Impulse war das wichtigste Label zu Freejazz- und Postfreejazz-Zeiten. Große Zerleger wie Albert Ayler und große Bassgroove-Erneuerer wie Sam Rivers veröffentlichten hier. Jetzt ehren junge Produzenten wie Sa-Ra oder Marc de Clive-Lowe ihre Helden in einer Remix-Serie.
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 97

Wer hat Angst vorm Original?

Wenn man ehrlich ist, darf man sich bei Remix-Compilations wenig Illusionen bzgl. der Intention der Label-Manager machen. Nun ist das bei Jazz-Remixen noch mal eine spezielle Sache, insbesondere im Hinblick auf die Qualität ergo Unantastbarkeit des Originalmaterials. Der Jazz-Freund per se pflegt eine sehr emotionale, aber respektvolle Distanz zu den Künstlern, deren Platten er kauft. Unabhängig davon ist er in der Regel offen gegenüber anderen Genres, nicht zuletzt aber deswegen, weil im Hinterkopf stets eine musikhistorische Kausalkette ihr Unwesen treibt (ein Beispiel: von Duke Ellington zu Charlie Parker zu Miles Davis zu Herbie Hancock zu Quincy Jones zu Michael Jackson und bums, Popmusik). So darf es nicht wundern, dass der Weg in die entgegengesetzte Richtung so manchem ein Dorn im Auge ist.
Auf der anderen Seite hat man es hier mit Impulse! zu tun. Ein Labelname mit ähnlich aufgeladenem Subtext für den Jazz-Hörer, wie – sagen wir mal – Kompakt für den Freund der durchgehenden Bassdrum. Impulse!’ Geschichte ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Ab der zweiten Hälfte der 60er stand das Label für Avantgarde, war Hauptbühne für die Freejazz-Entwicklung. Was den quantitativen Output an wichtigen Veröffentlichungen angeht, ist das Label in der Form nur mit Blue Note, vielleicht noch mit Atlantic zu vergleichen. Einzigartig ist bis heute das Level an Innovation. Impulse!, das bestätigt auch Schlagzeug-Legende Chico Hamilton im Interview, “war immer schon etwas Besonderes“. Gegründet wurde Impulse! 1960 von Creed Taylor als Tochter von ABC-Paramount. Taylor selbst gründete, nachdem er Impulse schon nach einem Jahr wieder verließ, 1967 CTI Records (Creed Taylor Inc.), ein Label, das auf der einen Seite die größte Geldverbrennungsmaschine der Branche darstellte (mit der Limo zum Studio und zurück, you know?), auf der anderen Seite aber in jeder Hinsicht so “sophisticated“ war, dass man allein die Plattencover blind an die Wohnzimmerwand seines neuen Penthouse in der Upper West Side nageln konnte. Creeds Stelle (als Produzent) bei Impulse! wurde 61 mit Bob Thiele besetzt und dieser Wechsel sollte sich auszahlen. Thiele steht bis heute für den Impulse!-Sound. Ohne seine Weitsicht wäre eine Reihe von Jazzgrößen (angefangen bei Archie Shepp) nie groß rausgekommen. Abgerundet wurde das Team von Sound-Engineer Rudy van Gelder, der mit seinem legendären Studio in New Jersey schon Blue Note zum Höhenflug verholfen hatte. Das Herzstück des Katalogs stellen die Aufnahmen von John Coltrane dar, mit “A Love Supreme“ als Sahnehäubchen, für viele immer noch eine der schönsten Platten aller Zeiten.

Ergänzen statt verändern

So ist es kein Wunder, dass auch das Remix-Album “Impulsive!“ etwas Herausragendes darstellt. Zunächst die Liste der Remix-Produzenten, die mit Telefon Tel-Aviv, Kid Koala, Sa-Ra oder RZA ebenso prominent wie vielfältig besetzt ist. Dasselbe gilt für die Auswahl der Originale, die von Pharoah Sanders, Yusef Lateef oder eben Chico Hamilton stammen. Hamilton, der übrigens mit Mingus und Dexter Gordon in Kalifornien zur Schule gegangen ist, hat inzwischen das Alter jenseits der achtzig erreicht und ist somit vielleicht der Erfahrenste aus der alten Drummer-Schule um Max Roach oder Roy Haynes. “El Toro“ aus Hamiltons Impulse!-Debüt-Album „Passin’ Thru“ wurde von Marc de Clive-Lowe neu gemischt, der in der Konferenzschaltung mit einem völlig verschnupften Hamilton und Debug noch einmal konkretisiert, wie schwer die Geschichte eines solchen Labels wiegt: “Es ist ganz klar anders mit diesem Impulse-Projekt, schon auf Grund der Ästhetik des Labels und der Art des kreativen Backgrounds dahinter. Ich dachte, ich müsste wirklich respektvoll gegenüber den Originalen sein. Das war kein Remix, bei dem man einfach irgendwelche Ideen obendrauf haut. Es ging darum, eben nicht die ursprüngliche Ästhetik der Musik zu ändern, sondern ihr nur einen leicht anderen Blickwinkel zu geben.“ Anders als bei Remixen jüngerer Musik, wo man zudem mit mehr als nur zwei Spuren arbeiten kann, hat man es mit Instrumentalisten zu tun, die für sich einen individuellen Sound darstellen. Hier ist der Sound der einzelnen Musikers ein notwendiges Charakteristika des Tracks, ohne das der Track nicht mehr der Track ergo der Remix kein Remix mehr wäre. Denn, so Hamilton: ”Es ist völlig unmöglich für zwei Drummer gleich zu spielen. Allein schon wegen des physischen Aspekts. Ich bin mir sicher, dass die Art und Weise, wie ich über mein Instrument fühle, eine ganz andere ist als die Beziehung anderer Schlagzeuger zu ihrem Instrument“, und weiter ,”ich kenne niemanden, der so spielt wie ich. Ich kenne nur eine Art zu spielen und das ist meine Art.“ Das Gute an dieser Remix-Compilation ist aber, dass der Großteil der Remixer das verstanden zu haben scheint. Sie versuchen nicht die Originale zu ändern, sondern fangen einfach da an, wo die Originale, schon auf Grund der technischen Möglichkeiten damals und heute, aufhören. Marc: ”Was mich angeht, kannst du mir jede Coltrane-Platte auf Impulse spielen und ich kenne jede einzelne Note. Aber nicht jeder versteht eben, wo Impulse wirklich herkommt. Einfach auch, weil nicht jeder Produzent streng ‘musikalisch’ ist. Ich persönlich mag aber die Leute, die vielleicht nicht die besten Instrumentalisten sind, aber bei denen es, was die Remixe angeht, immer darum geht, was eben komplementär (zum Original), nicht was kontradiktorisch ist.“ Und genau so läuft dann auch die Remix-Arbeit ab. ”Ich habe bei Remixen immer viel am Drum-Programming gearbeitet, aber bei einem Chico-Hamilton-Track, warum sollte ich da Drum-Programming machen? Also habe ich nur hier und da z.B. eine kleine Hi-hat hinzugefügt, um dem Ganzen mehr einen Loop-Vibe zu geben, und hab Chico den Rest machen lassen.“ Kein Wunder, dass Chico Hamilton in dem Gespräch mehrmals bestätigt, wie gut ihm der Remix gefällt. Denn für ihn liegt die Sache klar auf der Hand: ”Lass es uns z.B. so sagen: Es wird nie wieder einen neuen Miles geben. Also Miles ist Miles. Die Leute, die diese Musik begründet haben, sind immer noch die, deren Maßstäbe auch noch heute gelten. D.h. diejenigen, die heute spielen, spielen nicht besser, als wir das früher getan haben. Die Musik ist immer noch die Gleiche. Es gibt nur zwölf Töne vom ‘europäischen’ Standpunkt aus und alles, was du mit diesen zwölf Tönen anfangen kannst, das ist es dann eben auch.“

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Elektronische Lebensaspekte.