Influx Datum haben mit der Brücke London-Miami eine neue Schnellbahnstrecke für die Breakbeatmenschen eröffnet. Der Oldschool-Liebe verpflichtet, ist hier jede Sekunde eine Geschichtsstunde. Mit Vocalssamples als Euphoriemoment.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 63

Geschichte droppen
Influx Datum

Irgendwie war Drum and Bass lange Zeit Musik, die extrem von ihren sozialen Zusammenhängen lebte. Was jeden nervte, der von außen einsteigen wollte, aber auch einen Teil des Reizes ausmachte. Der oft beschworene Aspekt von internationalem Drum and Bass, gefördert nicht nur durch Formation mit ihren verschiedensten World Cup Serien, sondern auch von V Recordings Latin-Move, und vielen Labeln, die verstreut auf der ganze Welt dann doch versuchen wollten, ihr eigenes Profil zu etablieren, wollte sich einfach nie so ganz einstellen. Auch die Öffnung hin zum Technischen, zu technoiden Ideen wie rings um Optical, die ja das “Soziale” bis zu einem gewissen Grad auflösen konnte in einer Frage des “Beats und Sounds selber programmieren“ und somit den Einstieg ohne Samples und damit scheinbar ohne “Geschichte“ erleichterte, was den Erfolg der Crew und einer ganzen Folge-Generation von Produzenten erklärt, hat sich schnell wieder zu einer festen Szene aus Stars entwickelt, bei denen selbst die hartnäckigsten Follower, z.B. sehr viele der harten Schranz-Drum and Bass Leute aus Amerika schnell einsehen mussten, dass sie nicht ganz rankommen. Vielleicht auch das ein Grund, warum jetzt House wieder so groß geschrieben wird in Drum and Bass: Es ist eine Inszenierung einer Ur-Geschichte von idealen des Zusammentreffens von allen, auf die sich irgendwie jeder ab Mitte 20 noch einigen kann. Vor allem Engländer.

Man hat von Influx Datum lange geglaubt, dass sie aus Amerika sind. Und sich darüber genau so gewundert. Samples wie in “The Days Of Glory”, “Forever”, “Back For More” usw. mit ihren kalten Schauern der Erinnerung an frühe Ravetage, konnten einfach von einem Amerikaner nicht so eingesetzt werden. Gavin Ken Price der eine Teil von Influx Datum (was “incoming information” heißt) ist aus London. Er kam auf Urlaub nach Miami, wo er mit Marco Fabian zusammentraf, der dort gerade seine Beatcamp Partys angefangen hatte, was dazu führte, dass er die nächsten 4 Jahre immer wieder pendelte zwischen diesen beiden extrem gegensätzlichen Städten. Beatcamp hat sich von Anfang an, als Gegengift zum härteren US-Sound, auf die “Soulful Sounds” verlegt, die sich langsam mit Acts wie Mathematics, New Republic usw. zu einer Gegenwelt entwickelt. Auf einer dieser Partys, zu denen sie DJ SS eingeladen hatten, haben sie dann auch ihren jetzigen Labelchef kennengelernt.

Sommer, Sonne, Hardcore

Influx Datum bestehen darauf, UK Drum and Bass zu sein. Auch wenn sie die US-Szene als “large” einschätzen. Und das grade weil Gavin Kens musikalische Geschichte über eine kurze Zeit HipHop und House Djing und über das Sammeln alter Houseplatten von US Labels wie Trax, DJ International u.ä. lief. Denn anstatt sich in Chicago oder Detroit weiter zu entwickeln, verschob sich die Raveszene als Bewegung von großen Warehousepartys schon kurz vor den 90ern so komplett nach England, dass amerikanische Housetracks und –Geschichte in der Retrospektive ohne England gar nicht denkbar wäre, so wie Drum and Bass ohne London, Minimalismus ohne Deutschland, das Internet ohne Amerika.

“Es wird sich immer um die London- und UK-Szene herum zentrieren, dort ist der Knoten der Originators und Pioniere. Egal wie viel französischen HipHop oder deutschen es geben mag, HipHop wird auch immer ein US Ding bleiben. Aber es gibt fantastische Tunes, die aus aller Welt kommen und es ist eine aufregende Zeit für die Globalisierung von Drum and Bass. Das beste internationale Ding, was ich in letzter Zeit gehört habe, waren z.B. die Tronik 100 Leute. Alles, was original ist, wird es auch machen, egal was die Geographie sagt. Und ein schlechter Tune bleibt einfach ein schlechter Tune.“

Und so etwas gibt es bei Influx Datum nicht. Denn ihre Tracks schaffen es einen Oldschool Vibe zu behalten, sehr soulful zu sein, ohne sich jedoch als Strickmuster oder Gimmick zu geschlossen zu entwickeln, und die tiefe Geschichte bricht mit jedem neuen und zentralen Vocalsample immer wieder aus ihnen als Euphorie heraus, denn ein Sample benutzen sie nur, wenn sie damit etwas tun können, was dem Sample gerecht wird, in all seiner Potentialität von Geschichte. Die Artists von denen sie stammen, sollten es auch mögen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.