Music A.M. sind Luke Sutherland, Volker Bertelmann und Stefan Schneider. Das hatten sie lange selbst nicht geahnt. Doch als es sich dann fügte, fügte es sich so richtig schön. Der frühe Bass fängt die Magie.
Text: Rene Margraff aus De:Bug 79

Als der Tau auf den Blättern lag
MUSIC A.M.

Music A.M. ist ein Beispiel für die raren Momente der richtigen Chemie, in denen scheinbar alles zusammenpasst. Drei nicht unbekannte Personen machen hier Bekanntschaft mit der Magie des frühen Morgens. Zusammenschlüsse dieser Art werden oft übersachlich als “Projekt” bezeichnet, machen dann aber auch einfach zu selten so viel Sinn wie bei Music A.M. Luke Sutherland, Volker Bertelmann und Stefan Schneider senden als Music A.M. ruhige, pulsierende Signale ihrer Instrumente auf einen Rechner. Daraus werden bei ihnen dann grundsätzlich wunderbare, versunkene Tracks. Magie muss mit im Spiel sein, denn oberflächlich betrachtet befreien Music A.M. Elektronik “nur” vom Sequenzerkorsett und vermischen warme E-Pianochords, runde Bässe und perlende Gitarrenläufe. Darin taucht immer wieder die meist zurückgenommene, dennoch eindringliche Stimme von Luke Sutherland auf, der in den Texten von den Widersprüchen und vom Chaos, aber auch von den kleinen Wundern des Alltags berichtet. Dass das Debüt “A Heart And Two Stars” so klingt, wie es klingt, ist letztendlich aber wohl diesem einen bestimmten Moment zu verdanken: dem frühen Morgen, an dem Stefan Schneider (To Rococo Rot, Mapstation) die Songgebilde von Luke Sutherland und Volker Bertelmann mit seinem Bass erdete und alles abrundete.

The Sound is worth a week in the sun

Doch erstmal der Reihe nach. Luke Sutherland war Mitte der 90er der Kopf von Long Fin Killie, die neben Seefeel und Pram mit Schachtelrhythmen, dubbigen Bässen, flirrenden Flageolett-Gitarren und Sutherlands sehr eigenem Gesangsstil zu einer der legendären frühen Too-Pure-Bands wurden. Hier ging es weder um schnöden Schrammel-Indierock noch um kinnkratzenden Postrock. Nach drei Alben war Schluss und Luke kümmert sich seitdem mehr um sein Schaffen als Autor (“Jelly Roll”, “Sweet Meat”) und sein elektronischeres Projekt Bows, wenn er nicht gerade Violinenparts für Mogwai aufnimmt.
Ortswechsel: Der Düsseldorfer Volker Bertelmann verabschiedete sich Ende der 90er Stück für Stück vom Rockbereich (inklusive Majordeal) und ging mit “Nonex” eher in Elektronika- und Drum-and-Bass-Gefilde. Nach einer ersten Kontaktaufnahme mit Luke Sutherland sang dieser schließlich via Telefon für einen Track Vocals für das zweite Nonex-Album ein. Doch auch Nonex war nach zwei Alben am Ende. Volker blickt aber nicht verbittert zurück, sondern blinzelt lieber erfreut in die Gegenwart, in der er neben Music A.M. auch noch als Tonetraeger Indietronicpop (zusammen mit Twig) macht oder als Huschka Pianostücke auf Karaoke Kalk veröffentlicht.
Erst 2002 kam es zu einem ersten persönlichen Treffen von Volker und Luke und so wurde Music A.M. geboren. Volker: “Ich hatte nach unserer ersten Zusammenarbeit den Eindruck, ich würde mit Luke gerne mal ein komplettes Album machen und da setzt jetzt die Geschichte ein, dass ich ihn dann in London besucht habe und wir uns letztendlich, auch auf die Gefahr hin, dass es nichts wird, einfach mal einen Nachmittag getroffen haben, um zu sehen, ob wir uns mögen und ob da eben etwas geht. Das war jetzt vor zwei Jahren.”
Da die Chemie stimmte, beschloss man, sich an mehreren Wochenenden in Volkers Studio in Düsseldorf zu treffen und nahm verschiedene Tracks in Angriff, aber bei einem Stück fehlte noch eine Bassspur, für die sich die beiden dann Stefan Schneider ins Studio holten. Dabei hat es dann geklickt. Volker Bertelmann erinnert sich: “Wir saßen hier um halb neun morgens im Studio. Als grad der Tau auf den Blättern lag, haben wir uns dann unsere Instrumente rausgeholt und ein bisschen schüchtern vor uns hingeklimpert. Wir kannten uns ja alle nicht wirklich so gut in diesem Moment. Aber da ist dann eigentlich etwas total Tolles passiert, an diesem ersten Morgen. Abends haben wir uns dann gesagt: Am besten ist es, wir treffen uns noch mal zwei Wochenenden zu dritt und schreiben dann in der Konstellation noch mal neue Songs, kippen also das Zweiermodell von Luke und mir ein wenig in Stefans Richtung, was auch sehr gut geklappt hat. Wir hatten hier dann zwei super Wochenenden, nahmen die Basictracks auf und Stefan hat sich auch immer mehr involviert. Wir haben die Stücke dann am Ende auch zusammen gemischt und gemeinsam überlegt, wo wir die hinbringen, wer dafür interessant sein könnte.”

Got a box of tricks like a fix-it kit?

Interessanterweise bekamen Music A.M. von einigen Labels immer wieder die Aussage zu hören, dass manches “unfertig” wirken würde. Wahrscheinlich hat es vor allem mit einer gewissen Erfahrung zu tun, dass sie sich von solchen Aussagen nicht verschrecken ließen. Volker meint, dass sie alle sehr genau wissen, was sie nicht wollen. Jedenfalls verzichteten sie bewusst auf ein Glattbügeln oder verkrampfte Poppigkeit im Namen eines Labelsounds und blieben selbstbewusst: “Ich mag für Music A.M. einfach dieses Runde nicht, das wäre die zehnte Veröffentlichung, die sich so anhört. Die wäre dann auch wieder so eine ganz klare Indiepop-Geschichte. Ich möchte einfach, dass das roh ist und auch so zerbrechlich bleibt … Wir mögen zwar schon einiges aus diesem Bereich, aber für uns ist eben das, was wir selbst gemacht haben, schon State of the art.” Danke für diesen Mut.

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Elektronische Lebensaspekte.