Die Industriegewerkschaft Kultur setzt auf einen einzigen Sektor: Musik. Aber in diesem Sektor gibt es neue Moves. Mit "New Sector Movements" bringt IG Culture die West London Fusion Szene auf den Punkt, indem er ihm synkopisch ausweicht wie kein zweiter.
Text: heike lüken | heikelueken@web.de aus De:Bug 50

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New Sector Movements, IG Culture

Schublade auf, Name rein. Schublade zu. So geht das meistens, oder auch nicht. Im Fall von IG Culture musste man eine neue Schublade aufmachen. Da steht jetzt “Neo-Fusion” drauf (mit “F”, nicht mit “PH” wohlgemerkt) und der 36-jährige Engländer soll ihr Vater sein. Der allerdings kümmert sich nicht darum, wie er sich überhaupt wenig um das zu kümmern scheint, was andere sagen und tun, für ihn zählt seine Musik, bei er ganz und gar die Fäden (mit “F” und nicht mit “PH”) in den Händen hält. Eins seiner zahlreichen Projekte, New Sector Movements, feierte im Juli Erscheinung beim Major Virgin. Zusammen mit sieben anderen Musikern entstand “Download this”: gebrochene, aber straffe Beats sind hier der Clou und doch etwas anderes als das, was man gerne als West London bezeichnet. Da aber hat IG Culture sein Studio, zusammen mit Mike Slocombe und Spencer Weekes “People Records” und den dazugehörigen Vertrieb “Goya Distribution” gegründet und unterhält hier auch sein Sublabel “Mainsqueeze”.
Erste Veröffentlichungen hatte IG Culture vor einigen Jahren als einer der beiden Teile des HipHop-Duos “Dodge City Productions”. Inzwischen ist er mit Projekten wie “Likwid Biskit” und eben “New Sector Movements” bei seinen speziellen Beats mit Soul-, Jazz-, Latin- und Afro-Einflüssen angekommen, auf geradem Weg ins ungerade Eigenwillige, mit durchgängigem Einsatz von Vocals, die etwas zu sagen haben…

DeBUG: Man bezeichnet dich als Begründer von so etwas wie “Neo-Fusion”…
IG: Ich promote Black Music. Ich bin schwarz. Wenn also jemand meiner Musik einen Namen geben will, dann nennt es einfach IG-Musik. Das ist es, was ich versuche zu tun. Musik aus der Sicht eines Schwarzen in England. Als ich New Sector Movements und Likwit Bizkit gemacht habe, habe ich nur Platten gemacht, und einige Leute sind darauf eingegangen. Lass die Leute sagen, was sie wollen, ich mache nur das, was ich will. Du kannst eine Million verschiedene Sachen über mich sagen. Du kannst meine Musik dissen. Ich könnte auf der Höhe meiner musikalischen Entwicklung sein, und ein Magazin könnte schreiben, ich sei auf meinem Tiefpunkt. Ich kontrolliere nicht, was einige Leute über mich sagen. Ich tue nur, was ich tue.
DeBUG: Virgin sind also auf dich zugekommen. Du hast ihnen deine Arbeiten nicht angeboten?
IG: Virgin kam zu mir und sagte, sie seien interessiert daran, ein Projekt von mir zu finden. Sie sagten nicht, dass es New Sector Movements sein müsse. Sie wollten nur eine der Sachen, die ich mache. Also entschloss ich mich für New Sector Movements. Virgin wollte, dass ich so weiter mache wie bisher. Warum sollten sie auch kommen und dann etwas anderes wollen. Sie haben nichts verändert. Sie haben mich nur beim Produzieren unterstützt. Ich sehe, wohin ich mich entwickele. Und wenn sich etwas verändert, dann verändere ich es und mich. Kein Label kann das tun, nur ich selbst.
DeBUG: Bist du bei New Sector Movements der Dirigent, oder ist das eher Teamarbeit?
IG: Ich bin der Dirigent. Ich bin die leitende Stimme. New Sector Movements zeigt erstens meine Fähigkeiten als Produzent und zweitens den Künstler, mit dem ich arbeite. Das sind die beiden Sachen. Außerdem ist es jetzt auf einem größeren Label und wird deswegen mehr Leute erreichen. Also schlage ich drei Fliegen mit einer Klappe. Das ist doch großartig, oder nicht?
DeBUG: Du bist für Virgin ja vielleicht eher etwas Ungewöhnliches.
IG: Ich glaube, es gibt im Mainstream nicht so viele Künstler wie mich. Sie haben nicht die selben Inspirationen. In der Szene sind viele Leute von New Sector Movements und Likwit Biskit inspiriert. Sie sagen: OK, er war offen und frei mit seiner Musik, wir können das auch, weil wir das auch wollen. Ein weiterer Aspekt ist, wenn NSM groß rauskäme und in die Top Ten gehen würde, würde jeder den New Sector-Style machen wollen, weil jeder glauben würde, damit ließe sich Geld machen.
DeBUG: Die Spannung bleibt doch aber: Man will Geld verdienen zum Überleben und sein Ding machen.
IG: Das ist schwer. Ich mache seit 10 Jahren Musik, und das ist mein sechstes Album. Ich habe 5 Jahre lang keinen Pfennig davon bekommen und gekämpft. Ich bin egoistisch und habe einen Tunnelblick: Musik ist das Einzige, was ich tun will, und deswegen behalte ich den Fokus. Wenn man an etwas glaubt, gibt es dahin einen Weg. Vielleicht nicht bei einem Major, aber ich bin bis jetzt noch nicht verhungert. Ich habe einfach etwas, das ich tun muss, und deswegen mache ich es.
DeBug: Warum ist der Titel der New Sector Movements-Platte “Download this”? Bezieht sich das auf das Internet oder ist das eher ein Vorschlag für die Rezeption?
IG: Es ist ein Vorschlag. Download es in deinen Kopf. Download es in den Computer. Was auch immer. Es bezieht sich nicht direkt auf das Internet, aber heutzutage kann man sich alles runterladen. Why not “download this”?
DeBUG: Was hältst du von Musik im Internet, dem Verkauf oder der Verbreitung durch z.B. Dinge wie Napster?
IG: Ich sehe das so: Wenn man Moral und Ethik bei der Entscheidung einbezieht, ob es richtig oder falsch ist, Musik zu verkaufen, dann muss man sagen, dass es falsch ist, Musik in irgendeiner Art und Weise zu verkaufen. Egal ob über das Internet, durch Platten oder Plattenfirmen. Musik ist frei. Wenn man also darüber sprechen möchte, ob es richtig oder falsch ist, ist es genauso richtig wie ein Major Label, das eine Band unter Vertrag nimmt.
DeBUG: Viele Musiker haben sich beschwert, dass sie durch Napster nicht an den Einnahmen ihrer Musik beteiligt werden.
IG: Was kann man machen? Auf der Straße verkaufen die Leute Tapes mit deiner Musik. Was soll man tun?
DeBUG: Interessierst du dich für das Internet?
IG: Nein. Überhaupt nicht. Ich habe mich noch nicht damit beschäftigt. Ich bin zu viel im Studio.

Kultur, eine Fahne als Taschentuch?

Jemand mit Kultur im Namen hat seine eigene Definition davon, und die bezieht sich ausschließlich auf Musik: “Meine Definition von Kultur ist etwas, das ich lebe. Musik-Kultur. Ich habe es bis jetzt in den letzten 10 Jahren nonstop gelebt. Davor war ich ein ‘strong Music Listener’. Seit 10 Jahren höre ich Musik, mache sie selbst, und alles um mich herum hat mit Musik zu tun, mit den Ursprüngen der Musik. Ich habe versucht, mir mit meiner Musik ein festes Fundament zu bauen, um das Jahr 2000 zu erreichen, und das habe ich geschafft. Und jetzt geht es weiter.” Allen Einordnungsversuchen zum Trotz bleibt IG Culture bei der Idee von etwas Neuem: “Wenn man ein klassisches Stück auf einem Steinberg Klavier hört, sagen die Leute auch nicht, es sei retro. Sie sagen, es ist klassisch. Aber wenn man bei schwarzer Musik an die Vergangenheit heranreicht und sie in neue Musik einsetzt, sagen die Leute, es sei retro. Und das so, als sei es nicht gültig. Aber schwarze Musik wird ihren Platz in der Geschichte finden, davon wird sie nichts abhalten. Diese Musik ist zu stark. Man ist, was man isst. Obwohl ich noch nie in Brasilien war, habe ich schon viel brasilianische Musik gehört, und deswegen wird etwas davon immer herauskommen. Das ist ganz normal. Wenn man Kampfsport macht und auf der Straße angegriffen wird, reagiert man automatisch, wie man es vorher trainiert hat. Es ist normal, so zu werden wie das, was einen umgibt.” Hoch lebe das Umfeld.

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Elektronische Lebensaspekte.