Text: Fee Magdanz/Thorsten Lütz aus De:Bug 20

Das kleine Hörspiel Reissdorf don’t Stop Fee Magdanz/Thorsten Lütz kalkfee@netcologne.de Strukturen formen, Bündnisse eingehen und Grenzen ziehen sind gerade in einer Stadt wie Köln mit ihren unterschiedlichen musikalischen Szenen alltäglich stattfindende Mechanismen. Auch wenn immer wieder versucht wird, Einheit zu suggerieren, indem man diese unter Luftblasen wie “The Sound of Cologne” bündelt. Ingmar Koch lebt in dieser Welt und bedient sich wie alle anderen zwar ihrer Mechanismen, geht dabei aber nicht so protektionistisch vor wie viele seiner Nachbarn Ð und einordnen läßt er sich schon lange nicht. Ingmar Koch eilt ein gespaltener Ruf voraus, der eben weniger daher rührt, daß er mit einem zwielichten Image spielt (Silberschmuck, BadBoy,É). Es ist vielmehr sein scheinbar willkürliches Operieren mit musikalischen Stilrichtungen, das vielen Probleme bereitet. Er hat sich nie dem “einzig wahren Sound” unterworfen, sondern formuliert sich in einem ständig in Bewegung bleibenden Prozeß immer wieder neu. So ist (und war) er Teil ganz unterschiedlicher Projekte und begibt sich dabei schon mal auf waghalsigste Gradwanderungen. Zusammen mit seinem Freund Reinhard Schmitz hat Ingmar Koch vor zwei Jahren das Battery Park Cologne-Festival initiiert. “Ursprünglich”, wie er sagt, “um einmal alle Kumpels zur gleichen Zeit zusammenzuholen.” Und darum geht es immer noch, obwohl das Elektronikfestival mittlerweile zu einem riesigen Apparat angewachsen ist. So gründeten die beiden jüngst die Produktionsfirma Syncom Productions GmbH, um Großprojekte wie eben ‘Battery Park’ oder auch ‘Reissdorf Force’ besser abwickeln zu können. DeBug: Wie genau sieht eigentlich eure Kooperation aus? Reinhard: In der Zeit, als ich noch Chefredakteur bei der Keyboards war, habe ich mit Ingmar quasi als Redaktion zusammengearbeitet. Seitdem ich seit April letzten Jahres nicht mehr dort bin, kooperieren wir eben privat. Wir haben ja nun auch unser Syncom Label. Ingmar: Syncom ist seit Januar aktiv, und im Moment produzieren wir vor allem lizensierte Sachen für andere Labels, wie Ninja Tune und Harvest. DeBug: Und was ist mit Reissdorf Force? Reinhard: Wenn das wirklich funktioniert, ist Reissdorf Force das, was man einen Major Deal nennt. Das ist für die EMI, also Harvest, ein großes Thema, und wir hoffen natürlich, daß es das wird. Nicht, damit wir alle reich und berühmt werden, sondern weil da viele Leute drin hängen, quasi die ganze Posse. Im Prinzip hängt da jeder mit drin, der möchte. DeBug: Ihr habt keine feste Besetzung. Wird da gejammt, oder sind das durchproduzierte Geschichten? Reinhard: Die Tracks entstehen durch Jams. Danach wird sehr viel editiert. Wir schauen, was zu gebrauchen ist, und versuchen, das Beste daraus zu machen. Ingmar: Deswegen auch Nummern mit Gesang. Nicht jeder Titel soll aber ein Gesangsstück werden. Es macht ebenso Spaß, Songs mit einer eingängigen Hookline zu schreiben. DeBug: Wolltet ihr das machen, oder produziert ihr das so, weil es eine Major-Geschichte ist? Ingmar: Wir wollten das auf jeden Fall. Mit Reissdorf Force kann es schon in Richtung Charts gehen. Jedes Newcomerprojekt mit einer eingängigen Hookline hat erstmal das Potential dazu, das liegt aber weniger am Künstler, sondern ist ein Promotionding. Es wäre natürlich traurig, wenn das nicht klappt, aber es reicht auch, wenn die Leute unsere Hooklines noch Monate vor sich hinsummen. Reinhard: Wir haben ein Budget, mit dem man wirklich arbeiten kann. DeBug: Und welche Funktion hast du bei Reissdorf Force, Reinhard? Reinhard: Ich mache den ganzen Finanzquatsch, viel Organisation, und natürlich produzieren wir zusammen. DeBug: Und was ist dein Brotberuf? Reinhard: Eigentlich bin ich Journalist. Aber nach zwölf Jahren Keyboards wollte ich einmal etwas anderes machen und mache nun die Promotion für eine Computersoftwarefirma. DeBug: Ihr testet doch auch Musikgeräte. Gibt es da irgendwelche Überschneidungen? Ingmar: Klar. Wir benutzen und testen Sachen für verschiedene Firmen. Dabei versuchen wir aber immer unser Motto beizubehalten: wir sind nicht käuflich, und Freiheit finden wir geil. Reinhard: Wir sind beide ziemliche Maschinenfreaks. Dabei reizt es uns vor allem, an Sachen zu arbeiten, aus denen erst Produkte werden, also, wo man uns fragt: wie hättet ihr es denn gerne. Man hat da mehr persönliche Einflußnahme. Die meisten Geräte sind ja nicht wirklich ökonomisch. Nur wenige Musiker aus unserem Bereich haben die konzipiert, meist kommen die vom Jazz oder Rock. Die meisten Geräte wurden über die Jahre immer für etwas anderes genutzt als ursprünglich vorgesehen. Die MPC 3000 z.B. war eigentlich als Sequenzer für L.A.-Softwarecracks gedacht, die den ganzen Bearbeitungsmist nicht brauchen. Hardwaresequenzer haben da ein viel besseres Timing. Wir möchten, daß es irgendwann etwas richtig Gutes gibt. Ingmar: Wir basteln jetzt seit zwei Jahren an einem Konzept für ein neues Musikgerät, für das wir vor einem Jahr den Zuschlag einer Firma bekommen haben. Wir machen das Grundkonzept und die Softwarefeatures. Das Ganze wird dann in etwa so aussehen wie eine riesige MPC 3000 mit supervielen Live-Eingriffsmöglichkeiten. Ein Traumgerät für jeden Elektroniker. Man kann damit ohne ein einziges Pattern in der Tasche auf die Bühne gehen und live programmieren. Reinhard: Viele Musiker finden es mittlerweile langweilig, mit einem festen, vorbereiteten Set auf die Bühne zu gehen, – das ist dann eben nicht mehr wirklich live gespielt. Und vor allem kann es sich nicht jeder leisten, mit einem Lieferwagen voll Equipment zu touren. Darum ging es uns auch. Ingmar: Die Firma, die das Gerät baut, hat nach ihrer ersten Begeisterung eine Marktumfrage gemacht, und die Leute fanden das so großartig, daß es nun drei unterschiedliche Geräte geben wird. Reinhard: In den meisten DJÔs schlummert ja ein Producer, man muß denen nur etwas anbieten, es ihnen einfach machen, statt zu verkomplizieren, dann werden sie es auch annehmen. DeBug: Und was plant ihr für dieses Jahr? Ingmar: Erst einmal werden wir auf Tour gehen, z.B. in den Staaten. Dann gibt es zur PopKomm wieder einen Elektrobunker und natürlich Battery Park im Oktober. DeBug: Die letzte Battery Park war ja schon besser als im Vorjahr… Reinhard: Am Anfang macht man ja immer Fehler… Ingamr:…und letztes Jahr hatten wir auch einen größeren Vorlauf als davor. Außerdem hat das Kulturamt Köln mehr mitgemischt. Dadurch gab es weniger Probleme. Reinhard: Die haben uns die ganzen rechtlichen Dinge vom Hals gehalten. Das wird dieses Jahr genauso sein. Ingmar:Diesmal wollen wir aber erweitert auf die Kölner HipHop-Szene eingehen und sowas featuren. DeBug: Das ist bei der Musik, die du propagierst, ja ein naheliegender Schritt. Ingmar: Die Nachwuchsszene zu fördern, war aber immer schon die generelle Idee. DeBug: Seht ihr da was? Reinhard: Man muß sich einfach umschauen. Der Köln-Hype ist eine Geschichte, ich finde es aber schöner, etwas dauerhafter zu gestalten. Also es, anders als in anderen Scenes, dauerhaft mit Qualität zu untermauern. Irgendwann fällt das alles zusammen, weil heute jeder sagt, er kommt aus Köln. Man muß ein Fundament schaffen, auf Masse kommt es uns dabei nicht an. Wir hören uns zusammen mit Thomas Thorn vom Liquid Sky generell alles an und diskutieren das. DeBug: Es gab aber schon einen Punkt, wo du, Ingmar, dich von der geraden Bassdrum distanziert hast… Ingmar: Wenn man hundert Platten mit einer geraden Bassdrum produziert hat, wird das irgendwann langweilig. Ich will aber kein Geschmacks-KZ einrichten, sondern sehe mich einfach nach Neuem um. Außerdem, wer soll es sonst machen. Um diesen Aspekt der Musik aus Köln kümmert sich doch niemand. Und beispielsweise das Label von Ice-T fand unsere Sachen super, die wollten nicht glauben, daß wir aus Köln kommen und keine Schwarzen sind. Reinhard: Vor allem ist es nicht fruchtbar, wenn man nur Leute um sich scharrt, die alle das Gleiche machen. Und man trägt ja auch den Ruf einer Stadt nach außen. ZITATE__________________________ Freiheit finden wir geil Es kann sich nicht jeder leisten, mit einem Lieferwagen voll Equipment zu touren Die wollten nicht glauben, daß wir aus Köln kommen und keine Schwarzen sind

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Elektronische Lebensaspekte.