Anfang Mai rauschte Angst vor chinesischen Hacks durch die Presse. Beginnt ein neuer Ost-West-Infowar oder dient die Panikmache nur höheren Budgets und einer Ankurbelung der Ami-Ökonomie?
Text: anton waldt | waldt@lebensaspekte.de aus De:Bug 48

Sind sie die nächsten Indianer?
Die USA machen Panik gegen Chinesische Hacker

Anfang Mai erschien auf der Website des Amerikanischen Arbeitsministeriums eine Würdigung des chinesischen Piloten, der bei dem Zusammenstoß mit dem amerikanischen Spionageflugzeug ums Leben gekommen war. Unter dem Foto des Piloten Wang Wei hieß es auf der offiziellen Website des Ministeriums: “Das ganze Land trauert um den Verlust des besten Sohns Chinas. Wang Wei in alle Ewigkeit, wir werden Dich bis ans Ende der Tage vermissen.”
Ein Informationskrieg findet statt. Chinesische Hackerbanden beschmeißen saubere amerikanische Sites mit digitalem Dreck, wofür sich gedungene US-Vorort-Kids mit semiprofesionell inszenierten Bit-Blockaden rächen. Die gebeutelte IT-Industrie verbündete sich mit den US-Diensten im Kampf um neue Milliardenbudgets und verwies auf die
chinesische Funktionärssöhne absolvieren den Studiengang “Xinxi Zhan” [Infowar] und schlagen mit “Red Flag Linux” gegen Microsoft los.
Der Informationskrieg findet aber gleichzeitig auch nicht statt. Niemand hat ein Interesse daran, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem mächtigsten und dem bevölkerungsreichsten Land der Welt zu gefährden. Weder die amerikanischen noch die chinesischen Militärs denken auch nur entfernt daran, ihre Waffenarsenale zur Zerstörung der gegnerischen Infrastruktur einzusetzen.

Kalter Infokrieg
Im Gegensatz zum Kalten Krieg zwischen Ost und West kann im Kalten Infokrieg allerdings nicht mehr klar zwischen Propaganda und Kampfhandlung unterschieden werden. Schon die Besichtigung der feindlichen Datenstellungen, das Abscannen von Ports und Firewalls stellt grundsätzlich einen kriegerischen Akt dar. Die Platzierung des Heldenbilds vom abgestürzten chinesischen Jetpilot Wang und dazugehörigen Parolen auf “feindlichen” Regierungssites erst recht. Auch wenn der Effekt zunächst nicht größer ist als der eines Graffiti auf einer öffentlich sichtbaren Mauer.
Die viel beschworenen Hacks der ersten Maiwoche sind demnach Kinderstreiche – allerdings wurden sie von mächtigen Interessen provoziert und benutzt. Die US-Dienste und die Silicon-Valley-Belegschaft sehen in den virtuellen Scharmützeln nach der Flugzeugkollision über dem gelbem Meer eine reelle Chance, an verschwenderische Militärbudgets zu gelangen. Auf chinesischer Seite war die Teilnahme an den Hackerscherzen wiederum eine fantastische Gelegenheit, vor der eigenen Bevölkerung Stärke zu demonstrieren, ohne einen echten Konflikt zu riskieren.
Die Grenzen zwischen digitalen Geblödel und echten wirtschaftlichen Schäden sind – zumindest von Seiten der USA gesehen- fließend: Nachdem sowohl US-Behörden als auch -Sicherheitsunternehmen Ende April eine Woche lang die Gefahr vor den chinesischen “Hackern” plastisch ausgemalt hatten, änderten sie am 1. Mai den Tonfall. Es war immer offensichtlicher geworden, wie harmlos die kurzfristige Modifizierung von Sites mit Parolen letztendlich ist. Am 1. Mai sah die digitale Welt ganz plötzlich wieder normal aus, und alle vorher an der Panikmache Beteiligten verwiesen darauf, das die Hack-Aktivitäten “nur ganz leicht” über dem Durchschnitt lagen.

Info-Atom-Krieg vs. Abschreckung
Gerade dieser Rückzieher dokumentiert recht anschaulich, dass zwar ein kalter, aber auf keinen Fall ein heißer Informationskrieg erwünscht ist. Der würde definitionsgemäß auf die gesamte Infrastruktur des Gegners abzielen – und zwar ohne jegliche Unterscheidung von militärischen, politischen und zivilen Zielen. Sowohl China als auch die USA verfügen mit großer Sicherheit über ernstzunehmende Programme und Waffenarsenale für derartige Auseinandersetzung. Schon 1985 wurde in China der Begriff “Xinxi Zhan” für den Informations-Krieg geprägt, inzwischen gibt es dort gleichnamige Studiengänge an militärischen und zivilen Universitäten.
Der Informationskrieg wurde in China aber nicht nur relativ früh sehr ernst genommen, er wird mit Tradition betrieben. Das klassische, chinesische Werk zur Kriegsführung “36 Strategeme” lässt sich als infotechnische Strategien lesen. Chinesische Experten berichten, dass die 2.400 Jahre alten Anweisungen inzwischen auf die Situation der vernetzten Welt übertragen wurden – natürlich ohne zu verraten, wie die neuen 36 Regeln lauten.

Red Flag Linux
Eine der wichtigsten Maßnahmen im Infokrieg dürften die Bemühungen sein, von US-Technologie-Importen unabhängig zu werden, wobei die Angst vor Hintertüren besonders mitspielt. Das Pekinger Software-Haus “RedFlag” hat dazu schon seit geraumer Zeit der Übermacht des Microsoft-Betriebssystems Windows in China den Kampf angesagt. Anfang des Jahres wurde die neue Distribution “Chinese 2000” offiziell vorgestellt. Das Betriebssystem soll als “kostengünstige Alternative” zu Microsoft-Produkten vermarktet werden, die für die meisten Nutzer auf dem chinesischen Markt legal ohnehin unerschwinglich sind. Die Rote Fahne wurde von der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften initiiert, deren Vizepräsident, Jiang Mianheng, der Sohn des Staats- und Parteichefs Jiang Zemin ist.

Starwars jetzt wieder digital
Die USA wiederum haben Anfang des Jahres angekündigt, neben dem Raketenabwehrsystem NDM auch ein “Internet-Schutzschild” aufzubauen. Ziel dieses “virtuellen NMD” [National Missile Defence] ist es, staatliche und private Netzwerke in den USA gegen “Cyber-Angriffe” von außen zu verteidigen und eine ähnliche “totale Abschreckung” zu erreichen wie mit der Nuklear-Strategie der vergangenen Jahrzehnte. Ob das “Cyber-Abschreckungspotential” allerdings auch voll umgesetzt wird oder ob allein die Ankündigung starker “virtueller Waffen” schon den gewünschten Effekt erzielen soll, bleibt dabei offen.
Dafür ist der Tonfall des “Cyber-NMD” um so offensiver: “Wenn ein Staat unsere Wasserversorgung mit einer Cyber-Attacke unterbricht, müssen wir im Stande sein, seine Stromversorgung oder sein Bankensystem lahmzulegen”, kommentierte ein US-Geheimdienstberater das Programm. Das “Schutzschild” soll bis 2003 stehen, wird voraussichtlich über 50 Milliarden USD kosten und wird auf jeden Fall Teilen der IT-Industrie einen kräftigen Investitionsschub verpassen – und das wiederum ist im Sinne des Informationskrieges sowieso die wirksamste Waffe.

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Elektronische Lebensaspekte.