Text: anton waldt aus De:Bug 11

The Great Techno Irrtum: Ilsa Gold Anton Waldt indigo@silverserver.co.at Außer für Happy-Hardcore-Ewiggestrige ist die Erinnerung an Ilsa Gold wohl wie die an eine Jugendsünde: Ein bißchen peinlich aber toll. Auf jeden Fall ein großes Kodierungs-Schlamassel. Die Wienerin I.G. kommentierte mit ihren Tracks die Lage auf den Tanzflächen ziemlich bösartig, aber die Raver, die gemeint waren, haben die Platten einfach abgefeiert. Dem ernsthaften Techno war IG unangenehm: viel zu lustig und gar nicht cool. Seit dem Ende des Nachfolgeprojekts Sons Of Ilsa arbeiten DJ Pure und Christopher Just in diametralen Ecken der elektronischen Musik: Pure an Sounds und Hörgewohnheiten, C. Just mit den Parametern des POP. Pure hält den medialen Ball extrem flach, er verzichtet weitgehend auf das Projektnamen-Spiel (Current 909, DJ Pure), seine Musik wird am Mac produziert, fordert Konzentration und ist für bestehende Tanzflächen eher ungeeignet. C. Just’s Lieblingsinstrument ist die MC303 und er personifiziert die Schizophrenie der Projekt-Vielfalt: Punk Anderson, Gerhard, Haralda, Roy Edel und all die anderen Charaktere werden schon mal für ein Fernsehteam in Persona dargestellt. Ilsa Gold: “In Deutschland gibt es neben Rechnen, Schreiben und Schönschreiben auch noch Analyse in der Grundschule.” Eben. Aber bald gibt es eine neue Ilsa Gold und die de:Bug hat sich unser aller Rave-Vergangenheit gestellt: Ich treffe DJ Pure und C. Just im ehemals gemeinsamen Studio, aus dem Pure inzwischen ausgezogen ist. HARDCORE SCHNITZELCORE C.: Ich will jetzt NICHT, daß der Pure diese Platte runtermacht! Die neue Ilsa Gold läuft: Eine BeeGee-Hookline aus “Greese”. C.: Brian Gibb rief mich an, um mir zu sagen, daß er den Track großartig findet! De:Bug: Warum soll das unbedingt Ilsa Gold heißen, wenn die Platte von dir allein ist? C.: Dieser Track wäre einfach passiert, wenn wir weitergemacht hätten. De:Bug: Und du hast nichts dagegen? P.: Ich bin völlig dafür! Was kommt eigentlich auf die Rückseite? C.: Heutzutage macht man nicht mehr so viele verschiedene Nummern, sondern drei verschiedene Mixe! P.: Na OK. C.: Seriöse Labels müssen immer noch 4,5 Tracks oben haben, damit man die Vielfalt und Genialität des großen Künstlers merkt und so weiter. P: Das haben wir doch auch gemacht. C: Nur leider waren wir nicht so kreativ, deswegen war das ziemlich sinnlos. Wir hören die erste Ilsa Gold. P: Die Frontpage ist gleich irrsinnig feucht geworden. Der Lahrmann wollte dann, daß wir seine Clowns werden. C: Das war uns aber suspekt. Sonst wären wir Ravers Nature geworden. Hier kommt die zweite I.G. P: Wir waren die ersten, die diesen Beakbeat benutzt haben. Jetzt kopiert uns Ed Rush! C: Die Stimme ist von meiner Oma: Danach hieß es: Ilsa Gold ist eine alte Frau und wir sind der Musiker und wenn wir was fertig haben, gehen wir zu ihr, spielen ihr das vor und die sagt dann, ob es OK ist. Haben alle irre lustig gefunden. P: …und auch geglaubt! C.: Vor allem die Raver: die haben die dann auf Parties wirklich gesehen: “Dahinten im Nebel die alte Frau, das ist doch bestimmt Ilsa!” YEAH! WURZELHORST! C.: Dieses Sample war natürlich nicht geklärt und als der Track für einen Ariola-Sampler verkauft wurde, wollten die einen legalen Mix. Da haben wir dann einen mit 13 ungeklärten Samples gemacht und den haben sie genommen. P.: Das sollte natürlich keine Ravenummer werden, war dann aber voll der Hit, irgendwie sind wir da mißverstanden worden. C.: Das war schon ein bischen Elend. Auf der Mayday hat der Pure dann 20 Minuten nur geredet, ich habe Geräusche dazu eingespielt und die Raver fanden es immer noch lustig. P.: Wie es Silke jetzt so geht und daß sie jetzt gar kein E mehr nimmt usw. Lustiger Mann mit Musikuntermahlung eben. De:Bug: Warum habt ihr von Ilsa Gold zu Sons of Ilsa gewechselt? C.: Frustration über diese ganze Happy-Geschichte, wir haben einfach zu der Zeit mehr Spaß gehabt, so tiaf zu sein, lieb sein war einfach so elend, ja, unerträglich. DIE ZIPFELMÜTZE C.: Beim Major haben sie uns diesen Schwanz da vom Cover getan, dafür hat sich die CD dann auch nicht verkauft! ”…wir haben Sexualwaren aller Art…wir führen auch Gummiwaren…der fortgeschrittene Babyficker kommt bei uns auf seine Kosten…ähähäh! Baby will ficken!” C.: Das mußten wir für den Major dann reversen: “Baby will nekcif!” ”Der Ilsa Gold Stahlvibrator: den steckt man sich in den Arsch!” C.: Da wars dann mit Technoraves vorbei, keine Chance mehr! Wir wurden nur noch auf die Hardcore-Sachen gebucht! ”Da.dadadüüddüdum, I’m a raver baby, so why don’t you kill me?” C.: Das war der Beginn des Niedergangs von Sons Of Ilsa würd ich sagen. P.: Die Nummer war erst nur da, um Zeit für die B-Seite zu schinden, aber dann sind die Majors drauf abgefahren und wir haben eine ganze Platte draus gemacht! Je älter diese Sachen werden, um so cooler finde ich das alles, wirklich. Uns braucht echt keiner von den Wichsern… De:Bug: Ist das nicht blöde Kabarett-Scheisse? P.: Wieso blöde Scheisse? Nur Kabaret! C.: Das ist jetzt ein Andreas Dorau Remix. Eigentlich hatte da niemand Lust zu, aber alle, die auf obercool machen, Mike Ink oder so, haben trotzdem die Vocals verwendet, der Song hat im Orginal “Die Sonne scheint auf uns” oder so geheißen, das war so geschissen umweltkritisch auch noch…..kindisch, auch naiv. Wir haben den Text geändert. Der Dorau hat das dann garnicht leiwand gefunden und auf jeden Fall kam dann diese CD mit Leuten wie Mark OH und ..allen Arschlöchern der Welt und unserer Mix war als Hidden Track drauf, nach einer Minute Stille… PULSINGERS NACHT C.: Der Pulsinger hat einmal ein T-Shirt angehabt -Raver sucks- wir haben das so geschissen gefunden: Er legt für solche Leute auf und beschimpft sie zur gleichen Zeit. P.: Es gab ein Theaterstück “Weiningers Nacht”, das handelt von Otto Weininger, einem antisemitischen Juden. C.: Daraufhin hat man uns für Nazis gehalten. P.: Echt? C.: Na sicher. Auf jeden Fall war Patrick danach weltberühmt! DEATH OF A CLOWN C.: Das musikalische Ende: “The Rave Monster”. Da wars so, daß ich live alleine gespielt hab und die Ella in Gummiwäsche mit der Peitsche ins Publikum gehaut hat. War eh schon scheissegal. Wie die alte Ilsa Gold dann gestorben ist, konnte Pure keine Musik mehr machen. P.: Da war ich 4 Jahre depressiv. Inzwischen macht er wieder Musik: Wir hören “Dark Star”, mächtig düsterer Drum and Bass, auch wenn Pure die Bezeichnung nicht mag. Danach spielt Christopher seinen Pulp-Remix vor: Die Mac-Stimme im Duett mit Jarvis Cocker. C.: Das hat dem so gut gefallen, daß er einen Disco-Dancer Remix machen wird. De:Bug: Was für eine Rolle spielt bei sowas das Geld? C.: Geld? Das Leben ist halt urteuer und der Spass den ich als Spass empfinde, der kostet halt Geld. Aber das muss ich noch mal sagen: Mich treibt nicht voran, daß ich mir dann Helmut-Lang Hosen kaufen kann. Jetzt ist Pures neuestes Produkt im DAT: Der Track hat keine vordergründigen Rhythmus-Elemente mehr, eine reine Mac-Filter-Produktion. C.: Ich kann mir das schon eine Weile anhören, aber oft sind die Leute, die sich solche Sachen reinziehen, unglaublich dumme Wichser. Sich über die Musik streiten, ist das blödeste, was es gibt. Ich kann mich aber über die Leute, die die Musik hören, streiten. Die Leute gehen doch erstmal aus, um sich zu amüsieren… P.: Genau das…Nein! (Beide gestikulieren) C.: Du versucht mit allen Mitteln, ihnen ja keine Möglichkeit zu geben sich zu amüsieren, das finde ich den falschen Ansatz. P.: Falsch! Wenn ich auf eine Party ginge, auf der du spielst, wäre das für mich unerträglicher Lärm! Einfach gesagt: Ich habe nicht das geringste Interesse daran, daß Menschen, die auf E sind, meine Musik gut finden. Punkt aus. Wer sich von meinem Sound unterhalten lassen will, dem wird nicht erspart bleiben, sich darauf zu konzentrieren oder sich damit auseinandersetzen. C.: Soll ich rausgehen? Mir wird’s langweilig. Für mich ist es das Gegenteil: Jeder soll es hören können, für Pure ist Musik doch ein religöser Wert. P.: Ja…. C.: Ich habe aber gar keine Lust, mich so intensiv damit zu beschäftigen, nur um in eine Richtung weiterzugehen, wichtig ist die Verfügbarkeit, aus der ich nehmen kann was ich will… Das war jetzt unververstänlich, hä? P.: Das ist ja für die De:Bug eh nichts neues. Popkultur ist mir einfach fremd, finde ich nicht mal komisch, existiert einfach nicht. Fortgehen und Menschen treffen und soziales… Blah, interessiert mich einfach nicht mehr. Da ist zu wenig… C.: Du, deine Sachen sind Scheisse….. P.: Deine sind auch Urscheisse… C.: Jetzt hast du Journalist endlich, was du hören wolltest. De:Bug: Wenns mir in den Kram passt, schreibe ich auch Sachen, die nicht gesagt wurden! P.: Da wird’s ja richtig spannend! Endlich mal ein De:Bug das spannend ist! ZITATE: C: Ihnen ja keine Möglichkeit zu geben, sich zu amüsieren, das finde ich den falschen Ansatz. P: Ich habe nicht das geringste Interesse daran, daß Menschen, die auf E sind, meine Musik gut finden.

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Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses

  1. Alex Rain

    Liebes De:Bug! Ihr solltet eure Beiträge auch mal recherchieren. Ilsa Gold war keine Produzentin, sondern eine nette alte Dame, nämlich die Grossmutter von Christopher oder Peter – von welchem weiss ich nicht, obwohl ich beide persönlich kenne – aber ich schreib wenigstens, dass ich es nicht weiss. Ilsa Gold als Act waren ebenso Christopher Just (dem auch das legendäre Cheap Label gehört) und Peter Votava aka DJ Pure. Die beiden waren ebenfalls “Sons of Ilsa” und “Petra” – der besten Live Act den ich im alten Gasometer je gesehen habe. Sie waren weder peinlich noch ein Schandfleck, sondern innovativ, sie haben die Szene gelebt und kritisiert und das war dringend notwendig nach dem alle anderen nur “put your hands up in the air” gepredigt hatten. Techno war damals in seiner Pionierzeit, weit weg von Hipstertrends und falschen Brillen. Man hatte mehr als 5 Minuten Zeit um sich Musik anzuhören, denn es gab keine Handies und kein Internet, dafür gab es besseres Extasy. Ilsa Gold waren nicht zuletzt durch ihre Pionierarbeit und ihren eigenen Stil lebende Legenden und Vorbilder für viele Nachwuchskünstler – zu denen ich auch gehörte -in einerTechnoszene, die gerade erst auf der Bildfläche erschienen war – wir alle waren Teil von etwas völlig Neuem – heute kaum vorstellbar. Fazit: Ilsa Gold war keine Sie. Die beiden waren nicht peinlich, sondern Meilensteine in der österreichischen Technolandschaft. Haben wir wieder was gelernt. Gruss aus Wien, Alex Rain

  2. Alex Rain

    Ok! Rüge zurück, ich hab nur den Anfang gelesen und war so empört, dass ich erst nachher den Rest gelesen hab. Mein Fehler, alles retour. War aber auch ein provokanter Anfang…

  3. Sascha Kösch

    alles gut… die formatierung ist aber auch beschissen… (mehr ein backup). der artikel ist übrigens von 1998.