Text: jörg clasen aus De:Bug 23

Weilheim/Landsberg: manche wundern sich, daß es keine Großstädte sind, die beschaulichen Orte im bayerischen Süden, obwohl sie von Zeit zu Zeit mit Chicago in einem Atemzug genannt werden. Das liegt weniger am Flair der großen, weiten Welt, der versprüht wird, als vielmehr daran, daß es in Weilheim und Landsberg “eine äußerst glückliche Ballung von Leuten mit Initiative und Kreativität gibt”, die unkonventionelle musikalische Ideen in die Tat umsetzen. Im Prinzip war es hier mit Sicherheit früher genauso wie in allen Kleinstädten, bis drei Label sich zu einer Gemeinschaft zusammenschlossen, um ihre Musik-Produktionen einer Öffentlichkeit auszusetzen. Diese drei waren KOLLAPS, HAUSMUZIK und ICR, das heute unter dem Namen PAYOLA veröffentlicht. First Things First Die Anfänge gehen zurück in die letzten der achtziger Jahre, zunächst – ob zwar kleiner, aber dennoch vorhandener räumlicher Trennung Ð unabhängig voneinander. Man startete Projekte, probierte sich aus, knüpfte Kontakte zu bestehenden Bands der Region wie zum Beispiel THE NOTWIST. 1991 kam es zu einer ersten Compilation (mit Vierspurgerät aufgenommenen), die man durchaus passend “Hausmusik” nannte. Das S zum Z gemacht, und der Name des Labels war geboren Ð HAUSMUZIK. ICR begannen ungefähr zeitgleich mit dem Herausbringen einer 7″ von Dilirium, dem Vorläufer von Slumlords. Umbenannt in PAYOLA, gingen sie vor ungefähr drei Jahren gleich mit mehreren Veröffentlichungen an den Start. Sie sehen sich seither im elektronischen Geräusch-Experimentierfeld. Der bis dato Fanzine-Macher Christoph Merk eröffnete sein Label KOLLAPS als dritter im Bunde mit einer Bonus-Single zu dem Sampler “Brennende Fenster #4”. Unglaublich, aber wahr, so textete man damals noch progressiv. Anders als in dem Geschäft üblich, unterstützte man sich von Beginn an gegenseitig, statt zu versuchen, dem jeweils anderen die Butter vom Brot zu kratzen. THE NOTWIST, die schon damals recht bekannt waren, verkauften die Platten der jungen Lables auf ihren Konzerten, was die Eroberung des freien Marktes erleichterte. Mittlerweile sind alle drei relativ etabliert: Aus HAUSMUZIK ist ein ernstzunehmender Vertrieb geworden, und viele der Bands, die dort veröffentlichen, erleben zur Zeit etwas, das man durchaus als beginnenden Durchbruch bezeichnen kann. Chartsbreaker gab es nach Aussage von Wolfgang Petters von HAUSMUZIK bislang nicht, aber die Plattenverkäufe pendeln immerhin zwischen 500 und 1000 Exemplaren. VILLAGE OF SAVOONGA und TIED AND TICKLED TRIO auch mal darüber. Einzige Ausnahme sind natürlich NOTWIST, die allerdings bei Community veröffentlichen. Die graue Eminenz: Martin Gretschmann Überhaupt spielen THE NOTWIST eine Schlüsselrolle. Der Einfluß von Markus und Micha Acher macht sich bis heute bei vielen Projekten bemerkbar, nicht zuletzt natürlich bei denen, an denen sie selbst teilhaben, und das sind einige. Überhaupt erscheint der ganze Weilheim-Klüngel wie eine einzige Familie. Diverse Bands setzen sich aus einem Pool von Leuten zusammen, die mal hier, mal da mitmischen. Das prominenteste Beispiel ist Martin Gretschmann, der nun auch schon nicht mehr so neue Neuzugang bei Notwist, die er stark beeinflussen konnte auf ihrem Weg vom Noiserock zu eher elektronisch verspieltem “Shrink”. Sein eigentliches Projekt ist CONSOLE, das fast schon als ein Martin-Gretschmann-Pseudonym gelten kann. Mit viel Liebe zum einzelnen Sound und dem angebrachten Fingerspitzengefühl kreiert er Sounds zum Reinkuscheln, keinesfalls einschläfernd, sondern einfach nur weich und warm und doch beinahe tanzbar. Tobi Hach von Payola versucht ihn zur Zeit bei einem größeren und mehr Dance-orientierten Label unterzubringen. Neben dem Arbeiten mit elektronischen Sounds spielt er auch bei TOXIC – die reinsten Rock präsentieren Ð als Bassist. Er agiert, wie die meisten anderen der Familie auch, durchaus nicht festgefahren, sondern versucht im Gegenteil, einer möglichst weiten Bandbreite gerecht zu werden. Mit seiner Musik bewegt er sich immer auf einer Gradwanderung zwischen den beiden Komponenten Indie und Elektronik, indem er zwar immer einer gewissen Songstruktur Tribut zollt, aber seiner Vorliebe für technische Sounds freien Lauf läßt und auf Stimmen, sei es Gesang oder Wortsamples, weitgehend verzichtet. Er hat seine Remixfinger bei TIED & TICKLED TRIO, SHARON STONED, SURROGAT und STELLA drin und ist deshalb auch schon mal als graue Eminenz Weilheims bezeichnet worden. Weilheim – deine Bands Eine der herausstechenden Bands sind VILLAGE OF SAVOONGA. Ihre melancholischen Tracks sind in sich abgeschlossen und dennoch vielseitig. Sie lassen auf ihren ersten beiden LPs zwar den elektronischen Anteil noch etwas vermissen, gehören aber auf jeden Fall erwähnt. Ihre dritte LP “Score” erschien 1997 und hat an elektronischen Elementen deutlich zugelegt, steht aber etwas im Schatten der vorhergehenden “Philipp Schatz”. Nach zwei Jahren Soundstille ist für dieses Jahr eine weitere LP angeplant. Sehr eigenwillig kommt eine der ersten Payola-Veröffentlichungen daher Ð BLOND, von und mit Michael Heilrath. Schräge, atonale und arhythmische Musik, getragen von harmonischen Melodien. Gewöhnungsbedürftig, weil nicht gefällig, und daher dann nachher und sowieso gut. Die 1998 erschienene LP (ebenfalls auf Payola in Zusammenarbeit mit Community) hat leichte Drum’n’Bass-Züge, bewegt sich zugleich in den Ecken “Geräusch” und Techno. Immer noch recht eigensinnig, vor allem ob der wirklich abgedrehten Sounds, wirkt insgesamt aber professioneller und abgeklärter. Hier darf man auf eine demnächst erscheinende Maxi gespannt sein. Das TIED & TICKLED TRIO ist ein Projekt von den drei Notwistern, Mario Thaler und einigen anderen. Thaler gab zusammen mit Martin Gretschmann die ersten Impulse gab hin zu elektronischer Beeinflussung und veröffentlicht als SNOWE auch selten selbst. Das TIED & TICKLED TRIO (von dem Micha Acher mal sagte, es sei für die Entwicklung von Notwist sehr wichtig gewesen, eine Art Initialzündung, die Jazzeinflüsse betreffend) versucht Jazz und eine Art elektronisches Fundament zu kombinieren. Was dabei herauskommt, hat mit so etwas wie Acid-Jazz nichts gemein, sondern ist eher ein Beispiel für nicht klassifizierbare Musik Ð groovig-vertrackt durch seine Jazzanteile, zugleich treibend durch die elektronische Basis. Super ist eine 7″-Reihe bei Hausmusik mit dem sinnigen Namen REIHENHAUSMUSIK. Es sind mittlerweile fünf Singles erschienen, die die Vielseitigkeit der Leute unterstreichen. Die erste ist von einem Projekt namens LALIPUNA vom Notwister Markus Acher und seiner Freundin, die glaube ich Steffi heißt, angeblich Portugiesin ist und inspiriert durch ein asiatisches Äußeres japanisch klingende Fantasietexte singt. Die letzte Nummer dieser Reihe kommt von HESSEN, klingt ein bißchen wie die alte NDRÐPausenballon-Musik mit Elektroeinschlag und ist perfekte Glücklich-im-Gras-liege-Musik. Zu nennen ist dann noch COUCH, empfehlen kann man ihre zweite LP “etwas benutzen” und FRED IS DEAD, “melancholischer Folk-Trash, Pop und nicht zu entwirrende Seltsamkeiten” (Zitat ihrer selbst) Eine kleine Neuigkeit gibt es noch, ein neues Label nämlich, hervorgegangen aus Hausmuzik, vielleicht nicht wirklich, aber auf jeden Fall von Thomas Morr, der seit kurzem in Weilheim mit Wolfgang Petters zusammenarbeitet. Das neue Label trägt den Namen MORR MUSIC und wird im Mai das erste mal in Zusammenarbeit mit CHARHIZMA in Erscheinung treten, mit der Veröffentlichung von B.FLEISCHMANNs “Pop Loops for Breakfast”. Die zweite Platte in Planung ist eine Remix-Compilation mit Lalipuna, I_S_A_N, Notwist, FLOWCHART, Blond, Fleischmann und JÖRG FOLLERT alias WUNDER. Das Erscheinungsdatum ist für August erhofft. Weitere Projekte sind eine Lalipuna-LP, eine Hessen-LP. Aussenstützpunkt und das Zentrum der Peripherie Mittlerweile arbeiten die drei Label mit den Leuten von KITTY YO zusammen. Die neue SCHWERMUT FORREST ist als gemeinschaftliche Veröffentlichung erschienen, bei Kitty Yo als CD und bei Kollaps als LP, die zweite und dritte Platte von Couch ebenso. Gemeinsamkeit macht stark. Trotzdem bleibt Weilheim der wichtigste Bezugspunkt der Labels und vielleicht ist es ausgerechnet das vielgehasste “Zeitalter der Information”, das das möglich macht. Denn es ist nicht mehr so, daß der Hype ausschließlich in den Metropolen tobt. Man ist heute ebensogut in der Peripherie in der Lage, seinem Anliegen Gehör zu verschaffen, ebensogut wie die, die sich an Rhein, Spree oder Elbe tummeln. Wer was zu sagen hat, kann dies bequem von zu Hause tun, genauso wie Banking, Einkaufen und Organisieren von Terrorismus Ð die Vernetzung macht es möglich. Einführungs-Empfehlung: Ein kleiner Rundumschlag und richtig genial ist die Compilation ãThe day my favourite insect died”, erschienen auf Kollaps, – tatsächlich aber ein Gemeinschaftsprodukt mit Payola – mit Blond, Snowe, Console, Village of Savoonga und einigen mehr.

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Elektronische Lebensaspekte.