Nach dem famosen Manitoba-Album punktet das Leaf Label schon das zweite Mal in der aktuellen Saison. Bei Colleens Debütalbum “Everyone alive wants answers“ kann man hören, dass minimale, melodische und warme Klangteppiche nicht "ganz nett“ oder belanglos sein müssen. Mit den richtigen Samples, einfacher PC-Software und viel Feingefühl bastelt die Pariserin Cecile Schott deepe Instrumentalstücke und vermeidet gefällige Harmlosigkeit.
Text: Rene Margraff aus De:Bug 74

Mit Chopin den Bach runter

Vor zwei Jahren fing Colleen an, auf ihrem altersschwachen Computer Samples zu verknoten und im Umfeld der Pariser Veranstalter/MP3-Labelbetreiber Evenement und Tsunami Addiction tätig zu werden. JC vom Pariser Label “Active Suspension” war von Ceciles Musik begeistert und so erschien dann Ende des letzten Jahres dort auch ihre erste 7“.
Cecile: “Ein Freund gab mir diese CD-R mit verschiedenen Programmen und Plugins und ich habe mich sofort ins Sampeln verliebt. Ich war erstaunt, wie einfach es ist, mit Acid (dem Programm, nicht der Droge) einen Track zu machen. Vor allem weil ich es zwei Jahre zuvor noch nicht mal geschafft hätte, ein Worddokument abzuspeichern. Ich brauchte ungefähr ein Jahr, um die Musik zu entwickeln, mit der ich nun glücklich bin.”
Was war davor? Irgendeine kleinere Stadt, 100 km entfernt von Paris. Cecile langweilte sich, doch dann entdeckte sie Musik. Zunächst waren da die Beatles, später die Pixies, Sonic Youth und My Bloody Valentine. Cecile gründete jedenfalls mit 17 eine Band und begann danach mit dem 4-Spur-Tape-Recorder erste Stücke aufzunehmen.
Cecile: “Ich spielte elektrische Gitarren rückwärts ab, schlug mit Plastiktüten aufs Mikro, trommelte mit Dosenöffnern auf Joghurtgläsern und probierte andere wundervolle Sachen aus. Die Verbindung zu meinen aktuellen Sachen ist aber auf jeden Fall vorhanden. Ich habe die Sounds oft sehr verlangsamt, beispielsweise Orgelstücke von Bach, Pianoläufe von Chopin, das Adagio von Barber, alles dann zusammengeworfen und dann noch meine klassische Gitarre draufgelegt. Was damals dabei herauskam, ist gar nicht so weit entfernt von dem, was ich nun mache. Ich hatte da auch schon die Bontempiorgel, die ich auf meinem Albumtrack ‘A Swimming Pool Down The Railway Track’ verwendet habe, im Übrigen das einzige Instrument, das ich auf dem Album selbst gespielt habe.“

Auf der Bühne bleibt das Laptop zu

Nach dem Release ihres Albums plant Cecile nun verschiedene Gigs in Europa, was gut ist, denn Colleen live könnte durchaus für Überraschung sorgen beim nicht gerade showverwöhnten Laptopguckerpublikum. Auf der Bühne bleibt das Laptop zu und es wird einfach etwas ganz anderes gemacht, als angestrengt die Maus hin- und herzuschieben. Da ihre Produktionsweise wenig Raum für Liveimprovisationen lässt, verwendet Cecile live vor allem Loop-Pedale, Effektgeräte und akustische Instrumente: “Bisher waren alle immer recht begeistert zu sehen, dass jemand nur akustische Instrumente verwendet. Mein Setup ist recht minimal, aber es klingt schon ähnlich wie das Album. In einer perfekten Welt würde ich den Menschen gute Gründe geben, sowohl meine Platte zu kaufen als auch meine Livegigs anzuschauen. Die Stücke, die ich live spiele, gibt es nämlich nirgends sonst zu hören. Ich mache neue Tracks für mein Publikum.”
Hingehen und staunen.

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Elektronische Lebensaspekte.