Text: Sascha Kösch aus De:Bug 26

Es aber dann doch wollen. Speziell im Sommer, das Leben steht dann ja immer wieder hoch im Kurs. Mai, Juni, Juli und das, was wirklich so heisst, Sommer, scheint irgendwie immer eine händchenhaltende Beziehung zur Menschlichkeit zu pflegen, vielleicht weil alles ähnlich warm ist. Im Winter darf die Zeit mit dem Ende der humanistischen Epoche kommen. Im Sommer kommt unweigerlich das Leben. Typisch, unerbittlich, widersprüchlich vielleicht sogar. Mart und Sven von Impulse sind eine Band, jedenfalls irgendwie. Sie spielen gerne live, haben für die Hälfte der Tracks auf ihrem neuen Album auf K7 “With a lot of music and all Songs” Sänger. Und es kommt ihnen ohne Probleme die De:Bug Antithese: “Computer machen immer das, was sie sollen” über die Lippen (Echo: “Wenn der Mensch eingreift, ist es immer verschieden”). Ketzer. Warum also sind sie so gut? Wir schreiben das Jahr 1999. Die Gegensätze, die das Jahrzehnt bestimmt haben (Rock vs. Elektronik, Mensch vs. Maschine, Sex vs. Glück, CSU vs. Gentechnologie) schütteln sich, gerne zur Verblüffung aller Beteiligten, die zuweilen recht unsauberen, gelegentlich aber auch antimateriellen Hände. Schliesslich will man doch in Frieden ins neue Jahrtausend. Danach kann der Krieg ja dann wieder losgehen. Und er wird. Es gibt keine ökonomischen, ökologischen, sozialen, usw. usf. Lösungen für ca. eine Milliarde Probleme, das wird irgendwann einmal auffallen. Aber nicht im Sommer. Ausnahmezustand, Auszeit, erst mal an den See. Impulse haben in Roskilde gespielt. Weiss jemand von euch, was das ist? Für frühneunziger corporate alternative Rock und Pop und HipHop ist es ungefähr das, was Woodstock für die Hippies ist. Was für den Ruhrpottideologen die Pommesbude, das ist für den Festivalepigonen Roskilde. Ein übersprudelndes Füllhorn sozialer Interaktion in kulturell reichhaltigster Mischform, Lagercharme aller Arten extra. Sie haben gespielt und gewonnen. Was soviel heisst wie: es hat funktioniert. Impulse funktionieren immer. Womit wir der dezenten Ironie der Menschlichkeit von Leuten näher kommen, die auf die Idee verfallen, ihre Platte “With a lot of music and all Songs” zu nennen, vor allem wenn keine drauf sind, oder sagen wir mal einer. Mart dürfte jetzt so langsam ein ganzes Jahrzehnt elektronischer Musik überblicken. Seit Ewigkeiten als DJ unterwegs, als Vertriebsmitarbeiter von NTT ein Wuschelparadies neuster 12″es immer zur Hand, ein Kämpfer für die Kleinen und Entrechteten, ein Kämpfer für den Ruhrpott als musikalisch innovativer Faktor mit seinem eigenen Label Dodge, auf diversesten Partys ein Robin Hood des Freestyles, gegen musikalische Enge, Stilfaschismus und Verdammnis, und eben ein sehr sympathischer Mensch ohne Angst vor Fussballfans, Bundeswehrpendlern, Alkohol, Drogen, Analogem. So eine Weitsicht will man selber nicht immer unbedingt, sie bringt so viel wie sie bestimmt. Aber sie feit einen gegen Ideologien eines mauscheligen Rock and Roll-Ethos so grundlegend, dass man ruhig den einen oder anderen Satz fallen lassen kann, der einen als Bochums analogen Andy Warhol durchgehen lassen könnte. Wie er arbeitet auch Sven Stouth grade an einem Soloalbum für BTM, die über die Pottheadz Compilations ihr Tranceimage längst losgeworden sind. Er hat seine Pseudonyme, South Connection, und sein eigenes Label über Bord geworfen, ist in der Ich-stelle-mich-Phase und editiert lieber in Details. Doch wieder straighter als bei Impulse. Eher stilecht gegenüber dem vielschichtigeren Projekt Impulse. Impusle ist alles andere als die reaktionäre Band, die elektronische Musik in die Fänge des Rockbusiness legen will, oder in die der Musik-ist-nur-Musik-Ideologien, sondern sie wissen was läuft. Aus ersten Händen. Impulse sind ganz klar pro Rave, pro MP3, pro Techno und Technologie, pro Analog, pro Club, pro Tanzen, pro Netz, pro Vinyl, pro Speed Garage, pro Humor, pro Illegalität und eben ungeheuer affirmativ und einfach nicht kleinzukriegen. Die CD darf man stehlen, Anarchie rult, die Kids werden es schon machen, alles ist zu teuer. Impulse für den Sommer. Mit dem eigenen Besitzdenken wird man auch noch klarkommen. Jetzt Interview. De:Bug: Warum habt ihr soviel mit Stimme gearbeitet? Mart: Wir wollten es einfach. Es ging darum, die Songstruktur aufzubrechen. Ausser unserem Sommerhit mit Nanou ist das ja auch so geworden. Mal rechnet man nicht mal mehr mit Vocals und sie kommen dann doch, mal sind sie sehr weit hinten und eher gesprochen, mal greifen sie direkt in den Sound ein und arbeiten eher mit ihm. Es sollten auch verschiedene Sänger sein. Da wir alles ja auch zum grössten Teil live umsetzen können und auch so aufgenommen haben, wollten wir nicht, dass man von uns erwartet, dann die Backingcombo für den einen Sänger oder die eine Sängerin zu sein, die alle sehen wollen. Mit Fake können wir ja nicht leben. De:Bug: Dichte scheint mir ja eher auch ein Ziel zu sein bei eurem neuen Album. Mart: Wenn du das so hörst, man kann sich ja eh von dem, was jemand sagt, hinterher nicht mehr freisprechen. Aber das Zusammenspiel ist auch besser geworden. Svens und mein Equipment unterscheidet sich ja wirklich dadurch, dass mein Kram im Prinzip analog ist, meist nicht mal midifähig, und Svens Sachen Hi-End Kram ist. Ich glaube, wir haben das gut integriert. Es ist auf jeden Fall harmonischer, und die Samples sind nicht mehr so im Vordergrund. Sven: Soundtechnisch ist es wirklich dichter. De:Bug: Wie wichtig ist euch Live? Mart: Ich weiss nicht, ob du Roskilde kennst. Sie wollten uns schon über zwei Jahre, und dieses Jahr sind wir dann endlich mit den neuen Tracks aufgetreten, ohne dass irgendjemand ein Stück kennen konnte. Die Reaktion war also unvorbereitet. Und die war super. Wir waren beflügelt weiterzumachen. 80% der Tracks sind live eingespielt, und irgendwie macht uns das mehr Spass. Mal ist man richtig gut, und mal passiert dann auch mehr. Computer machen immer das, was sie machen sollen, und nichts anderes. Wenn der Mensch eingreift, ist es halt immer verschieden. De:Bug: Ein Konzept, dem De:Bug verständlicherweise grundsätzlich widersprechen muss. Sven: Es passieren auch Dinge, von denen man vorher nichts weiss. Je nach Kontext spielen wir auch die Ambienttracks live. De:Bug: Ist Hometown Dortmund noch ein wichtiges Thema. Mart: Definitv für mich immer noch. Ich kämpfe nach wie vor und stehe noch dazu. Ich habe neulich mal wieder eine Party gemacht, um zu sehen, wie weit die Leute sind, nichts erwartet, und viel, viel mehr gekriegt. Das war schön. Ein Zeichen, mit allen möglichen Sachen weiterzumachen. Sie kommen langsam dahinter. Es ist gut, es grade mit K7, die ja eigentlich eher für Compilations stehen, weltweit weiterzutragen. Wir haben in England sehr gute Presse bekommen. Sie hypen gerne, die Engländer, wie wild, aber wenn sie Plattenkritiken schreiben, dann beziehen sie sich wirklich auf Stücke und schreiben nicht wie in Deutschland üblich die Pressetexte um. In England bleiben Leute auch auf der Tanzfläche, wenn der DJ schlecht ist, und machen ihm klar, dass er besser zu werden hat. Soetwas habe ich bei uns noch nie gesehn. Da wird viel mehr gefordert. Ich gehe raus, um Spass zu haben und zu tanzen. De:Bug: Na, das machen sie hier doch auch. Mart: Nee. Tun sie eben nicht. Ich habe immer das Gefühl, die gehen aus, weil sie solo sind oder Frauen aufreissen wollen. Oder weil es grade mal angesagt ist dahinzugehen. Aber warum genau weiss man nicht. Das sehe ich hier zu 80%. In Berlin ist das schon noch etwas besser. De:Bug: Aber es muss schon ein spezieller Style sein. Sven: Dagegen steht Impulse. Das ist eher ein Spannungsbogen, ein Spektrum. Etwas, das man nach zwei drei Stücken gar nicht verstehen kann. Es war mir persönlich auch wichtig, soetwas zu machen, weil es in gewisser Weise auch das Gegenteil von dem ist, was ich solo mache. Im Zusammenhang neuer elektronischer Musik ist man immer sehr definiert, und man muss das heute glaube ich auch aufbrechen. So ein Stück wie “Somnambule” ist für mich allerdings schon fast zu schwer und auch der härteste Bruch. De:Bug: Das einzige mit Singlelänge. Mart: Aber es kommt nicht. Sven: Nö. De:Bug: Um euer Label zu frustrieren? Mart: Ich hab damit Sven frustriert. Sven: Nein. De:Bug: Wer nun wen. Mart: Ich wollte es als Pop haben. Die Spitze von dem Extrem. Keine Breaks, keine Brechung vom Sound, komplett unprogressiv. Das kann wichtig sein.

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Elektronische Lebensaspekte.