Wir sind doch Brüder!
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 170

incDas neue Ding aus dem Hause 4AD: Zwei supersüsse Sleazetypen, die im Video zu ihrem Hit “The Place” wie Rehe über eine Waldlichtung tapsen und mit Feuer und Wasser spielen. Aber waschen sie ihre Hände in Unschuld? Die elf samtweichen R&B-Tracks auf ihrem Debüt “No World” halten den unterzuckerten Atmo- Soul von The Weeknd oder How To Dress Well weiterhin in der Schwebe. Hinter Inc. verbergen sich allerdings zwei waschechte Mucker, die Brüder Daniel und Andrew Aged kommen aus LA und machen sphärischen Soul, dem eine neue Philosophie der Verletzlichkeit innewohnt. Und lauter Geheimnisse.

Interview: Timo Feldhaus

Ihr hattet vor zwei Jahren einen Hit als Teen Inc., euer Album erscheint nun unter dem Namen Inc. Wo ist das Teen geblieben?

Ich glaube, es ist irgendwo in Daniels Zimmer verloren gegangen.

Wie kann denn etwas so Großes verloren gehen?

Wir wollten es knapper. Uns gefiel auch die Idee, sich einen Namen zu geben, der das Gegenteil von dem bedeutet, was man selbst ist.

Weil ihr Indie seid?

Wir sind nicht Indie. Aber weder glauben wir an Geld, noch streben wir danach. Wir sind wahrscheinlich schon ein bisschen Free Spirits. Indie oder Hippie, nenn es wie du magst.

Das Hippietum scheint wieder auf dem Vormarsch. Viele junge bildende Künstler interessieren sich aktuell für Corporate Design und mischen das mit Ideen von einer neuen Natürlichkeit. Die Ästhetik des Corporate scheint fast so eine Art Meme zu sein, warum wohl?

Vielleicht, weil es eine Möglichkeit ist, die Macht großer Konzerne zu lähmen. Weil es eine Geste des Aushöhlens darstellt.

Von welchem Designer ist eigentlich dieses weiße, zu große, irre zerrissene T-Shirt, das du im Video zu “The Place” trägst, Daniel?

Gute Frage. Ich glaube, es ist von Haines. Oder von einem Flohmarkt, der hier einmal im Monat stattfindet.

Du hast es eigenhändig so kunstvoll zerfetzt?

Das ist alles auf natürlichem Weg passiert. It’s all natural, babe, believe it or not.

Wie würdet ihr die Stimmung auf eurem Album beschreiben?

(Lange Stille) Bedeckt. Wie ein bewölkter Himmel.

Wo kommen all die grauen Wolken her?

Versteh uns nicht falsch, uns geht es sehr gut. Aber da sind Wolken: Angst, Kultur. Einer unserer großen Helden, Terence McKenna, sagte: “Kultur ist nicht dein Freund.” Er ist ein großer, wilder Entdecker des Geistes und forschte über Geschichte, das Ende des Universums, Psychedelik, neue Technologie und Tribalismus. Seine Schriften haben großen Einfluss auf uns, du solltest ihn lesen.

Was hat es nur mit diesem Bedürfnis nach einem “Zurück zur Natur” und der gleichzeitigen Umarmung neuer Technologie zu tun, die aktuell in vielen Populär-Zirkeln eine Rolle spielt?

Wir sitzen noch immer am Feuer und singen. Es sieht vielleicht heute etwas anders aus als damals, aber im Grunde hat sich nicht viel geändert. Wir empfinden das, was wir machen, als sehr primitiv, propagieren unsere Ideen durch Sound, Lied und Rhythmus, und das wird im Internet hochgeladen.

Welches ist besser: Das Debütalbum von The xx oder das von The Weeknd?

Wir können mit beiden Acts eigentlich wenig anfangen, auch wenn du vielleicht gewisse Ähnlichkeiten mit unserer Musik siehst. Wir sind seit langer Zeit einfach Musiker, Spezialisten auf unseren Instrumenten. Seitdem wir unsere große Liebe für Soulmusik und R&B entdeckt haben, lässt sie uns nicht mehr los. Als wir zum ersten Mal “Voodoo” von D’Angelo gehört haben, hat das unser Leben umgekrempelt. Wir wollen dem auf die Spur kommen und während dieser Suche kamen wir in Kontakt mit vielen großartigen Musikern. Leute wie Raphael Saadiq, Robin Thicke, Beck, Pharrell Williams, Ledisi oder 50 Cent. Wir nennen sie Mentoren, denn sie haben uns sehr beeinflusst und wir haben ihren Segen erhalten.

Etwas anderes: Aged, was ist das eigentlich für ein Name? Ist es nicht ein komischer Zufall, dass so viele eurer Texte vom Verstreichen der Zeit handeln?

Das kann kein Zufall sein. Ich denke, du bist da an etwas dran.

Empfindet ihr es als traurig, dass es alles bereits schon gegeben hat?

Wir müssen verstehen lernen, dass wir uns von Kultur befreien müssen, dass diese Idee, von der du ja auch ausgehst, tot ist. Alles ist bereits passiert, bevor die erste Buchseite und der erste Popsong geschrieben wurden. Wir empfinden das als große Befreiung und werden noch tiefer in unseren Organismus eintauchen.

Müssen wir zurück zu Wasser und Feuer, wie in eurem Video?

Absolut. Wir müssen in unserer eigenen Sprache sprechen. Wir können auch nicht länger hier sitzen und darüber reden, wir müssen rausgehen und unsere Hände wieder schmutzig machen. Die atheistische Kultur hat uns von uns selbst entfremdet.

An was glaubt ihr?

Es ist kein Glaube, es ist eher eine Hoffnung, ein Wissen, dass dort etwas ist. Alles ist eine Frage der wahren Intelligenz, bei der es darum geht, offen zu sein. Die atheistische, intellektuelle Intelligenz macht die Menschen dicht. We are banging the drum. Wir sind nur Tiere und so verhalten wir uns auch zur Situation.

Um ehrlich zu sein, in dem benannten Video seht ihr ziemlich weltlich und vor allem ziemlich fashion aus. Besonders toll auch die kleinen Mini-Rucksäcke, die ihr tragt. Gab es neben D’Angelo einen anderen Moment oder Zeitgenossen, der zu eurer Offenbarung führte?

Überall passieren interessante Dinge, viele sind geheim. Wir glauben aber, dass es sich dabei um einen Diskurs handelt, der erst angestoßen werden muss. Ich denke die vernünftigste Lebenskosmologie kommt von indigenen Völkern und den Bewahrern ihrer Traditionen. Die Bücher und Lehren tibetanischer Buddhisten beeindrucken uns genauso wie etwa Filme von Terrence Malick. Wir haben unsere Filter noch gar nicht entdeckt.

Wie viel “Brokeback Mountain” steckt eigentlich hinter der Idee zu eurem Video?

Eigentlich gar nichts. Ich glaube nicht, dass es dort um Homosexualität geht.

Ich finds superschwul.

Aber wir sind doch Brüder, hallo!

Meine Freundin, die viele Jahre in den USA gelebt hat, meinte, es wäre dort vor dem Gesetz nicht inzestuös, wenn Brüder ihre homosexuellen Neigungen praktizieren.

Das ist wirklich gut zu wissen, danke. Aber wir sind nicht schwul und unser Video ist es auch nicht. Aber es ist schon seltsam, wieso es viele sehen wie du.

Na, weil ihr dort die Story der Cowboys adaptiert, die sich unter großem Himmel und bei knisterndem Lagerfeuer näher kommen.Ich finde es toll.

Wir haben viele schwule Freunde und wissen, was es heißt, gay zu sein. Das ist eine große Sache – Gayness und Blackness stehen für Identitäten, die Menschen haben und da möchte ich größte Vorsicht walten lassen, weil ich das extrem respektiere. Die Musik, die wir gelernt haben, Soulmusik, kommt aus der Sklaverei, kannst du dir das eigentlich vorstellen? Das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter und treiben ein Spiel damit. Dasselbe gilt für Gayness, wir wissen um die Repressionen, wir wissen, was es heißt, “faggot” genannt zu werden. Man muss den Ball flach halten und das tun wir.

Was ich ein bisschen vermisse, ist Ironie. Ihr jungen Musiker mit den Super-Platten habt kein Interesse an Selbstironie, alles ist immer so ernsthaft.

Wir leben in einer Zeit, in der man mit seinen Ressourcen vorsichtig umgehen muss. Heute operieren wir an unserem Limit, um zu überleben und Ironie ist wirklich das letzte, an was ich dabei denke. Nichtsdestotrotz lieben wir Humor. Richtig problematisch finde ich so eine unbewegliche Ernsthaftigkeit, wenn Ernsthaftigkeit eine Ästhetik wird, statt einfach aufrichtig zu sein, das ist Bullshit.

In den Kritiken zu eurem neuen Album wird stehen, es wäre Sexmusik, untergründige, seltsam schwebende Sexmusik – was werdet ihr dazu sagen?

Für uns ist die Welt da draußen eine verrückte. Es ist total okay, wenn Leute das so empfinden. Zur Erhellung der Situation und unserer Musik führt das natürlich nicht weiter. Verletzlichkeit ist ein Thema, das uns sehr beschäftigt hat und das wir versucht haben in verschiedenen Facetten darzustellen. Uns so nah wie möglich zu kommen mit unserer Musik, darum ging es auch in dem Video, einen Raum zu erschaffen, in dem nur wir sind. Viele Menschen in unserer Kultur haben keinen Begriff für Verletzlichkeit, stattdessen haben sie Angst davor. Und das nächste, was sich als Übersetzung für bestimmte Klänge und Wörter anbietet, ist Sex. Wir haben zu wenig Vehikel für Verwundbarkeit, es geht immer darum, Mauern zu bauen, anstatt sie einzureißen und zu unseren wirklichen Gefühlen zu kommen.

Ich finde auch, dass Sex das falsche Stichwort ist, denn es geht in eurer Musik doch weniger um ein Zusammenkommen, als um das Alleinsein und die Sehnsucht. Darum, entfernt zu sein voneinander. Wenn die Musik von Prince purer Sex war, dann ist euer Album der Soundtrack zur Selbstbefriedigung. Kann das sein?

Womöglich hast du recht.

Inc., No World, ist auf 4AD/Indigo erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.