Console ist nicht mehr Martin Gretschmann alleine. Jetzt wird das klassische Modell Typen an den Instrumenten, Frau am Mikrophon auf Liebesfragen und Macintoshstimmen getestet. Was in Barcelona reifte, wird als Konzept-CD-Set gut.
Text: Karen Khurana aus De:Bug 67

Sie kennen sich schon ewig und sind Freunde. In dieser Umgebung, Weilheim (wo sonst?) begann Martin Gretschmann vor anderthalb Alben mit seinem Console-Projekt, zunächst allein mit dem Computer (“Ich mag die Dinger einfach”). Zwischen The Notwist und zahlreichen anderen Spuren (Bearbeiten, Liefern, Zusammenfügen oder so) für z.B. Lali Puna, Surrogat, Depeche Mode und Björk (niedliche Reihe, was?) hat Martin Gretschmann nun wieder für’s Lieblingsprojekt Console in die Tastatur mit Gitarrenhals getippt. Der neue Titel fügt sich ins System aus Kopieren, Verschieben, Montieren: Nach “My Dog Eats Beats” und “Rocket In The Pocket” folgt “Reset the Preset”. Ein Konzeptalbum, bestehend aus zwei CDs: eine mit sehr ambienten Tracks ohne Stimme (namens Preset) und eine mit Songs plus weiblicher Stimme (Reset). Diese Trennung differenziert aber nicht wieder – wie man erwarten könnte – Elektronik von Indie, gut und böse oder Beats von Harmonien; Preset und Reset führen sie lieber zusammen in Polyphonie. “Eigentlich – vor allem nach diesem Notwist-Overkill – wollte ich ja so eine ganz einfache Platte machen, die möglichst laut und verzerrt ist und nur wenige Spuren hat. Ganz gradlinig, aber das hat sich dann irgendwie anders ergeben.” Und darüber kann man froh sein: Preset the Reset schafft einen kleinen Raum für die vielen Spuren und Sounds und doch klingt alles sehr transparent. Die einzelnen Klangstimmen sprechen synchron für sich und die Komposition. Neuformatieren ohne Backups zu löschen schadet ja eigentlich nie.
Die Grundrisse der Songs und Tracks für Reset + Preset entstanden in Barcelona. Nach dem Fertigtouren mit The Notwist klemmte Martin Gretschmann seinen G4 unter den Arm, in Barcelona unter den Tisch, und hielt sich zwei Monate von Weilheim fern. Auf der Suche nach Kompositionen.

DEBUG:
Hat Barcelona als Umgebung eine Rolle für dich gespielt? Bist doch sicher auch mal raus aus der Wohnung.
MARTIN:
Ja, nach zwei Monaten – als Miri und Mario (Console-Band, sozusagen) mich besucht haben – war ich mal im Aquarium und an den Wochenenden war ich schon unterwegs in den Clubs Barcelonas. Aber so ganz entscheidend war das jetzt nicht.

DEBUG:
Wie war das mit dem Konzept? Hattest du das da schon?
MARTIN:
Nee, gar nicht. Das hat sich auch erst in Barcelona ergeben. Weil am Wochenende war’s immer so: Nach durchzechten Nächten war ich nicht mehr so auf ein lautes verzerrtes Irgendwas und Rockmusik aus und da habe ich dann eher unstressige Sachen gemacht. Nach ein paar Wochen hatte ich dann Stücke zusammen: Die einen gingen mehr in Clubrichtung, waren eher lauter und die anderen waren ganz chillig. Und da dachte ich mir: Das geht auf einer CD nicht zusammen, das muss schon getrennt sein.

DEBUG:
Wie ist denn deine Arbeitsweise? Folgt das eher dem Muster klassischer Komposition oder Versuchen und Scheitern?
MARTIN:
Normalerweise ist meine Arbeitsweise schon: Erstmal viel Material sammeln und am Ende fällt dann wieder eine Menge weg. Mir ging es dieses Mal aber auch schon um Kompositionen. Also wirklich auch Stücke zu machen. Sounds waren da noch nicht so wichtig. Also erst Kompositionen und anschließend Zeug sammeln.

DEBUG:
Gibt es für dich eine Console-Identität?
MARTIN:
Bissl. Aber meistens ist es eher davon abhängig, was gerade passieren muss. Wenn halt gerade Notwist ansteht … So war das zum Beispiel bei “Pilot”. Das Stück habe ich angefangen, habe dann Markus vier, fünf Spuren gegeben und er hat die Gitarre und die Stimme drauf gemacht und dann hat sich das dahin entwickelt, wo das jetzt ist. Es hätte aber auch genauso gut – wenn ich da für mich jetzt noch was dazu gemacht hätte – ein Console-Stück werden können.

DEBUG:
Die Console-Band ist jetzt auch mit auf den Promo-Bildern, Miri beim Interview. Hat sich das Verhältnis zur Band verändert?
MARTIN:
Schon. Bei “Rocket in A Pocket” war’s noch so, dass die Platte irgendwann fertig war und die anderen sie gehört haben, gut fanden und dann haben wir uns den Proberaum gegeben und versucht, die Stücke live umzusetzen. Und jetzt waren die anderen viel früher involviert.

DEBUG:
Woher kommt denn diese – wenn man Console mal als Band sieht – nicht untypische Aufteilung, Jungs an den Instrumenten plus eine Sängerin.
MARTIN:
Der Kasper, unser Schlagzeuger, hat das irgendwann mal gesagt, Console braucht eine weibliche Stimme, das ist für ihn Console. Und so ganz unrecht hat er da auch nicht. Das passt halt viel besser. Das ist für mich auch gar nicht wirklich diskutabel, da ‘nen Typen zu nehmen. Und an den Instrumenten – wir haben ja früher fast mit der gleichen Besetzung in einer anderen Band gespielt und kennen uns schon seit Pubertätszeiten. Und in dieser Phase, wo’s schon auch um Mädchen geht oder Liebe und den ganzen Scheiß, kommt man noch nicht wirklich auf die Idee, mit denen eine Band zu gründen. Aber es kann jetzt auch gut sein, dass die Miri mal Keyboard spielt. Das würde mich auch freuen.

DEBUG:
Wenn du sagst, die Kompositionen waren fertig, als du aus Barcelona kamst, dann war schon klar, dass auch gesungen wird?
MARTIN:
Ja.

DEBUG:
Auch dass Miri singt?
MARTIN:
Das nicht.

DEBUG:
Wann stand das fest?
MIRI:
Ja, wann hast du das beschlossen? Das würde ich auch gern mal wissen.
MARTIN:
So richtig beschlossen … Na ja, das war schon immer so: Schau’n wir mal.
MIRI:
Also wir haben vor einigen Jahren auch schon mal was zusammen mit Mario (Thaler) gemacht. So ein ganz kleines Projekt, ging aber in eine ähnliche Richtung, mit Elektronik und Gesang. Und dann kam das “A+A=B”, das der Martin im Auge hatte als Projekt und da hat er mich gefragt, ob ich das nicht probieren will.

DEBUG:
Und in Barcelona hast du ausschließlich mit Computerstimmen gearbeitet?
MARTIN:
Ja, ich kann’s nicht mehr hören. Schrecklich, alles mit Computerstimmen vorbereitet.

DEBUG:
Aber auch der fertige Gesang klingt so, als ob er sich an Computerstimmen orientiert, auch von den Pausen her, oder?
MARTIN:
Ja, das ist schon lustig. Weil es auch von der Arbeitsweise so völlig anders war, als z.B. mit Markus (Acher) bei Notwist. Der singt dann ja sofort selber dazu.
MIRI:
Das macht es ja auch spannend, gerade weil es ein anderer Zugang ist. Ab und zu war schon der Punkt erreicht, wo ich gesagt habe: “Hallo, ich bin kein Computer”. Wir hatten diese Macintosh-Stimme schon im Ohr. Und dann fand ich es auch sehr interessant, so zu singen. Wenn ich einfach auf den Hintergrund gesungen hätte, wäre das bestimmt ganz anders geworden.
MARTIN:
Das waren für mich auch immer die besten Momente, wenn dann endlich die Stimme drauf war und nicht mehr diese blöden Computerstimmen. Es war ja alles so konzipiert, dass die dann am Ende weg sind. Das war immer so ein Unterschied, unglaublich.
MIRI:
Bei einigen Stücken ist meine Stimme ja auch total unbehandelt geblieben …
MARTIN:
Nee, also da steh ich ja auch überhaupt nicht drauf, wenn’s zuviel wird … aber bei manchen Stücken war es notwendig. Für “Dirt On A Wire” braucht’s einfach eine verzerrte oder agressive Stimme und wenn man keine agressive Stimme hat … Aber ich mag’s auch am liebsten, wenn die Stimme einfach so da ist.
MIRI:
Tja, dann musst halt solche Lieder machen, Martin.
MARTIN:
Ja, beim nächsten Mal.

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Elektronische Lebensaspekte.