Beatdown Disco, Edit und Discohouse nach der digitalen Sättigung
Text: Burkhard Welz aus De:Bug 158


Foto: cc-by Martin Fisch

Es ist gerade auch 2011 äußerst interessant zu beobachten, wie sich ein in weiten Teilen analoges Genre inmitten der Digitalisierung des Musikmarktes entwickeln kann. Die These, dass Disco seine Etikettierung als Nu und Edit erfolgreich überstanden hat, wäre hinsichtlich einiger erfolgreicher neuer Labelgründungen, stabiler Verkaufszahlen und künstlerischer Weiterentwicklungen sicher nicht falsch. Das Genre Discoedit war vor allem zu kurz umrissen. Ein generelles Problem der Subgenres. Dem Edit hauptsächlich Redundanz zu unterstellen, nur weil hier auf Sampling zurückgegriffen wurde, hat sich hingegen als falsch erwiesen. Man etabliert sich und hat auch keine Gründe zu verschwinden. Die Lücke, die zwischen Soul/Rare Groove und House/Techno klaffte, wurde geschlossen. Wer sich hier einrichtet, bleibt wahrscheinlich länger.

Was bisher geschah…
Wieso der Edit? Die besten Labels der ersten Stunde (Creative Use und Disco Deviance aus London, Golf Channel und Wolf + Lamb aus Brooklyn, Future Classic aus Sydney, Super Value aus Bologna, Firecracker aus Leith oder Instrument of Rapture aus Glasgow) entstanden wohl mehr, um Alternativen zum ausgelutschten Techno-Minimal zu bieten. Ein kurzer Abriss: Schon Frenchhouse, die Idjut Boys oder Metro Area experimentierten mit Disco. Doch es dauerte ein komplettes Jahrzehnt, um wieder komprimiert auf die Tanzflächen einzusteigen. Zunächst kam Cosmic zurück – dieser seltsame Zwitter aus Balearic, Italo Disco und Krautrock, der durch die Boxen waberte wie Marmelade über Toast. Doch zum Tanzen war das eigentlich nichts. In Ermangelung eines neuen Genrebegriffs entstanden Labels wie Permanent Vacation aus München und veröffentlichten vielsagende Compilations. Das Baby brauchte dringend einen Namen. Wer wollte schon Slo-Mo-House heißen?

Wenn man so will, löste diese Probleme dann der Edit, eigentlich wie vor nahezu 40 Jahren in den Clubs am Big Apple. Guy Monod de Froideville, (Mit)-Betreiber von Sleazy Beats, als führender Blog- und Labelinhaber über sein Initial: „House hat mich vor einigen Jahren echt gelangweilt. Da stolperte ich über das Zeug, dass The Revenge oder Mark E produzierten. Diese ersten Platten auf Jisco haben mich wirklich geflasht. Disco im HipHop-Tempo mit schwer tuckernden Housedrums; es fühlte sich toll an, wie eine Mischung all meiner musikalischen Vorlieben: Downtempo, HipHop, Disco und Deephouse. Perfekt!“

Mehr Schall als Rauch
Mittlerweile stehen die Vorzeichen anders. Das digitale Segment beschränkte sich durch den Mangel des haptischen Werts zuletzt auf die Entwicklung immer neuer Gimmicks. Die Krux: Schallwellen können digital nur binär transformiert wiedergegeben werden. Das wurde auch in der ersten CD-Euphorie einfach verdrängt. Eine funkelnagelneue App und die heißeste Software wirken da allenfalls als Placebo gegen das gefakte natürliche Klangspektrum der Schallplatte. Dieses Dilemma können selbst Performance-Manierismen wie Serato oder Traktor nur geringfügig kaschieren. Aber es führte zu einer veränderten DJ-Auffassung. Das Vinyl schien als Medium abgelöst.

Doch im Zuge des Limited Pressing stellt es plötzlich einen willkommenen Antizyklus dar. Gerade jetzt, wo aus jedem Handy oder jeder Cola-Dose songähnliche Elemente herausquellen: „In früheren Zeiten gehörte es zum Job eines DJs sich herumzutreiben und zu diggen, also nach diesen verborgenen Nuggets und Whitelabel-Importen zu forschen, von denen dein Plattenhändler vor Ort vielleicht nur eine Hand voll anbot. In Zeiten von Beatport, Juno, Download und Filesharing hat sich dieser Aspekt der DJ-Kultur fast vollständig in Luft aufgelöst. Zeit und Raum spielen keine Rolle mehr, alles ist ständig und überall erhältlich. Wo ist der Spaß dabei? Ein Grund, 12″ Records so limitiert zu veröffentlichen, ist, einen Teil dieser Magie wiederherzustellen,“ erklärt Guy Monod von Sleazy Beats.

Im ersten Halbjahr 2011 stiegen die Verkäufe laut Retail Gazette in Großbritannien auf 168.296 Einheiten. Das entspricht einem Wachstum um 55 % im Vergleich zum ersten Halbjahr 2010.
In den USA wurden im selben Zeitraum 3,6 Millionen Vinyls verkauft. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das ein Wachstum um 37 % laut Nielsen SoundScan.
Diese Zahlen können natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Download gerade für Clubmusik die federführende Praxis ist. Insbesondere die Generation der 25-35jährigen scheint mit MP3-Sound gesättigt zu sein. Leichtes Handling, Preis, Fortschrittsglaube und Code-Of-Cool. Bloß nicht veraltet wirken. Da kann man sich fragen: Ist der lahme Schatz aus Files und zusammengebrannten Musikdateien nicht viel gestriger? Rock`n`Roll ist das jedenfalls nicht.

Wie stehen die Discogs-Aktien?
Der DJ verfügt also 2011 auch ohne Vorab-CD-Rs oder Live-Editing weiterhin über den Luxus, exklusives Material zu spielen. Es reichen immer noch zwei 1210er, zwei flinke Hände – und die Musikerkennungs-App kann einpacken. Falls der Käufer den Riecher hat, kann er sich später sein Vinyl vergolden (wenn er denn will). Der fünffache Wert ist auf Discogs keine Seltenheit. Das Vinyl als die Aktie des Musikprekariats. Also vorbei die Zeiten, als man das Gefühl hatte, mit seinen Platten, einem alten Ford Taunus ähnlich durch eine Stadt voll polierter, industriell aufgepumpter SUVs zu wackeln? Die gemütliche Geschwindigkeit scheint auch nicht das Problem zu sein, zumal die Beatdown-Produktionen das haben, was man als „fat“ bezeichnen würde: „Es ist schon toll, zu sehen, wie sich die Leute bei Beats um die 100 BPM bewegen. Die Tänzer reagieren da erstaunlich gut drauf,“ befindet Guy Monod.

Daniel Solar, einer der besten Produzenten hierzulande und Mitbetreiber des Dikso-Labels, ergänzt in Berlin: „Ich habe noch nie so oft wie in der letzten Zeit gehört: Mach doch mal schneller. Diese Leute wird es immer geben. Im Grunde funktionieren die Partys trotzdem, es kommen halt immer dieselben Leute zum Pult.“ Gerade hierzulande gibt es nach wie vor eine große Diskrepanz zwischen einer scheinbar gut informierten Subkultur und der Trägheit der Plätze der Mehrheiten. Was die Subkultur und deren Vasallen schon wieder durchwinken (den Edit zum Beispiel), ist beim Tänzer noch gar nicht richtig angekommen.

Immer wieder neue Gesichter
Und wer sind nun die House & Discodubber 2011? Sicherlich Tiger & Woods, die um ihre Identität einen ähnlichen Mythos stricken, wie damals „Daft & Punk“. Und den beiden Franzosen stilistisch am Nächsten stehen. Auch Tornado Wallace, der die Konsens-Maxi, zumindest in UK, auf IOR vorlegte. Überhaupt Melbourne: Francis Inferno Orchestra, Andy Hart, Mic Newman aka Fantastic Man oder The Tortoise. Weltweit großartige Produzenten wie Dead Rose Music Company, der Italiener Nicholas oder der Ukrainer Vakula, MCDE aus Köln und Alex Agore aus Berlin. Letztere reaktivierten hauptsächlich Chicago und Detroit. Als Hardest Men in Business. Talente wie KRL und Zoo Look aus UK oder The Glue aus Bergen fühlen sich inspiriert. Meist vorgestellt auf Sampler-EPs, die im Discospektrum an Bedeutung gewinnen. Für Newcomer und Labels ein geringes Risiko und für DJs fast so günstig wie ein Download. Sehr schön zu beobachten auf Englands Sccucci Manucci, Tusk Wax und Wolf Music, Detroits Kolour Limited, Melbournes Deepcast oder Berlins Dikso.

Ausgetauscht wird woanders: “Soundcloud war ein superwichtiges Medium für die ganze Entwicklung der Disco-Reworks, weil es hier die Möglichkeit gab, die Sachen online zu stellen und direktes Feedback zu bekommen. Da hat sich dann eine ganz eigene Szene entwickelt,“ resümiert Daniel Solar. Die teils analoge Disco hat sich kurioserweise durch digitale Blogs, Online-Shops und Portale wie Soundcloud weitestgehend unabhängig gemacht. Schnippchen geschlagen!

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

3 Responses

  1. Pit

    “Falls der Käufer den Riecher hat, kann er sich später sein Vinyl vergolden (wenn er denn will).”

    Klappt aber nur, bei entsprechender Nachfrage, was wiederum einen bestimmten Bekanntheitsgrad der Tracks (oder der A-Seite) erfordert, und somit sehr wahrscheinlich auch Featurings auf Compilations etc. (welche dann wohl auch als CD oder DD erscheinen, oder “unlimitierter”) oder Vinyl-Rip-Warez-Release bedeutet.

    Ansonsten dachte ich eigentlich, dass diese endlame “Material-Format”-Debatte langsam auch für den Letzten abgelutscht und durchgekaut ist.

    Klingt nebenbei gesagt auch grad’ so, also ob Musik-Diggen online d.h. nach “Digitalformaten” jeder Heiopei betreibt und beherrscht, und keineswegs AUCH ‘ne Angelegenheit ist die schon auch recht viel Zeit, Mühe und Hingabe frisst.
    Und immernoch genauso Musikgeschmack, Infoquellen und “musikkulturelle Landkartenkenntnisse” bedarf.

    Aber für “elitäre, disversifikationsbemühteste Angeber” ist maximal limitiertes Vinyl natürlich immer erste Wahl.
    Digtalformatige Musik kann man ja nur Hören, – und nicht mit Rumwedeln und materialismusbezogen Protzen.