Die Herren Blumm und Türkowsky machen wieder zusammen Musik. Mit ihrem neuen Projekt loten die beiden Berliner die Grenzen jenseits von Postrock und Ambientpop aus. Den dazugehörigen theoretischen Unterbau liefern neben Steve Reich und Eric Satie auch die Mbira aus Zimbabwe.
Text: René Margraff aus De:Bug 71

Schöner in die Ferne blicken

Kinn ist ein neues Projekt von F.S. Blumm (auch Sack & Blumm) und Marcel Türkowsky (auch Das zuckende Vakuum). Sie sind alte Bekannte, denn sie standen beide vor einigen Jahren mit der Band Ström im kalten Keller und froren sich im Namen der etwas lauteren Musik die Nase ab. Irgendwann hatte es sich dann aber ausgelärmt. Was Herr Blumm dann so machte, ist ja einigermaßen bekannt: wunderschöne Soloalben und Plinkersymphonien mit Sack & Blumm, mit denen er Labels wie Staubgold, Morr Music oder Tomlab beglückte. Marcel Türkowsky gründete nach Ström Das zuckende Vakuum, eine Band, die leicht “mathematischen“ Rock macht.
Letztes Jahr trafen sich Marcel und Frank wieder häufiger, um zusammen zu musizieren. Dieses Mal allerdings nicht mehr im kalten Keller mit den großen Verstärkern im Rücken, sondern zu Hause und mit der Teekanne auf dem Tisch. Das Ergebnis wird nun auf dem Berliner Tête-à-Tête-Label veröffentlicht.
Ok, Tee und Kekse statt Lärm und fensterlose Räume, aber was ist sonst noch anders, Kinn vs. Ström? F.S. Blumm: “Ohne Schlagzeug erfindet man neue Möglichkeiten, Rhythmen in den Raum zu stellen, den virtuellen dritten Mann zu erschaffen. Wir machen das oft mit Hilfe von digitalen Echo-Geräten, in die wir live hineinspielen, um uns dann gegenseitig Schleifen zwischen die Füße zu werfen oder uns daran hochzuschaukeln. Dadurch entsteht oft automatisch quasi mechanisch so ein ‘Minimal-Music-Beat’. Außerdem kann man zu zweit noch direkter und verbindlicher miteinander in Beziehung treten.“
Die Gitarren, Bass und Plinkerloops werden bei Kinn schön miteinander verknotet und trotz leichter Anklänge an “Bands aus Chicago“ (Blumm) hat die Musik erfrischend wenig von Kinnkratzermusik (pardon), driftet eher versunken dahin und hypnotisiert. Da wundert es auch nicht, dass der Opener des Albums inzwischen Teil eines Soundtracks geworden ist. Etwas spröder und trockener als die Soloalben Blumms ist Kinn schon, nicht ganz so verspielt. Ist das nun Postrock oder gibt es irgendeine Schublade, die mit den beiden okay geht? Frank: “Eine direkte Linie gibt es für mich nicht (zum Postrock), insofern, dass meine Einflüsse viel zu breit gefächert sind. Das Hörbare ist wie gesagt das repetive Element, wie man es bei Steve Reich oder bei Mbira-Musik aus Zimbabwe findet, die Schlichtheit, wie man sie bei Erik Satie findet, manchmal ähnliche Umsetzungen wie bei Gastr del Sol, etc. Begrifflichkeiten müssen zum Glück die Kritiker oder diejenigen, die die Musik verkaufen, finden. Ich selbst scheue mich davor, unsere Musik in Benennungen festzuhalten, das ist einerseits immer so schwach, also nur ein hilfloser Annäherungsversuch, andererseits kann es so stark sein, dass es sich über das Eigentliche drüberstülpt.“
Ja, verdammt, kauft die CD.

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Elektronische Lebensaspekte.