Wenn Mitchell Akiyama in Montreal vom Kunstnähen auf CD-Covern aufblickt, liegt schon wieder neues Musikmaterial der Extraklasse vor ihm. Also kein Problem, mit seinem Label "Intr_Version" Kanada als das Königreich nicht-eskapistischer Elektronika zu etablieren.
Text: René Margraff aus De:Bug 77

Ein Königreich in Moll
Intr_Version

Vor drei Jahren startete Mitchell Akiyama in Montreal aus Frustration sein eigenes Label Intr_Version. Seitdem hat sich einiges getan, auch was Kanada angeht: Festivals wie Mutek entwickeln sich zur Sonar-Alternative, Labels wie Alien 8 und Constellation haben sich etabliert und Superstars wie Akufen verursachen Hysterie. Doch es hört nicht auf. “Saturday Morning Empires”, eine neue Compilation auf Akiyamas Label Intr_Version, blickt gleichzeitig zurück und nach vorne und umspannt dabei so ziemlich alles, was man sich zwischen harmonischen Droneclicks, tiefen Dublandschaften und pulsierenden Popsongs vorstellen kann. Mehrere Menschen der Debug-Redaktion murmeln heimlich von der “Compilation des Jahres”.

Multitasking in Zeitlupe

Mitchells Motivation, sich neben seinem Kunst-Studium einem eigenen Label zu widmen, ist bewundernswert. Oft sind Label, die von Musikern gemacht werden, eher schlecht organisiert, denn es wird vergessen, dass auch kleine Label Zeit, Nerven und eine gewisse Straightness verlangen. Für Mitchell kein Thema, denn dass Intr_Version mehr als gut funktioniert, bewiesen bisher tolle Alben von Ghislain Poirier, Deadbeat, Tomas Jirku und zuletzt Désormais. Auf ihrem aktuellen Album “Iambrokenandremadeiambroken” lassen Mitchell und Joshua Treble Granulargitarren, Hallpianos und Endlosstreicher auf Vocalreste treffen und sorgen dann dafür, dass die Zeit angenehm langsam läuft, alles fast stehenbleibt.
Ist aber gar nicht so, denn schon wieder gibt es einen neuen Release!
“Saturday Morning Empires” ist bereits die Nummer 8 des Labels, Mitchell erklärt die Initialzündung folgendermaßen: “Ich fing echt aus Frustration an. So 2000 rum passierte einfach rein gar nichts in Montreal und schon gar nichts in Kanada. Es gab jede Menge Musiker, aber niemanden, der sie veröffentlichte, vor allem im etwas experimentelleren Bereich nicht. Alien8 waren die einzigen, dann gab es plötzlich Mutek, und der Rest ist Geschichte, so weit es eben Kanada betrifft. Zu dieser Zeit hatte ich eine CD veröffentlicht, die sonst niemand rausbringen wollte, obwohl sie vielen Leuten gefiel. Damals fasste ich also den Entschluss und inzwischen läuft Intr_Version von selbst. Dass wir in letzter Zeit soviel gute Musik angeboten bekommen haben, hilft da natürlich ungemein.”
Die Aufmachung der CDs teilen sich bei Intr_Version Mitchell Akiyama, der Student of Visual Art, und Aaron McConomy (Palomino Falls), “den richtig fiesen und langweiligen Kram wie Accounting, Promo und Vertrieb” macht Mitchell aber alleine. Aha, und wer verziert denn eigentlich die schönen Pappcover mit ihrer Ziernaht? “Ja, das bin eigentlich auch immer ich, der den Kram zusammennäht, aber ein paar Freunde helfen mir, wenn es mit Arthritis zu viel wird.”

Von Kissenburgen und Sandfestungen

An “Saturday Morning Empires” überraschen zwei Dinge: Vielfalt, aber auch eine gewisse Geschlossenheit, was die Stimmung betrifft. Jeder Track ist sehr eigen, von einem genormten Labelsound ist da keine Spur. Vitamins for you zum Beispiel liefern einen lupenreinen elektronischen Popsong ab, der wunderbar verschachtelt ist und hängen bleibt. Joshua Treble lässt sich hingegen alle Zeit der Welt und entwickelt aus wenigen Gitarrenakkorden schließlich sein eigenes kleines Hall- und Knacks-Königreich. Was ist es, dass Mitchell Akiyama zu genau dieser Zusammenstellung gebracht hat, wo sieht er die gemeinsame Qualität der Stücke?
“Es ist super, das sagen total viele Leute, dass diese Compilation einerseits eklektisch ist, aber alles wunderbar zusammenpasst. Ich denke, dass alle Songs eine gewisse Wärme haben, meist viel Wert auf das Songwriting und die Komposition gelegt wurde. Eigentlich war ‘Saturday Morning Empires’ ja nur als Blick zurück auf die Labelgeschichte mit einem Ausblick auf kommende Veröffentlichungen geplant.
Trotz des nüchternem Ausgangsziel ist wesentlich mehr geworden aus “Saturday Morning Empires”. Wie ist der Titel zu verstehen?
“Laut Aaron, von dem er stammt, geht es um die eigenen Reiche, die wir uns in unserer Kindheit aus Sand oder aus Kissen gebaut haben.”
Geht es also um eine Art Paralleluniversum, Eskapismus, um ein Wegkommen aus dem Alltag?
MITCH: Es ist schwierig, irgendetwas bei dieser Compilation zu verallgemeinern, da müsstest du schon alle Artists einzeln befragen. Wir haben ihnen nichts vorgegeben. Was Désormais anbelangt, geht es aber eher um genau das Gegenteil von Eskapismus. Wir wollen Musik machen, die dich aufbaut, dich an den Schultern packt, wenn du dich wegdrehst von all der Schönheit und Traurigkeit dieser Welt. Zumindest wünschen wir uns das so. Das ist also nicht eskapistisch. Du solltest dir diese Welt schon genau ansehen, egal wie schön oder traurig das alles ist.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.