Text: vicky tiegelkamp aus De:Bug 10

Navigating Shakespeare von Vicky Tiegelkamp vicky@berlin.snafu.de Negropontes MediaLab in Boston, USA, ist Daniel Düsentriebs Wirklichkeit gewordenes Versuchslaboratorium. Hier geschehen Dinge, die irgendwann in Zukunft unser Leben verändern werden. Im Massachusetts Institute of Technology (MIT) angegliederten Lab, gesponsert von großen Namen aus der Industrie, huschen Hunderte von klugen Helferlein durch die Gänge. Die Sponsorenliste ist lang – die Unternehmen erhoffen sich von diesem Technik-Kreativ-Potenial der Studenten neue Ideen. Voraussetzung ist C++ und eine Menge ungewöhnlicher Ideen im Kopf. Und mit etwas Glück darf man sich Gedanken machen zu Themen wie: Spielzeug von morgen oder Dinge, die denken können. David Small ist einer von ihnen. Und ein bißchen überheblich auch. Schließlich weiß er, daß es was besonderes ist, im MediaLab seine Ideen zu verwirklichen. Er wollte immer schon Wissenschaftler werden. Seit Anfang der 90er studiert er hier, wird dieses Jahr seine Doktorarbeit schreiben, und dann geht es raus in die rauhe Wirklichkeit. Small gehört zu Prof. John Maedas Team “Aesthetics and Computation”. Er beschäftigt sich mit Interface Design und findet die Darstellung von Computer-Oberflächen langweilig zweidimensional: “Immer werden die gleichen Metaphern benutzt wie in der realen Welt. Computerfenster sind wie Papierbögen. Ich lege sie aufeinander, krame den unteren wieder nach vorne. Nie ist alles auf einmal erfaßbar. Auch im Web habe ich immer nur den Ausschnitt eines Details.” David überlegt sich Lösungen, wie man Gesamtinhalte auf einem Blick erfassen kann. “Bei einem Buch sehe ich, wie dick es ist. Ich bekomme schon einen Eindruck, was mich erwartet.” Bei Vorträgen in München und Berlin erzählt er von seinen Projekten. Eines heißt “Navigating Large Bodies of Text”. In der realen Welt sind bsw. die gesammelten Werke Shakespeares in einem Regal überschaubar angeordnet. Der Blick wandert über die Bücherdeckel, Titel für Titel, der Leser wählt schließlich eines der Bücher aus, nimmt es in die Hand, blättert und beginnt, die einzelnen Worte zu lesen. Dieses Prinzip versuchte Small auf einem Bildschirm darzustellen. Erst werden alle Titel der Theaterstücke angezeigt, aber jeder elegant anzoombar bis auf jede Zeile. To be or not to be. Für dieses Projekt wurde extra ein riesiger, hochauflösender Bildschirm gebaut. Während seines Vortrages demonstriert er in einem Video, wie der Betrachter erst alle Titel der Shakespeare-Stücke sieht und daneben horizontale Streifen auftauchen, fast wie Barcodes. Er zoomt näher heran. Die Barcodes entpuppen sich als der gesamte Text eines Stückes. Der Betrachter gleitet immer näher an den Text heran, bis er Zeile für Zeile lesbar ist. Und nicht nur das: Er ist dreidimensional angeordnet. Gibt es Fußnoten zu bestimmten Worten, werden sie in der Tiefe angezeigt; wie um die Ecke geklappt – eine digitale Eselsecke. Das elegante, smoothe Heranzoomen vom Ganzen auf das Detail ist für Small wichtig. “Dieses harte Screen-Schnitt-nächster-Screen-Gehabe ist doch völlig unnatürlich. Wenn wir uns im Geiste solche Dinge vorstelle, zoomt das Gehirn auch in langsamen Kamerafahrten auf die Dinge zu.” Navigierbar sind Smalls Projekte mit einer Art aus kleinen Legosteinen gebauten Joysticks. Diese kleinen Maschinen haben Legoräder und Griffe, mit denen man sich durch die dreidimensionale Textwelt kurbelt. Lego sponsert das MediaLab (mit Erfolg: s. De:Bug IX). “Hattest Du als Kind auch nie den richtigen Legostein in der richtigen Größe UND gleichzeitig in der richtigen Farbe? Das kann dir im MediaLab nicht passieren. Unser Vorrat an Legosteinen ist unerschöpflich,” grinst er. MediaLab: Aesthetics and Computation http://acg.media.mit.edu/people/ David Small Homepage http://dsmall.www.media.mit.edu/people/dsmall/ ———————————————- Zitate: Hattest Du als Kind auch nie den richtigen Legostein in der richtigen Größe UND gleichzeitig in der richtigen Farbe? Das kann dir im MediaLab nicht passieren.

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Elektronische Lebensaspekte.