Als Third Eye Foundation quälte sich Matt Elliott durch gitarrengeschrotete Lofi-Breakbeats. Spaß sollte das nicht machen. Mit dem Album "The mess we made" unter eigenem Namen wendet er sich endlich der Beat-freien Schönheitssuche zu; hinter der Einsicht her, dass der Folk-Songwriter Tim Buckley viel darker ist als die Industrialband Throbbing Gristle.
Text: René Margraff aus De:Bug 72

Oh, Beats, up yours!

Matt Elliott ist zurück. Den Namen Third Eye Foundation hat er vorerst eingemottet und auf die Beats, die auf früheren Platten dominierten, fast komplett verzichtet.
“The Mess We Made” sind 52 Minuten, die mit getragenen Pianoakkorden, Akustikgitarren, durchs Tremolo geschickten Stimmen, einem heulendem Theremin und wunderbaren Celliflächen die Zeit anhalten und Trost spenden. Bei einem deepen Monsteralbum, wie es Matt Elliott uns da schenkt, ist es eigentlich egal, ob der Stilwechsel vom Gothic-Beatgeschraube zum noch getrageneren Songwriting nun logisch ist oder nicht. Während Mitte der 90er in Bristol jeder triphoppte, fing Matt Elliott jedenfalls an, Gitarrenwände im Stile My Bloody Valentines zum Leiern zu bringen und durch altersschwache Sampler zu jagen. Das klang dann so, als würden die Instrumente gerade wegrosten oder zerbröseln. Auf einem Fundament aus verzerrten Lofi-Breakbeats vertonten Third Eye Foundation Paranoia, Selbstzweifel und Angst. Die “Sound Of Violence”-EP war wohl schon auch mit daran Schuld, dass Drill and Bass 1997 zum Minitrend wurde. Nach fünf Third Eye Foundation Alben erschien 2001 die “I Poo Poo On Your Juju” Remixsammlung und dann war erstmal Funkstille. Letztes Jahr gab es dann wohl einen Auftritt auf dem Pariser Batofar und Gerüchte über eine neue Platte tauchten auf … Willkommen im Heute, wo “The Mess We Made” dank Domino Records real geworden ist.

I’M SICK AND TIRED OF BEING SICK AND TIRED
Was in der Zwischenzeit passiert ist, erklärt Herr Elliott folgendermaßen: “Es war einfach zuviel Hektik. Ich habe Vollzeit gearbeitet, musste umziehen und wollte etwas Zeit mit meinem Sohn verbringen. Außerdem war es eine sehr bewusste Entscheidung, über die neue Platte mehr nachzudenken und länger an ihr zu arbeiten. Zeitgleich wurde das Leben in Bristol aber immer teurer, die Mieten stiegen sehr krass und all der Dreck und Lärm gingen mir total auf den Nerv. Als ich mit meiner Freundin in Frankreich war, dachte ich mir dann ‘Fuck it, I’m coming here’. Das hat natürlich auch wieder etwas Anstrengung gekostet, da ich abermals umziehen musste. Die ganze Zeit über arbeitete ich aber auch an der LP. Also eigentlich schon eine lange Zeit. Komischerweise wünsche ich mir jedoch, ich hätte noch mehr Zeit dafür gehabt, aber ich würde wahrscheinlich durchdrehen, wenn ich mir die Songs nochmal anhören müsste.”

I’VE SEEN THE LIGHT AND IT IS DARK
Obwohl er nun in Frankreichs Idylle sitzt, hat Matt den Kontakt zu alten Freunden wie Hood und The Remote Viewer nicht abbrechen lassen. Im Vorfeld des Interviews machte ich mir ja ehrlich gesagt Sorgen, ob “einer wie er”, der so traurige Musik macht, denn auch gerne darüber sprechen würde. Meine Vorstellung von einem mürrischen Genie waren aber unbegründet, denn Matt kümmert sich und ist sehr höflich und überhaupt, er versteht das ja eh nicht: “Alle sagen, meine Musik sei dark. Wahrscheinlich zeigt das aber nur, wie wenig die Menschheit und ich gemeinsam haben. Ich glaube nicht, dass ich seit ‘Sound of Violence’ irgendetwas Düsteres gemacht habe. Vielleicht bin ich ja auch etwas verrückt. Mit ‘The Mess We Made’ wollte ich aber ehrlich gesagt einfach nur die schönste Platte machen, etwas, das ich auf meinem letzten richtigen Album ‘Little Lost Soul’ schon versucht hatte. Wenn du mich nun fragst, was ich mir momentan so anhöre, dann sind das meist ältere Sachen. Obwohl es durchaus spannende neue Sachen wie etwa Asa Chang & Junray oder Fog gibt. Früher habe ich natürlich auch düstere Sachen wie Throbbing Gristle und SPK gehört, zumindest ist das meiner Meinung nach düster. Obwohl, nein, ‘Starsailor’ von Tim Buckley, das ist fucking dark.”

THE MESS WE MADE
Das neue Album erscheint nicht mehr unter dem Moniker Third Eye Foundation, was auch Sinn macht. Die Stilveränderungen waren auf den alten Longplayern zwar auch von Album zu Album deutlich zu hören, jetzt aber ist Matt Elliott noch mehr als vorher beim Song gelandet. Seine typische Handschrift ist noch immer erkennbar, wenn er Strukturen durch subtile Tremoloeffekte und Hallschlaufen verwischt, doch die Rhythmik kommt nun mehr vom Piano oder der akustischen Gitarre. Kein Lied kommt ohne Vocals aus und eingesungen hat diese hauptsächlich Matt selbst.
“Ich langweile mich sehr schnell, und während ich die ‘Borderline Schizophrenia’-EP aufnahm, dachte ich mir, dass ich solche Platten einfach nicht mehr machen kann. Nicht, dass ich die Platte nicht mögen würde, aber dieser Prozess, Beats zu basteln und Samples zu finden … Ich wollte ein für allemal Songs schreiben. Auf dem Album gibt es kaum Samples, das meiste habe ich wirklich selbst eingespielt, was schon sehr anders ist. Ich habe auch wirklich mehr über solche Sachen wie den Songaufbau nachgedacht und viel ausprobiert. Außerdem erkannte ich, dass alle nach dem perfekten Beat forschen und ihre Ergebnisse oft auch wirklich besser sind als meine. Also weg mit den Beats! Schließlich waren es schon in der Vergangenheit meist die Beats, die mich an meinen alten Alben gestört haben. Ich habe wirklich auch versucht, mich zu isolieren von dem, was so musikalisch geschieht, und stellte mir immer wieder Fragen wie: Brauche ich diesen Beat? In den meisten Fällen merkte ich schnell, dass er recht überflüssig ist und es auch ohne geht. Und seien wir doch mal ehrlich: Zu meiner Musik hat nie irgendwer getanzt! Tja, außerdem bringt es mich echt um, wenn ich mich wiederhole. Die Arbeit an der Platte war für mich wirklich so, als würde ich eine neue Tür aufstoßen, ich probierte viele neue Dinge aus und fing wieder an zu lernen.“

Obwohl Matt meint, dass es für ihn finanziell immer schwieriger wird, Musik zu machen, arbeitet er schon wieder an einer neuen Platte. Hoffentlich muss er nicht so bald wieder umziehen.

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Elektronische Lebensaspekte.