Daten über User werden immer professioneller ohne deren Wissen gesammelt, besonders gerne aus Chat-Räumen und von Message Boards. Das Verwalten von personifizierten Daten ist ein neue Form des Online-Business. Doch der Schritt von der legalen Datenverwaltung zum geheimen Datamining ist kurz. Nico Haupt stellt einige Modelle vor.
Text: nico haupt | nicohaupt@yahoo.com aus De:Bug 53

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Und dabei beobachtet werden: Datamining

“Datamining” ist seit jeher ein wichtiges Standbein im Internet. Das Sammeln von Informationen ohne Wissen und Einverständnis des Konsumenten entwickelt sich jedoch immer mehr zu einer profitablen Geschäftspraktik. Es sind mittlerweile professionelle Kundenjäger, die nicht nur eigentlich anonyme Daten auswerten, Surfverhalten aufzeichnen und mit personalisierten Daten verbinden, sondern mit ihnen auch Beziehungen zwischen den Nutzern abbilden. Die Sammelmethoden der Daten führen von umstrittenen Löchern in Email-Providern bis hin zu den sogenannten versteckten “Web-Bugs”, eine Art von Cookie in Grafiken der Firma “Doubleclick”, die als Link getarnt sind. Der neueste Run ist nun, Informationen auszulagern und neu zu hierarchisieren. Dafür wurden Storage Area Networks entwickelt, ein komplettes Netzwerk von Massenspeichern für den transparenten Zugriff über Unternehmensnetze. Eine Firma hat sich besonders stark für neuartiges Datamining gemacht: Vinimaya.com. Ihr Chef Vaidhyanathan Veniteswaran spezialisiert sich auf das Verwalten von “Meinungen” der Netzbesucher. In letzter Zeit geraten diese bislang offenen und spontan sich bildenden Gemeinschaften von Chat-Boards immer mehr in den geschäftlichen Fokus. Bezeichnender Weise dazu der offizielle Pressetext einer Datamining-Firma: “Der Wert eines Unternehmens, das in der Netzwerkwirtschaft agiert, liegt nicht mehr primär in seiner Produktivität, sondern in den Beziehungen, die es aufbaut und erhält. Das Internet ist dabei das Medium, über das Beziehungen zwischen den Unternehmen und den Kunden und zwischen den Kunden untereinander hergestellt werden. (…) In diesem Sinne stellen Online-Communities eine der zentralen Elemente der neuen Ökonomie dar, auch wenn diese Communities selbst nicht unmittelbar zu Einnahmen führen. Das Internet liefert dabei die technischen Möglichkeiten zur Herstellung von Beziehungen.” Und der Trend setzt sich rasch fort: IBM hat vor einigen Monaten eine Konferenz als 3tägiges Event in einem eigens dafür programmierten Board mit Chaträumen veranstaltet. Einige Tausend diskutierten dort über neue Kunden-Strategien.

On Board im Netz
Wo findet man die am meisten? Genau, in Newsgroups, auf Message Boards und in Chaträumen. Die populärsten Boards finden sich bei Yahoo, AOL, Geocities, Xoom oder Ezboard. Vinimaya startete im Mai 2000 in Bangalore, India. Man ordert die Software ViniSyndicate, die SAP-, Oracle-, CommerceOne- und cXML oder xCBL-Infos lesen kann. Je nach professioneller Konfiguration lässt sich eine Menge abspeichern, u.a. Email-Profiles. Die Betreiber der Chat-Boards werden meist nicht gefragt. Geschweige denn, dass die Teilnehmer von ihrer Datenaufnahme etwas wissen.
Doch das Kundenjagen nimmt auch in die andere Richtung – unterjubeln – seltsame Formen an: In vielen Portalen finden sich seit einiger Zeit unterstrichene Wörter, beispielsweise das Wort “Casino”, das entgegen der ursprünglichen HTML-Editierung zu externen Gambling-Seiten führt. Programme fügen Werbelinks in Internet Explorer Seiten ein. Bekannt sind sie als “Smart Tag Technik”, die bereits einige Diskussionen auslöste, wie bei der geplanten Einführung von Microsofts Grafik-Smart Tags, die in Deutschland online verboten wurden.
In den Ultimate Bulletin Boards (UBBs, dem ersten kommerziellen Diskussionskript) können diese neuartigen Spider nun die Reply-Rate und teilweise auch eine Bewertung anderer Mitgliedern abfiltern und deren Kommentare extern abspeichern. Diesen Effekt kennt man auch schon von Google, in dem sogar Telefonnummern und Email-Botschaften auftauchen können. Ziemlich populär für das neue “Sniffing” sind auch neuere Delphi-Boards, die analysieren, wer sich mit wem unterhält (Last Reply to:). Datamining wird in erster Linie auf TV- oder Technikboards eingesetzt, bei denen “Kommunen” nach einer Weile in sogenannten Off-Topic-Foldern über alles Mögliche diskutieren. Werden die Spiders/Bots auf bestimmte Stichwörter geeicht, so lässt sich nach einer Weile durchaus noch mehr feststellen – etwa bestimmte Emotionen oder Vorlieben.

Auch ein technologisches Treffen produziert Gemeinschaft
Der große Bedarf an Data-Mining kommt nicht überraschend. Schon seit langem zeichnet sich ein neues Revival im Internet Relay Chat ab. Ein Bedarf nach Ersatz-Communities ist ebenfalls nicht neu. In den 80er Jahren gab es die MUDS, und mit der Erfindung von CUSeeMe (94/95) gab es die ersten Webcam-Chats. Daneben existieren die VRML-Welten u.a. von Blaxxun und seit einigen Jahren die äußerst erfolgreichen “Discussionboards”. Besonders extrem entwickeln sich die Communities in den USA jedoch im Reality-TV Genre oder bei Fernsehserien wie den Simpsons, Akte X, Dark Angel (von James Cameron) und ähnlich erfolgreichen Killerserien mit Cliffhangereffekt. Auch bei deutschen Soaps wie “Unter uns” oder GZSZ hat sich eine kontinuierliche Chat-Gemeinschaft gebildet. In fiktiven, aber auch in politisch orientierten Ersatzwelten treffen sich Gleichgesinnte. Absurd und lustig wird so was bei Projekten wie micronations.de mit so kuriosen “Kleinstaaten” wie Vulcanien, Demokratische Union Ratelon, Bundesrepublik Feldenau, Freies Inselreich Extasien oder Freies Volksemirat T’schibbo. Die Gemeinden entstehen meist zunächst in Chaträumen, in privaten Räumen (PM), dann später in gleichgesinnten Crack- oder GameCheatingCode-Channels. Je nach persönlichem Background artet das Zusammensein auch oft in verschiedene Extreme aus – von intimem “Dating” über Paranoia bis hin zu komischem Psychoverhalten – “Trolls” beispielsweise zetteln Streits an. Aber auch politischer Aktivismus profitiert immer mehr von Online-Communities – bei power.actionize.com kann man sich z.B. für Petitionen aller Art engagieren.

Politik durch Technik
Seit einigen Jahren werden auch Wahlen im Internet propagiert. Die ICANN stellte ihre Vorsitzenden auf diese Weise zusammen. “Computer-Demokratie” hat unterschiedliche Definitionen. Von Hacktivismus bis hin zu unabhängigen Medienforen finden sich diese auf indymedia.org, mediafilter.org, salon.com, inside.com, orwellproject.com, 2600.com, codeguru.com, slashdot.org oder smokinggun.com. Geisteswissenschaftler sprechen schon seit Jahren von “sozialen Bewegungen im Netz”, andere werten es lieber als “Internetsucht” ab. Vielleicht eine einseitige Bewertung. Manchmal hat das “Treffen im Netz” jedoch direkt sichtbare Folgen: Nachdem man in Foldern, Threads und Replys Gleichgesinnte gefunden hat, mündeten einige der erfolgreichsten Aktionen, die als Board gestartet sind, wiederum in Webseiten, etwa boycott-riaa.com. Oder in Hacktivismus. Hacktivismus gilt als die progressivste Form aller ThinkTanks und wird von Regierungen meist als Cyberwar verallgemeinert. Die Schnittstellen zu gezielten Hacks oder nur Defacements (Missgestaltung) von Webseiten hat jedoch oft einen seriösen Hintergrund. Aktivisten wie die Electrohippies oder die sich vor allem für den Befreiungskampf der Zapatisten in Mexiko einsetzenden Kämpfer des “Electronic Disturbance Theatre” nutzen das Internet verstärkt für virtuelle Sit-ins. In Deutschland gab es die http://www.online-demonstration.org. Andere wichtige Einstiegsportale sind hier http://www.attac.org, fuckcensorship.com oder hacktivism.org.
Aber auch die Regierung macht sich den elektronischen Protest zu eigen. Otto Schily würde für elektronische Petitionen beispielsweise auch die Provider in die Pflicht nehmen. Schily: “Petitionen im engeren Sinne sind Eingaben an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages. Soweit derartige Zuschriften elektronisch eingehen, werden sie an den Ausschuss weitergeleitet und dort entsprechend den festgelegten Verfahrensweisen parlamentarisch behandelt. Selbstverständlich können sich die Bürgerinnen und Bürger per E-Mail auch an alle Bundesministerien wenden.” Auf der anderen Seite führte er die umstrittene http://www.sicherheit-im-internet.de ein. Und in den USA wurde ein Gesetz angedacht, alle Profildaten für 6 Jahre als Backup einsehen zu dürfen. Trotzdem gelten die Amerikaner vor Deutschen, Kanadiern, Franzosen, Australiern und einigen Asiaten als die kommenden Netzdemokraten, die in einer Mischung von Amateurjournalismus bis Script-Forwarding “Informationen” in Chaträumen und Messageboards umherschieben. Moderatoren oder Operator haben teilweise schon längst aufgegeben. Viele Betreiber fahren eine strikte Zensurlinie, manche sind liberaler oder lassen gar absolute Anarchie zu, was zumeist eine düstere bis rauhe Sprachweise zur Folge hat.
Zu den zuletzt erfolgreichsten Aktionen, die oft in Chats und Boards beworben werden, gehört das Boycott gegen eine CBS-Stream-Payment-Einführung durch ein eigens geschriebenes Keygeneratorprogramm, eine Aktion gegen die FTAA Conference oder Angriffe gegen das Taliban-Regime in Afghanistan. Solche Aktionen werden mittlerweile auch als “Electronic Civil Disobedience” bezeichnet. Rekrutiert wird überall.
In einer jüngst veröffentlichten Presseerklärung von Nike verurteilte die Weltfirma die “violent ways” des modernen Aktivismus und statuierten, dass radikale Aktionen wie von der ELF (Earth Liberation Front) äußerst kontra-produktiv zur “realen Gesellschaft” seien. Die gleiche Firma Nike hat gerade eine Dataminingsoftware namens Dynamo aus England lizensiert. Der Think-Tank-Krieg geht somit auch in der Unterhaltungsbranche los. Jeder will seine Klientel rechtzeitig gesichert haben, bis Broadband TV den nächsten Run starten wird.

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Elektronische Lebensaspekte.