Gefälschte Wahlen, verratene Ideale. Lali Puna ist über den derzeitigen Stand der Politik frustriert. Auf ihrer neuen Platte "Faking the books" geht es deshalb darum, auf den Misstand hinzuweisen. Man leiht sich vom Rock die Gitarren, um wieder ein bisschen Energie in die Sache zu bringen. Aber macht man es sich mit alldem nicht ein bisschen zu einfach? Florian Sievers traf Valerie Trebeljahr und diskutierte.
Text: Florian Sievers aus De:Bug 81

Die Welt ist schlecht / Politik mit Lali Puna

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Bei “Faking the Books“, dem Titel eures neuen Albums, dachte ich zuerst an Bilanzfälschungen bei großen Konzernen wie bei Enron und WorldCom in den USA oder Parmalat in Italien.

VALERIE:
Das bezieht sich eher auf Geschichtsbücher, auf gefälschte Wahlen in den USA und auf falsche Gründe, um in den Krieg zu ziehen. Aber ich versuche, bei meinen Texten so etwas eher allgemein zu belassen, um die Texte offen für jeden zu halten. Es geht grundlegend um Politiker, die sich verraten haben. Jeder Politiker, der es zu irgend etwas gebracht hat, hat sich doch verraten.

DEBUG:
Das klingt nach dieser üblichen, undifferenzierten, eigentlich gefährlichen Politikverdrossenheit.

VALERIE:
Ich bin überhaupt nicht politikverdrossen. Ich gehöre zu den Menschen, die immer demonstrieren gehen, wie letztens bei der Sicherheitskonferenz in München. Aber mit einem bestimmten Alter erkennt man eben auch bestimmte Sachen, zum Beispiel, wie die Maschine Politik läuft und was es etwa für ein weiter Weg zum Kanzlersein ist. Da kommt man nur hin, wenn man seine Ideale verrät.

DEBUG:
Na ja, man könnte das auch “Kompromisse eingehen“ nennen. Man kann ja in einer Demokratie nicht die Mehrheit der Wählerstimmen auf sich vereinigen, wenn man keine mehrheitsfähige Position inne hat.

VALERIE:
Aber manche Politiker sind auch für etwas gewählt worden, für das sie hinterher nicht mehr einstehen.

DEBUG:
Nimmt dieses Gefühl bei dir eher zu oder ab, während du älter wirst? Es gibt ja diesen schönen Spruch, der angeblich von Winston Churchill stammt: “Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz, und wer mit 30 immer noch einer ist, hat kein Hirn.“

VALERIE:
Man erkennt halt, wie Menschen funktionieren. Dass sie zum Beispiel ungern im Kommunismus leben und gerne im Kapitalismus. Man findet sich damit ab. Aber man kann und sollte immer Sachen angreifen und kritisieren.

DEBUG:
Kann man denn etwas verändern, wenn man, wie du, in einer Band singt?

VALERIE:
Es geht zumindest darum, Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit für etwas zu schaffen.

DEBUG:
Dafür wirken deine Texte aber ganz schön resigniert und erdrückt von der bösen Welt.

VALERIE:
Das stimmt. Aber es gibt immer noch einen kleinen Widerhaken.

DEBUG:
Man kann diese Resignation gut bei “B-Movie“ sehen, das von Arnold Schwarzeneggers Wahl zum kalifornischen Gouverneur handelt und ziemlich verzweifelt klingt. Gil Scott-Heron hat mal über dasselbe Thema ein Lied mit demselben Titel und derselben Idee gemacht. Nur war es bei ihm Ronald Reagan – und er war dabei sehr zornig und höhnisch.

VALERIE:
Den finde ich total super, aber das Lied kenne ich nicht. Für mich ging es dabei darum, welche Sprache in diesem Wahlkampf benutzt wurde, dieses “Gut gegen Böse“-Superhelden-Ding. Und ich kritisiere die Leute, die ihn deswegen gewählt haben. Da kann man schon resignieren.

DEBUG:
Heißt das, dass die Menschen doof sind?

VALERIE:
Viele durchschauen zumindest nicht, wie mit ihnen umgegangen wird und wie einfach solche Kampagnen und Schlagwörter funktionieren. Auf so einem Pop-Niveau.

DEBUG:
Kann man die Menschen also mit Pop darüber aufklären?

VALERIE:
Das Problem ist natürlich, dass unsere Musik nur die Menschen anspricht, die sowieso schon so denken wie wir. Ich mache das darum vor allem erstmal für mich, um zu reflektieren. Wirkliche Aufklärung kann ich natürlich nicht leisten.

DEBUG:
Diese Diskussion hatten wir früher immer bei Konzerten, auf denen alle “Nazis raus“ gesungen haben, während im Raum ganz sicher kein einziger Nazi war. Aber zumindest haben uns diese Lieder zu einem Gefühl von Zusammengehörigkeit verholfen. Als Hymnen, quasi.

VALERIE:
Genau. Ich blöke bei den Demos zwar nie mit, aber so etwas schafft eine Gemeinschaft unter Gleichgesinnten. Ich will auch weg von diesen üblichen Agit-Bands. Das hatte mal seine Berechtigung, aber heute finde ich es schwierig, wie Politik dabei in Pop eingesetzt wird. Das absolute Vorbild sind heute für mich die Goldenen Zitronen. Schorsch Kamerun und Ted Gaier setzen Politik mit Humor und ohne Verbissenheit um. Und trotzdem weiß man genau, dass sie eine konkrete Idee davon haben, was sie politisch wollen.

DEBUG:
Aber nicht nur wirken die Texte resigniert, du singst sie auch noch so schüchtern und gehaucht. Vielen Leuten wird es schwer fallen, da einen Willen zur Veränderung herauszulesen.

VALERIE:
Mein Gesang hat sich mit der neuen Platte aber schon verändert. Früher war die Stimme reines Instrument, heute hat sie mehr Bedeutung und Präsenz. Unsere zahlreichen Live-Auftritte waren dabei ein ziemlicher Einfluss. Wir haben oft beim Schreiben daran gedacht, dass so ein Stück irgendwann live funktionieren muss, und sind dadurch härter und aggressiver geworden. Sowas macht auf der Bühne einfach mehr Spaß, als wenn man so ein ruhiges Plucker-Stück spielt.

DEBUG:
Daher auch die Gitarren auf der Platte.

VALERIE:
Ja. Die hat alle Markus (Acher) gespielt, und es war eine lange, lange Arbeit, dass das nicht nach Notwist klingt. Und natürlich auch nicht nach so einer Rock-Scheiße. Es war uns sehr wichtig, dass es rockig aus einem elektronischen Kontext heraus klingt. Dass man so eine Distanz zu Rock hat. Wir benutzen Rock nur als eine Art Energie-Lieferanten.

DEBUG:
Aber es ist doch interessant, dass die Menschen nach 16 Jahren elektronischer Musik, wenn man jetzt mal von 1988 ausgeht, so einen Rock-Sound, selbst wenn er verfremdet ist, als energetisch empfinden. Die Gitarre erzeugt immer noch die meisten Emotionen von allen Instrumenten. Irgendwie scheint dieser Versuch, einen neuen Hörer zu erziehen, ja gescheitert zu sein.

VALERIE:
Na ja, dieses Feld, zu dem wir auch immer gezählt werden, dieses Indietronic-Ding, war halt irgendwie ausgereizt. Und live ist es mit einer Gitarre auch viel geiler. Ich stehe immer hinter dem Keyboard und bin mit meinen zehn Fingern da wie festgeschweißt. Und es ist doch schön, dass man heute wieder alles einfach so verwenden kann.

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Elektronische Lebensaspekte.