Sie sind durch das Tal des finanziellen Bankrotts gegangen und standen am gesundheitlichen Nullpunkt. Aber jetzt geht es mit Languis' neuem Album geradewegs bergauf. Sie stürmen eine Hochebene, auf der Melancholie, 60er-Anleihen und dicht gestrickte Basslinien "The Four Walls" mehr auflösen als betonieren. Mein Zimmer - mein Aussichtsturm.
Text: René Margraff aus De:Bug 81

Languis

2004 ist das Jahr, in dem Languis hoffentlich den Platz auf dem Indietronics-Thron bekommen, den sie verdient haben. Während Alejandro und Marcos auf ihrem letzen Album “Untied” laut Kollege Sascha Kösch noch “einen großen Becher Sounddesign über ihre Gitarren stülpten”, kommen sie auf ihrem fünften Album in sieben Jahren, “The Four Walls”, mit zehn Ideen pro Track, einer großen Portion Pop und jeder Menge verschachtelter Psychedelica zufrieden aus dem Zimmer geschlendert. Das als “Verfeinerung des Sounds” abzutun, wäre ein wenig untertrieben, denn Languis präsentieren sich auf dem neuen Album wesentlich direkter und poppiger, haben die experimentellen Sounds in kleinen Hymnen untergebracht. Das Schlagzeug wurde weniger häufig programmiert, die Bassgitarre sucht sich mit Peter Hook’schen Akkorden den Weg nach vorne und der Gesang ist klarer und weiter vorne im Mix. Besuch bekamen die beiden während der Aufnahmen von Jimmy Dntel und seinem Akkordeon und Nobody mit einer Wundertüte Beats. Die L.A.-Familie hält zusammen, hilft sich aus und daher kommt das Album dann folgerichtig auch auf Plug Research raus …

Wenn man etwas besser Bescheid weiß, was im letzten Jahr im Umfeld von Languis und ihrem Label Simball Records passiert ist, verwundert “The Four Walls” bei aller Melancholie, Nachdenklichkeit und Weite ein wenig, denn die Wirkung dieses Albums ist doch eher uplifting. Dorian, der zusammen mit Alejandro und Marcos das Label Simball Records betreibt, lag auf Grund einer fiesen Infektion längere Zeit im Koma, dann ging auch noch der Vertrieb, natürlich mitsamt der schon vorgeschossenen Dollars für ein geplantes Release, pleite. Das Geld ist pfutsch. Aber Dorian ist wieder wach und auf dem Weg der Besserung. Gut so und einen schönen Gruß von uns.
Den Weg in das Album fand die Misere wohl am ehesten über die Titel und die Texte. “The Four Walls” beschreibt laut Marcos “mehr oder weniger Isolation”. Alejandro geht noch einen Schritt weiter: “Für mich geht es darum, wie einen die Wände von der Realität abschirmen. Allerdings meine ich weniger das Leben, sondern eher die musikalische Realität, das, was momentan so passiert. Das habe ich nämlich alles ein wenig über.”
Wahrscheinlich war es diese Befreiung vom Aktualitätswahn und allzu genauer Beobachtung des Musikgeschehens, was “The Four Walls” ausmacht. Ein Track wie “Side Of The Road” macht einen Knicks vor 60er-Psychedelicpop, “Turning Point” hätte mit seinen Bassakkorden auch aufs letzte New-Order-Album gepasst. Doch Languis kümmern sich inzwischen nicht mehr darum, dass jemand genau so etwas schon vor ihnen getan hat, vertrauen auf die Idee und gewinnen damit auch immer. Alejandro fasst es so zusammen: “Haupteinflüsse sind die Beach Boys und Jesus and Mary Chain. Ansonsten habe ich im letzten Jahr noch mehr obskure 60er-Bands und sogar Platten aus den 70ern, die ich zuvor nie verstanden habe, für mich entdeckt. Aber du hast Recht, ‘side of the road’ klingt schon etwas nach Left Banke, das gebe ich zu, ich liebe die … Was diese Basslinien angeht, nur soviel: Das ist etwas, was Marcos eigentlich schon sehr lange macht. Natürlich haben das New Order schon lange vor uns getan und sie sind auch ein großer Einfluss, da wir ja viel jünger als sie sind. Aber diese Bassläufe fassen für uns ganz gut einige Jahre zusammen, in denen wir solche Läufe letztendlich nie auf unsere Alben gepackt haben.“ Nun, lieber spät als nie.
Ansonsten hat sich laut Alejandro aber wenig an der Entstehung der Songs geändert. “Für mich steht meistens die Idee des Songwritings im Mittelpunkt. Von da aus gehen wir dann einfach weiter. Oft ist es aber auch nur ein Beat oder ein Drone, und wir bauen den Song dann drumherum auf. Der letzte Song der Platte beispielsweise lag lange Zeit auf unserer Festplatte rum, nach einigen Monaten haben wir ihn mal wieder angehört und fanden ihn klasse, haben ihn vollendet. Das lange Solo am Schluss kam beispielsweise aus dem Nichts, als ich über dem Keyboard fast schon am Einschlafen war.” Doch Languis haben durchgehalten. Und mit so einem tollen Album in der Diskographie schläft es sich bestimmt auch ganz gut.

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Elektronische Lebensaspekte.