lieber global, weil ich keine Grenzen mag und auch keine Regeln. Im Internet gibts keine Grenzen, daher hat man auch keine Vorurteile, wenn man da mit anderen Menschen in Kontakt tritt. db: Du warst ja in den frühen 90er Jahren in Den Haag in der Besetzerszene recht aktiv. if: Ich habe heute nichts mehr mit der Besetzerszene zu tun. Die Sache hat mich irgendwann abgestoßen, da es zu politisch wurde. Die haben sich mit ihren eigenen Regeln umgebracht. Für mich gibt es keine Regeln, ich habe da meine eigenen Vorstellungen. Die Besetzerszene ist schon fast am Ende, und in ein paar Jahren wird sie ganz verschwunden sein. Das ist ihre eigene Schuld. Schade ist es aber schon, weil es am Anfang sehr spannend war. Es gab gute Parties an ungewöhnlichen Orten, und man konnte viele Leute irritieren. db: Apropos irritieren. Interr Ference heißt ja auch Störung. Ist dein Name Programm für dich? if: Ja. Seit meiner Kindheit habe ich versucht zu stören. Ich mag es, konservative und politische Strukturen zu unterwandern. Ich habe keine Angst vor Konfrontationen. db: Mit Unit Moebius warst du eher auf Techno und Acid eingeschossen. War deine Entwicklung zu Elektro auch ein Ausweichen von Regeln? Wurde Techno irgendwann strukturell zu festgefahren für dich? if: Ich mochte Acid sehr gerne. Der Sound aus Chicago hat mich da vor allem stark beinflusst. Das war so um 1986 und meine erste Begegnung mit House Musik. Solche Musik hatte ich noch nie zuvor gehört. Das waren superminimale Sachen, Tracks, die nur aus 808 Beats, einer Stimme und einem klingelnden Telefon bestanden. Ich war da ziemlich beeindruckt. Wie konnte man mit so geringem Aufwand so eine maximale Wirkung erzielen? Ich habe mir dann eine 707 und eine 303 gekauft und viele Tracks produziert. Letztendlich wurde das langweilig, und ich habe mir weitere Maschinen gekauft. Jetzt, so seit 1 1/2 Jahren, mache ich den Sound, der mir immer schon vorschwebte. Ich wußte zwar immer schon, was ich nicht wollte, war mir aber gleichzeitig nicht darüber im klaren, was ich eigentlich genau wollte. Das wiederum weiß ich jetzt genau. Das heißt aber nicht, daß ich jetzt selbstgefällig werde. db: In der elektronischen Musik war es immer ein Schlüsselmoment, die Maschinen, mit denen man arbeitet, auch mal gegen ihren ursprünglichen Verwendungszweck zu gebrauchen. Gerade die 303 ist da ein klassisches Beispiel. Thematisierst du die technischen Rahmenbedingungen in deinen Tracks? if: Ich erforsche eher meine Seele. Ich bin nicht so an der Musiktechnologie interessiert, sondern eher wie ich meine Gefühle, meine Wahrnehmung umsetzen kann. Aber was die Technik angeht, gibt es seit etwa 2 Jahren Synthesizer auf dem Markt, die die Schnittstelle Mensch-Maschine dadurch verändern, daß man in den Synthie seine eigenen Gefühle hineinlegen kann. Sie sind gewissermaßen lernfähig. Diese Virtual Analogue Sachen finde ich von den Möglichkeiten sehr interessant. db: Wenn ich deine Tracks höre, dann schwingt da für mich immer so eine melancholische Note mit. ….Wie kommt das? if: Das hängt damit zusammen, wie ich mich fühle. Wenn ich mich schlecht fühle, dann kann man das auf meine Platten schon hören, was aber nicht heißen soll, daß die Platten schlecht sind. Ich habe keine anderen Kommunikationsmöglichkeiten, als Musik zu produzieren und aufzulegen. Ich bin auch recht zynisch. Wie kann man so einfach fröhlich sein in Anbetracht der Dinge, die um einen herum passieren. Auch wenn ich nichts an der Welt ändern kann, so ist es trotzdem möglich, Dinge in Frage zu stellen. Ich weigere mich auch, irgendwelche Zustände als gegeben anzusehen. Wir leben in einer sehr konservativen, oft faschistischen Welt, und das wird auch immer schlimmer. Trotzdem bin ich kein Apokalyptiker. Aber wir leben in einer ziemlich primitiven Welt. Sachen wie die Menschenrechtserklärung sind erst 50 Jahre alt, erst seit 100 Jahre fahren wir Autos. Wenn ich ein Flugzeug sehe, muß ich lachen: Ich möchte beamen. Es gibt Dinge, die mir nicht passen, und ich glaube, das kann man in meiner Musik hören. Es macht auch keinen Sinn, Sachen in die Luft zu sprengen, weil das nur eine punktuelle Handlung ist. Musik hingegen ist beständig und kann etwas bewirken. Daher ist es wichtig, einen Input zu geben und die Leute mit Informationen zum Nachdenken zu bewegen. db: I-f Platten strahlen immer auch irgenwie eine Morbidität aus, so als würdest du an rostigen Maschinen rumschrauben. Es klingt fast, als würdest du die einstige optimistische Seite von Techno verarschen. if: Ein wenig schon. Vielleicht ist das meine zynische Art. Techno ist ja schon seit einigen Jahren tot. Es geriet in die Hände der Majors und wurde von der Industrie gemolken. Da gibt es keinen Spirit mehr und auch keine Freiräume. Das ist sehr schade. Da gab es etwas völlig neues, was zu Anfang fast schon rebellisch war. Aber es ging den Bach runter, Drogen und Kommerzialisierung gaben den Todesstoß. db: Aber ist Elektro nicht auch ein Schritt zurück? if: Elektro ist Freiheit. Es gibt einem viel Platz, sich zu bewegen, zu denken, sein eigenes Ding zu machen. Ich würde meine Musik aber auch nicht als typisch Elektro bezeichnen. Daher nenne ich sie electro-nix, weil sie alles sein kann, was man will. Wir geben nichts vor. Wenn ich einen Track beendet habe, liegt es ganz beim Hörer. Aktuelle Veröffentlichung: Playstation No. 2, 12″ auf Disko B; Clone 10 The manual never seen ep mit track von If Adult, Die. paralax corporation, drift ep auf Viewlexx Demnächst: The Man from PACK, 2×12″, die in Europa vermutlich von Disko B vertrieben werden wird. If Labels: Viewlexx, Murder Capital Records, Clone, Interr Ference Com., Reference, Dub If Vertriebe: Hotmix, *67 Websites: http://www.hotmix.net email: viewlexx@casema.net ZITAT: ”Wenn ich ein Flugzeug sehe, muß ich lachen: Ich möchte beamen.” ”Don’t expect anything from us – because we will be interr-fering” Ich erforsche meine Seele Seit meiner Kindheit habe ich versucht zu stören

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Elektronische Lebensaspekte.