Thomas Morr hat einen Bart. Elektronika mittlerweile auch. Aber die Pläne zum Entstauben liegen bei Morr Music schon auf dem Tisch. Die Weichen stellen sich in Gitarren- und HipHop-Richtung. Einer der letzten Männer mit Visionen im Musikgeschäft spricht.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 66

Das Berliner Elektronika-Label Morr Music (und vor allem Chefrocker Thomas Morr) hat schon mit seiner ersten Werkschau “Putting the Morr back into Morrissey” seine Liebe zur wohlgezupft- und gedronten Gitarrenmelodie bekannt. Jetzt ist es wieder soweit, einer neue Compilation mit Liebeserklärung an einen weiteren Act aus der musikalischen Vergangenheit von Thomas Morr zu huldigen. Zeit für ein paar Fragen an den Mastermind.

DeBug: Vor einigen Wochen ist die neue Morr Music-Compilation “blue skied an’ clear” erschienen, die vor allem eine kleine Hommage an die Indieband Slowdive ist. Warum Slowdive?

Thomas Morr: Slowdive waren neben Codeine und My Bloody Valentine meine Lieblingsband zu Beginn der 90er. Ich möchte mich mit den Labelcompilations auch ein bisschen an meiner eigenen Musikbiographie entlanghangeln, deshalb lag es nahe, Bands zum Thema zu machen, die für die Elektronikszene ein erheblicher Input sein dürften. Da ich mich für ein Projekt entscheiden wollte, dachte ich, My Bloody Valentine ist zu plakativ und in den Press-Releases diverser Elektronika-Projekte der letzten zwei Jahre referenziell extrem breitgetreten worden. Slowdive stehen für Shoegazer, waren weniger bekannt und die Haltung finde ich nunmal sympathisch. Zudem war ich stets eher UK- als US-fixiert und habe am 10.09.2001 den ehemaligen Produzenten von Slowdive kennengelernt. Ihr Einfluss auf Bands wie Sigur Ros kann ja niemand ernsthaft bestreiten. Da sehe ich auch Parallelen zu Múm oder Manual und Limp, obwohl die eben genannten Slowdive vor dem Cover-Projekt noch gar nicht kannten.

DeBug: Haben die sich schon gemeldet? Hass- und/oder Liebesbriefe geschrieben, mit Anwälten gedroht oder eine Reunion auf Morr Music in Erwägung gezogen?

Thomas Morr: Es gibt da ein Angebot, ein Konzert in Südfrankreich zu machen, aber da Neil sich nur selten meldet, hebe ich mir das lieber auf, bis wir uns treffen. Bisher waren alle Reaktionen super positiv und ein wenig überrascht.

DeBug: Kannten deine Acts die Slowdive-Songs oder ist explizites Wissen über die Geschichte englischer Shoegazer-Bands Voraussetzung für einen Deal mit Morr Music?

Thomas Morr: Nee, aber eine etwas umfangreichere Plattensammlung kann nicht schaden. Die meisten meiner Artists haben eine Bandmusik-Geschichte und sich durch diverse Genres gehört oder gespielt, und da ist eine essentielle Gitarrenplatte um ein Vielfaches höher zu bewerten als die zehnte Platte mit Clicks & Cuts oder IDM-Komplexitäts-Spinner-Wettbewerben. Ich mag privat einfach keine Clubmusik, und Techno finde ich nur bedingt spannend. Der Purismus in dem Bereich ist für mich einfach rotzlangweilig. Zum Glück ist das ein Wissen, das die Artists und ich teilen ;).

DeBug: Wirst du noch andere alte Indiesachen aus der Kiste hervorzaubern?

Thomas Morr: Zur Zeit sieht es so aus, als würde ich die Platten von Codeine re-releasen können und vielleicht sogar neues Material. In das Bestreben, etwas mit den Slowdive-Songs zu machen, scheint auch wieder Bewegung zu kommen, nachdem die Pressereaktionen in UK ganz gut sind.

DeBug: In letzter Zeit bist du des öfteren als Hip Hop-DJ in Erscheinung getreten. Und es kursieren Gerüchte, dass Fat Jon ein Album auf Morr Music machen wird. Wirst du auf deine alten Tage zum B-Boy?

Thomas Morr: Also DJ würde ich mich nicht schimpfen, aber zur Zeit macht das Auflegen komischer Weise wieder Spaß. Da ist dann eben auch ein größerer Hip Hop-Anteil an Bord, einfach weil ich Labels wie Counterflow, Anticon, Mush oder Def Jux spannender finde als die meisten Elektronika- oder sonstwas Labels. Cutting Edge – sowieso immer am spannendsten – findet nunmal gerade dort statt und bei “uns in Elektronik-Hausen” trennt sich endlich die Spreu vom Weizen. So sagt man wohl. Wenn es selbst mir nach sechs bis sieben Jahren keinen Spaß mehr macht … Aber auch Hip Hop war erst möglich, nachdem es “für mich” seit dem Anti-Pop Consortium vor so 1 1/2 Jahren eben nicht nur Dicke-Eier-Goldketttchen-MTV-Hip-Hop gibt. Vielleicht ist es ja die Indieattitude, die mir zusagt, und letztlich, dass der Hip Hop, den ich mag, für Hip Hop-Kids keiner ist. Unterm Strich ist Anticon näher an Shimmy Disc als an Hip Hop-Major-Blödsinn. Das mit Fat Jon stimmt schon. Er weilt zur Zeit in Berlin und kennt Styrofoam durch dessen Studiojob in Belgien. Die beiden planen etwas zusammen, mehr wird noch nicht verraten. Fat Jon ist für mich so ein klasse Beispiel von Musikern, die Hip Hop mit Bandmusik, Jazz und Elektronik verbinden. Aber generell möchte ich schon seit über einem Jahr das Label soundtechnisch in Richtung Hip Hop (Populous, Fat Jon …), Gitarre (Ms. John Soda, Guitar …) und anderen Einflüssen öffnen. Einige Andeutungen gibt es auf der Compilation und viele Pläne sowieso. Zwölf Alben stehen schon fest für 2003. Mal sehen, wie sich das entwickelt. Wie gesagt, das ist immer nur meine Meinung, aber die interessiert mich nunmal mehr als die meisten anderen, meine Artists ausgenommen …

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.