Bevor Guido Schneider zu einem Don der Berliner Feierkartelle aufstieg, musste er sich von Tütensuppen ernähren und mit dem Chef von Hartchef in einer Industrial-Band spielen. Jetzt reist er um die Welt und triggert mit einem minimalen Bastard aus Mix-CD und Künstleralbum einen kurzen Theoriegedanken bei unserem Autor.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 103

Über einem Halbmond aus Pizzakruste sitzt der Techno-Produzent Guido Schneider und sorgt für Verwirrung. Das ist kein Album. Nein, nicht wirklich. Ein kleines Missverständnis liegt da vor. So etwas in der Art hatte er gerade gesagt. Für einen kurzen Moment verschieben sich die Koordinaten des vorangegangenen Gespräches ein wenig. Ein klingelndes Telefon schaltet sich dazwischen. Guido hebt ab und Golli ist dran. Golli, wahrscheinlich seine Bookerin. Aus den Wortfetzen, die jetzt durch die Luft sausen, kann man sich eine gute Geschichte basteln: “British Airlines”, “Air France”, “schau doch noch mal”, “Montreal”. Seit einem Jahr, hatte er erzählt, sei das jetzt so. Viel reisen, viel auflegen, viel Party. Es läuft gerade ziemlich gut für den Produzenten Guido Schneider. Dabei macht er schon sehr lange Musik. Die erste Veröffentlichung datiert auf das (junge, wilde, Pionier-)Jahr 1993. “Ich habe mit meinem Freund Erk Richter, der heute das Hartchef-Label betreibt, begonnen. Damals hörten wir aber ganz andere Dinge als heute. Wir kommen eigentlich aus dieser EBM-Richtung. Einmal haben wir dann einen Industrial-Liveact in der Nähe von Hannover hingelegt, bei dem uns ein DJ angesprochen hat: Also, der fände das ganz toll, er würde auch ein Label betreiben, ob wir nicht Lust hätten, etwas für ihn zu machen. Nur, ja, nur ein bisschen melodiöser müsste es dann doch sein.” An dieser Stelle des Gespräches lacht Guido Schneider ziemlich stark, weil es damals eben doch sehr melodiöse Zeiten gewesen sein müssen. “Danach haben Erk und ich uns für ein bis zwei Wochen in den Keller eingesperrt und eine Vier-Track-EP produziert. Da war ich, glaube ich, sechzehn oder siebzehn.” Für die musikalische Jetzt-Zeit sind diese Teenager-Jahre vermutlich nicht allzu wichtig. Es folgte in den späten Neunzigern ein eigenes Plattenlabel, Neue Welten, das war wichtig, und dann, um 2002 rum, die ersten Veröffentlichungen auf Pokerflat, dem Label von Steve Bug. Damals nannte Guido Schneider sich Glowing Glisses und produzierte mit dem Sänger Florian Schirmacher das Album “Silver Surfer”. Glowing Glisses waren vergleichsweise einfach als House-Combo zu identifizieren: Da wurden Rhodes gespielt, man sang ab und an und alles hörte auf das “Tschack!”, die Snare-Drum in der Mitte des Loops. Doch zurück zur Gegenwart, also dem Guido Schneider, der im Jetzt über seinem Halbmond aus Pizzakruste sitzt und abstreitet, ein Album produziert zu haben. Dieser Guido sagt: Ich bin ganz großer Fan von minimaler Musik. Er sagt: Schon immer gewesen. Er erzählt: Von einem ewigen Loop, der stundenlang läuft, ohne dass einem das wehtut, und dass er im Studio genau diesen Moment sucht und jagt.

Da hat, wir halten das jetzt mal kurz fest, eine musikalische Entwicklung stattgefunden, die bestens in das vorherrschende Techno-Paradigma passt. Guido Schneider nennt das Kind beim Namen: Minimal. Der Sound des Guido-Schneider-2006 ist mechanisch, perkussiv und sehr klar. Es gibt eine Menge akuter Hit-Momente auf dieser neuen CD, “Focus On”, schöne Basslines und Melodien, die oft ein bisschen kirre wirken. Der Name? Man braucht Guido Schneider gar nicht erst zu fragen: Falsch, äh-äh. Der ist nicht von ihm, sondern nur der Titel einer neuen Reihe bei Pokerflat. Da wäre dann auch des Rätsels Lösung: “Focus On” ist ein Nicht-Album von Guido Schneider, eine Werkschau und kein Künstleralbum. Alte Tracks werden mit neuem Material gemischt, oder besser: editiert, also in Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt. Zusätzlich erscheint eine Sechs-Track-LP mit ausschließlich neuem Material auf Vinyl. Der Sinn einer solchen Reihe ist klar: Es soll ein Überblick über das Schaffen einiger Pokerflat-Künstler geboten werden, der Gegenwart und Vergangenheit verbindet. Unklar ist jedoch, ob dieser Spagat zwischen Mix-CD und Künstleralbum jedem als solcher aufgeht, wenn er die CD hört. Interessant ist dieses “Focus On”-Nicht-Album im Falle Guido Schneiders jedoch darüber hinaus, weil es eine kleine Theorieblase ansticht. Man kann über den treibenden Fluss des Mixes wunderbar grübeln: Sind Minimal-Techno und das klassische Albumformat nicht eigentlich natürliche Feinde? Geht es nicht beim einen um eine Reduktion von Sound und Struktur, die auf eine gut tanzbare Anonymisierung der Musik herausläuft? Und geht es beim anderen nicht darum, ein Format zu haben, auf dem sich ein Künstler möglichst facettenreich ausbreiten kann? Manchmal wünschte ich mir Klarheit in Form eines allwissenden Kellners, der um uns herumschleicht und uns jedes Mal einen sanften Klaps auf den Hinterkopf gibt, wenn wir im Begriff sind, aneinander vorbeizudenken.

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Elektronische Lebensaspekte.