Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 23

Die Verwirrung war groß, und fast hätte man meinen können, daß da Absicht im Spiel war. Schlicht zu viele 12Òs hat FatCat innerhalb des letzten Jahres veröffentlicht und sich dabei so ungefähr gar nicht um die naheliegenden Erwartungen der potentiellen Käufer geschert. Traditioneller Techno spielt im Labelkatalog nur eine untergeordnete Rolle. So unterschiedliche Künstler wie der autodidaktische Multiinstrumentalist Adam Pierce aka Mice Parade, die deutschen Feinelektroniker Funkstörung gemeinsam mit ihrer Freundin Björk, das Turntable-Trio Live Human aus San Francisco, Janek Schaefer, V/Vm, Pan America…sie alle haben aus FatCat ein Label gemacht, für das die gute, frische Idee wichtiger ist als die Wahl der musikalischen Werkzeuge für deren Umsetzung. Expect the unexpected. ãEs wäre für uns ein leichtes gewesen, die Tracks für die ersten zehn 12Òs bei der Oberliga der amerikanischen und britischen Technoszene einzusammeln…nur diese ganzen Künstler haben gut laufende Verträge und einen Backkatalog, der länger als mein Arm ist. Warum also sollten wir auch noch Tracks von ihnen rausbringen? Das wäre ein bißchen zu einfach gewesenÒ, erklärt Alex Knight, ein Drittel der heutigen Bürobelegschaft, an einem brutal sonnigen Vormittag in den neuen Räumen im Londoner Osten, die man sich mit Eye Q teilt. Zwischen Milchkaffee und Funktelefon spielen er und Dave Howell, der die Serie der Split-12Òs betreut, mir unentwegt neue Releases und Demos vor. ãKlar waren die Leute verwirrt. Wir aber auch! Es ging alles ein wenig holterdipolter. Techno, HipHop, Drones. Das wird sich jetzt aber ändern…versprochen. Uns blieb aber keine Wahl, denn nachdem wir uns von One Little Indian getrennt hatten, mußten wir unseren Vertriebsdeal völlig neu arrangieren. Das alles kostete Zeit, und so stapelten sich bei uns die bereits gepreßten Platten. Wir mußten also viel veröffentlichen, um wenigstens ein bißchen Geld wieder reinzubekommen. In Zukunft wird es weniger Releases geben. Unsere ersten Veröffentlichungen sind eigentlich völlig untergegangen. Wir hatten die Reputation als Technoshop, und als dann plötzlich HipHop auf FatCat Vinyl gepreßt wurde, haben das die Plattenkäufer nicht verstanden. Dabei war Musik jenseits der 4/4 Bassdrum immer wichtiger Bestandteil des Ladens. Das bemerkte natürlich nur, wer regelmäßig im Laden war und sich die Mühe machte, die Regale intensiv zu durchforsten. Sachen von Thrill Jockey zum Beispiel…Tortoise…haben wir immer verkauft und den potentiellen Kunden vorgestellt und ans Herz gelegt.Ò ãWir wollen unbekannte Musik veröffentlichenÒ, fügt Dave Howell hinzu, der auf seiner Split-12Ò Serie so unterschiedliche Projekte wie Gescom, Merzbow, AMM, Speedranch und Surgeon aufeinanderprallen läßt, ãmit Menschen arbeiten, die bislang vielleicht nur auf obskuren Kleinstlabels mal eine 7Ò veröffentlicht haben, sie mit etablierten Künstlern zusammenbringen. Daß es den Laden nicht mehr gibt, hat uns dabei sehr geholfen. So haben wir die Ohren frei für Musik, die uns wirklich interessiert.Ò Womit wir wieder beim Abstieg von Techno wären und der hektischen Neuorientierung aller Beteiligten. ãWir veröffentlichen das, was wir persönlich mögenÒ, sagt Dave. ãWir haben alle funktionierende Ohren und können interessante und langweilige Musik auseinanderhalten. Mal ist das elektronisch, mal nicht. Es geht nach wie vor darum, die Menschen für neue Sounds zu interessieren und vielleicht sogar zu begeistern.Ò Im Moment heißt das bei FatCat: Weniger offensichtliche Elektronik, mehr Handarbeit im konservativen, eigentlich obsoleten Sinn, der zwischen dem Zupfen von Saiten (gut) und dem Drücken von Knöpfen (nicht ernstzunehmen) einen Unterschied macht, über den die auch weiterhin Techno wohlgesonnenen FatCat’ler natürlich nur lachen können. Gehauchte, verhallte Schönheit trifft auf harschen Krach, der von HipHop und Turntable-Kunst abgelöst wird, bevor es alles wieder mit von Chain Reaction inspirierten Sounds zu einem ruhigen Ende kommt. Die aktuelle Werkschau, die Compilation ãAcross Uneven TerrainÒ, führt das exemplarisch vor und räumt dabei alle Zweifel, daß dieser Eklektizismus eventuell nicht funktioneren könnte oder vielleicht sogar der falsche Weg sei, mühelos aus dem Weg. Planung oder reiner Zufall? ãZufall…wirklich”, sagt Dave Howell. ãZum einen gibt es nichts Schlimmeres als einen klar definierten Labelsound. Das führt zu großer Langeweile, auf beiden Seiten. Zur Zeit kommen aber aus den unterschiedlichsten Ecken plötzlich Tracks, die große Gemeinsamkeiten haben, obwohl sie völlig anders klingen. Diese Musiker haben ähnliche Ansätze. Es geht ihnen um Strukturen, um neue Sounds.Ò ãWas heißt denn auch schon Elektronik?Ò, sagt Alex. ãDer eine benutzt Synthesizer, der andere präparierte Gitarren, die er dann mit Hilfe elektronischer Effekte bearbeitet. Das Digitale ist allgegenwärtig, so oder so. Beide Seiten haben sich die Hörner abgestoßen, sind offen für das jeweils andere Instrumentarium. Und ganz nebenbei: Klassische Technomusik findet bei uns immer noch statt.Ò INFOKASTEN Bis zum Sommer 1997 war der FatCat Plattenladen am Londoner Covent Garden eine der weltweit feinsten Adressen für britische Electronica und Detroit Techno. Hier hingen nicht nur der junge unbekannte Aphex Twin und Mike Paradinas stundenlang am Tresen ab, um Dave Cawley und Alex Knight, den beiden Hauptpersonen des Shops, ihre neusten Demos vorzuspielen. Die Cr?me de la Cr?me des weltweiten DJ-Zirkels kaufte bei FatCat Platten. Bis 1997. Dann mußte der Laden aufgrund drastischer Mieterhöhungen aufgegeben werden. Fortan existierte FatCat als Label weiter, zunächst als Unterabteilung des englischen Megaindies One Little Indian (musikalische Heimat Björks), seit über einem halben Jahr nun als eigenständiges Unternehmen. Der Backkatalog umfaßt inzwischen rund 25 Veröffentlichungen. Soeben erschienen ist die Compilation ãAcross Uneven TerrainÒ (EFA), die auf die letzten drei Jahre musikalischen Schaffens zurückblickt. Eine Deutschlandtour mit FatCat Künstlern durch Deutschland ist für den Sommer geplant. Anstehende Releases: Live Human – Monostereosis (LP/CD) Speedranch ^ Jansky Noise vs. Anthony Childs (12Ò) http://www.fat-cat.co.uk/ INFOKASTEN ENDE

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Elektronische Lebensaspekte.