Jede gesellschaftliche Tendenz erzeugt eigentlich zuverlässig eine Gegenbewegung. Im Fall der Explosion der Selbstdarstellung auf allen medialen Ebenen beißt sich der Mechanismus allerdings in den Schwanz: Wer nicht mitmacht, wird auch nicht wahrgenommen.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 107

Special

Dezent geht’s nicht
Repräsentationszwang ohne Entkommen

In den frühen 90ern wurde Techno über weite Strecken von der Erwartung begleitet, das Subjekt sowohl aus der Kulturproduktion als auch dem -konsum auszutreiben: Der DJ sollte demnach möglichst anonymer Dienstleister einer amorphen Partymasse sein, in der wiederum Egos keine Rolle spielen sollten. Die eher vage als konkret ausformulierte Hoffnung war dabei, den Narzissmus in den Geräuschen des Musik-Maschinenparks aufgehen zu lassen. Dieses “Projekt” der subjektlosen Kultur ist offensichtlich gründlich gescheitert. Inzwischen sind Namen und Egos in allen Formen der elektronischen Tanzmusik genauso selbstverständlich akzeptierter Bestandteil wie in allen anderen Genres – ein glatter Sieg der individuellen Identitäten und Images über den kollektiven Ausdruck. Angesichts dieses bereits durchexerzierten Versuchs verwundert es kaum noch, dass es heute keinen konstruktiven Gegenentwurf zur anhaltenden Ausweitung der Imagezone gibt. Und eine reine Verweigerungshaltung führt in diesem Fall direkt in eine paradoxe Sackgasse: Wer Möglichkeiten zur Selbstdarstellung auslässt, wird entweder gar nicht mehr wahrgenommen oder als besonders tiefes Wasser missverstanden – ein Standard-Klingelton am Handy, eine Preset-Ansage am Anrufbeantworter, kein Profil auf den zahlreichen Netzwerk-Sites, kein Logo auf dem T-Shirt, keine originelle E-Mail-Adresse – all das gilt heute als Statement. Somit gibt es außer Eremiten eigentlich niemanden, der sich dem Ego-Hype entziehen kann, weil die Wahrnehmung der Mehrheit schon dermaßen auf Selbstdarstellung und Image-Design fixiert ist, dass Zurückhaltung in eigener Sache keine reguläre Option ist. Wer sich nicht selbst featured wie die Hölle, gilt also entweder gar nicht mehr oder aber als besonders abgefeimt.

Nicht gibt’s nicht
Wenn der Mehrheitsblick als Objektiv der Boulevard-Kamera funktioniert, führt jeder Versuch zur medialen oder kommunikativen Fortschrittsverweigerung ins Paradox oder ins Abseits, in dem es perspektivisch auch keine gesellschaftliche Teilhabe mehr gibt. Jegliche Gegenbewegung zum großen Ego-Marketing-Trip wird so unmöglich bzw. schrecklich uneffizient, da sie sich per Definition nicht artikulieren kann. Trotzdem darf man wohl davon ausgehen, dass es sie gibt, die Image-Buhei-Kostverächter, die ihr eigenes Geltungsbewusstsein nicht ernst nehmen wollen, sie befinden sich allerdings in einer ähnlich unbefriedigenden Lage wie die berühmt-berüchtigten Nichtwähler: Sie sind da, es sind viele, sie sind aber raus aus dem Spiel. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass viele ihrer per Definition schweigsamen Vertreter durchaus dezidierte Meinungen und Positionen vertreten, nur dass niemand davon erfährt und dass trotz aller gegenteiligen Politiker-Beteuerungen sich auch niemand ernsthaft dafür interessiert. Dass die potentiellen Maschinenstürmer der Medienwelt sich so schon im Ansatz in Widersprüchen verheddern, die jede ernst zu nehmende Organisations- und Aktionsform verhindern, führt zu absurden Erscheinungen wie den japanischen “Hikikomori”: Der Begriff bezeichnet Jugendliche, die sich jeglichem gesellschaftlichen Druck durch den radikalen Rückzug aus der physischen Öffentlichkeit entziehen, indem sie sich teils über Jahre in ihren Zimmern verbarrikadieren. In der Regel nachtaktiv, beschäftigen sich Hikikomori mit Comics, Videospielen und Online-Welten, in die sie zwangsläufig ihre Identität und ihr Image auslagern. Unsicherheit, Zurückhaltung und Schüchternheit sind somit Phänomene der “echten” Welt, die die Tendenz zur Virtualisierung der Egos sogar noch fördern: Hunderttausende Hikikomori führen virtuelle Existenzen, verzichten gleichzeitig auf ein traditionelles Leben und zeigen damit, dass Geltungsbewusstsein zwar aus der stofflichen Realität, aber nicht aus dem medialen Raum verschwinden kann.

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Elektronische Lebensaspekte.