Das Pop-Phänomen Coverversion geht in die nächste Runde. Nouvelle Vague schunkeln zu Joy Division, anstatt sich zu erhängen. So sagt es jedenfalls der Pressetext. Wir prüfen, ob diese Idee im zweiten Album-Anlauf noch tragfähig ist.
Text: Rikus Hillmann aus De:Bug 103

Ouvertüre.
Glaubt man dem KulturSpiegel, dem bildungsbürgerlichen Supplement für den Spiegel-Abonnenten, so hat die Coverversion gerade Saison. Was natürlich nicht stimmt, denn eigentlich hat das Cover schon seit der American-Recordings-Reihe von Johnny Cash für den KulturSpiegel Saison. Und die sind schon einige Jahre her. Für alle anderen hat es natürlich schon immer Saison, da die Coverversion eine durchaus wichtige transformierend interpretierende Pop-Methode und Phänomen war und ist, das aus materiellem und künstlerischem Interesse geradezu ausgebeutet werden musste. Zuerst steht, klar, das materielle Interesse: Im Jura des Rock, als die Charts noch über verkaufte Notenblätter ermittelt wurden, verlangte die weiße amerikanische Mittelschicht keine schwarzen Fats Dominos und die Plattenfirmen reagierten prompt: Weiße Kopisten standen vorm Mirko und gaben dünnstimmig Schwarzes zu Gehör. Die Pop-Eintagsfliegen der Neuzeit unterscheiden sich in dieser Grundmotivation nicht viel. Nach wie vor will man einen geldpotenten, ignoranten Geschmack treffen. Gern auch in Form einer gröhlenden Hochzeitsgesellschaft. Hier funktionieren diese gedudelten Plagiate, die mit Interpretation wenig zu tun haben, bestens. Aber wo hört man die künstlerische Ambition? Na klar, bei den Indies. Schon immer. Da, wo die Kunst bei der Leidenschaft zu Hause ist. Bruder Idealismus kommt später auch vorbei. Archäologen-gleich wird hier seit Dekaden nach transformierbarem Song-Material gegraben, dem man in der Coverversion noch ein bisschen selbst inszenierte Persönlichkeit beimengen kann. Man folgt dem Credo: Das Stück besser machen = Potentiale entwickeln. Wenn das nicht klappt: Ein Tribute machen = Potentiale Potentiale sein lassen, interpretieren. Wenn auch das nicht klappt: Bastard-Pop machen = Potentiale addieren.

Couvertüre
Um 2004 avancierte das französische Coverband-Projekt “Nouvelle Vague” um Marc Collin und Olivier Libaux zum neuen Beschallungsstandard für studentische Milchkaffeehöllen mit pervertierenden Folgen: Selbst ernannte Frauenversteher brannten die von Collins Vamps gesäuselten Bossa-Nova-Coverversionen von 80s-New-Wave-, Indie- und Punkklassikern gleich zu Dutzenden für ihren gesamten gutmenschelndeln Freundeskreis, der die CD ohne Kenntnisnahme der Originalversionen auf Endlos-Random-Rotation setzte und zielgerichtet zwischen Gipsy Kings, Milva, Cafe Del Mar und Buenavista Social Club einsortierte. Dieses Indiepop-Phänomen hat Geschichte: Nouvelle Vagues erste gilt heute als legaler Nachfolger von Kruder und Dorfmeisters “The K&D Sessions”, der bis Dato meistgehassten CD-Veröffentlichung im urbanen Sozialkontext, die eigentlich gar nichts dafür kann, weil diese schlicht überbewertete Melange einfach nicht wehtat. Nouvelle Vague hingegen glänzten zumindest mit Musik-archäologischem Tatendrang und Witz im Einimpfen ihres Savoir-vivre in dieses Konzeptalbum: Die Auswahl von Dead Kennedys-, Clash-, Cure-, Killing Joke-, Sisters of Mercy-, Depeche Mode-, The Undertones-, Tuxedomoon-, P.I.L.-, XTC-Songs ließ erwachsene Ex-Punker und Waver aufhören, stöhnen, lästern und verteufeln: zu aufgesetzt, zu gewollt, zu stark kontrastiert, zu homogen. Das mag für ein frivol lolitahaft gekreischtes “Too drunk to fuck” von den Kennedys stimmen (dem Original entsprechend besoffene Lolitas können nicht mehr kreischen, nur glucksen), für ein “Making Plans for Nigel” von XTC nicht. Die Platte hatte in ihrem Bossa-Nova-Unplugged-Interpretationskontext durchaus sehr gute dichte und humoristische Momente und ließ deswegen manches Punkbein unter dem Tisch versteckt verzückt zur Melodie ihrer Altheroen mitwippen. Außerdem war sie auch was für Mutti und für viele andere wiederum ein Anstoß, alte Songs wiederzuentdecken. Das zumindest machte, zugegeben auch mir, großen Spaß. Und anderen wohl auch: Es verkaufte sich um die 200.000 Mal und wird von uns ins Plattenfach für “Tribute” gestellt.

Neue Welle
Libaux und Collin, der gern auch mal unter Avril Techno-Folklore oder mit Ivan Smagghe Neo-Disco-Rave-Gehupe unter dem Namen Volga Select bastelt, werfen nun das zweite Werk gleicher Bauart, betitelt ”Bande A’part“, in die Runde. Mit dabei u.a. Heaven 17s “Let me Go”, New Orders “Blue Monday”, Bauhaus ”Bela Lugosi’s Dead“, U2 ”Pride“, Cramps ”Human Fly“, Yazoos ”Don’t go“. Das riecht stark nach zweitem Aufguss. Zu dünn und herausgerissen ist die Interpretation, zu starr die Zusammenstellung der Songs, zu homogen der Duktus. Die voraussehbare ökonomische Methode, die nur die Melodie fokussiert, beraubt das Original um alle Ecken und Kanten. Und vergisst das charakteristische Pathos. Zu wenig gute Momente lässt man mit einem starken Beigeschmack von kalkulierter Funktion in der postalternativen Neobürgerlichkeit allein. Wenig überrascht, sucht man vergebens die Impulse des Erstlings. Obwohl die Originale zumeist gleichbleibende Originalität – allerdings mit mehr Gassenhauerpotential – beweisen, ist es wohl die Wiederholung des Gesamtkonzeptes, die den Spieß umkehrt: Sie zeigt das Cover wenig authentisch und tendenziell vergreist. Man meint, Einzigartigkeit überlebe sich schnell, wie man auch schnell beim zweiten Cover-Album von Senor Coconut im Salsa-Kontext feststellen musste. Nach Anspielen des dritten Stückes im Redaktionsbüro werde ich höflich, aber bestimmt gebeten, das Werk besser zu Hause durchzuhören. So plätschert und popt es jetzt öfter schön beim Kochen. Im Sommer brauche ich dann nur noch das Fenster aufzumachen und kann es aus anderen offenen Fenstern plätschern hören. Man meint, schon zwei Wellen machen einen konstanten Mainstream. Was bleibt, ist trotzdem Pop. Schwipp-Schwapp.

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Elektronische Lebensaspekte.