Text: Mercedes Bunz/Jan Joswig aus De:Bug 23

Cher ist zwar nicht mehr Indie, aber dafür um so mehr Tronics. Eigentlich war Cher auch nie Indie. Höchstens so weit, wie die Kelly Family Folk ist. Mit Sonny Bono im Duett interpretierte sie in den Mondfahrer-Sixties Hippie-Neo-Archaik so kaltschnäuzig in plüschige Händchen-halte-Romantik um, daß man sich wundert, warum sich der Teil der Welt, der sich mehr in Musik, als in seinem Spiegelbild wiedererkennt, nicht schon vor 30 Jahren in Anti-Natur-Festungen geflüchtet hat. Davor hat sie wohl Chers Stimme bewahrt, die damals noch kein Modulationseffektgerät brauchte, um mehr nach Radioröhrenübertragungshandicap zu klingen als nach dem affektationslosen Mädchen auf der Parkbank direkt neben dir. Das Robot-Detail, das ein Märchen sabotiert. Das Scheitern an den eigenen Unzulänglichkeiten, die aus der Tronics-Perspektive eine Stärke sind. Und das Erschrecken über die Bigotterie vermeintlicher Unmittelbarkeit in der Musik wurde noch einmal für zwei Generationen abgewiegelt. Seitdem ist jede Menge Zeit vergangen, auch für Cher. Was man sieht, in der Tat. Cher sieht heute vielleicht nicht unbedingt älter aus, aber anders. Länglicher. Und offener Weise hat sie aus ihren Operationen nie einen Hehl gemacht, warum auch. Schließlich greifen alle Menschen jeden Morgen in ihr “natürliches” Aussehen ein, bürsten sich die Haare und beschmieren sich mit Deo. Zum Glück. Der Schritt vom Bad zum Operationstisch führt über Fitnesstudios und ist vielleicht kleiner, als man denkt. Und für beide Prozesse gibt es gute und schlechte Beispiele. Michael Jackson ist ein schlechtes, da hilft auch kein Bad mehr, und Cher ist ein gutes. Auch wenn noch viel Bad dabei sein wird. Es ist aber nicht nur der chirurgisch-technische Eingriff in den Cher-Körper vor dem Hintergrund ihrer musikalischen Vergangenheit, der Cher zu einer ‘Mater Indietronica’ macht. Es sind die musikalischen Konsequenzen, die sie in “Believe”, ihrer ersten Singleauskoppelung aus dem immernoch aktuellem Album gezogen hat: Bereits in der ersten Strophe wandert die Stimme plötzlich vom menschlichen Resonanzkörper Cher in den Computer hinüber. Im Grunde ein logischer Schritt im Cherleben, denn aus nicht authentisch Wohnen wird nicht authentisch Singen. Trotzdem markiert dieser Schritt im Mainstream-Pop eine ganz besondere Grenze, die bisher streng mit Skandal geahndet wurde. Man denke beispielsweise mal an Milli Vanilli. Als schließlich herauskam, daß die Dumpfbacken, die im Video herumhampelten, nicht die Resonanzkörper waren, zu denen die Stimme gehörte (nämlich zu anderen Dumpfbacken), war das Projekt gestorben. Tot. Denn ausgerechnet die Stimme markiert das letzte bißchen, das in Mainstream-Produktionen noch vom Popstar geblieben ist. Angeblich und vor allem, da alle Welt schon verstanden hat, daß die Musik zur Stimme von professionellen Hitschergen in die Welt getrieben wird. Dass die Stimmen natürlich auch mit allen möglichen Effekten versehen werden, ahnt man zwar schon, seitdem man von tanzenden Kinder-Boygroups aka Hansons und Kelly Family überflutet wird, die den für Domspatzen oder Wiener Sängerknaben so tödlichen Stimmbruch mühelos überstehen. Trotzdem ist vor Cher noch kein Popstar damit so offensiv und damit umgegangen wie Cher. Very tronic, sozusagen. Wir gratulieren.

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Elektronische Lebensaspekte.