Schwingungen, Kratz- und Knackgeräusche von Plattenspielern durch einen Monokompressor gedreht - Institut für Feinmotorik vereinen die Leidenschaft für unkonventionelle Produktionsweisen und öffnen sich so der Weite des minimalen Raums.
Text: anett frank aus De:Bug 58

Was loopt denn da im Schwarzwald?

Feinmotorisches Nadel-Rhythmus-Schnipsen
Institut für Feinmotorik – deren Name ist Konzept und die personelle Besetzung stammt aus dem Schwarzwald. Das Motto: Eine im besten Sinne “schwache” Musik zu machen. Die vier Musikbesessenen aus Bad Säckingen teilen ihre Leidenschaft zum unkonventionellen Produzieren von Klangerlebnissen mit rhythmischer Fügung. Was soll`n das sein? Nun, man nehme acht Plattenspieler und platziere beispielsweise verschiedene Materialien, wie z.B. kleine Aufkleber oder mit Tesafilm befestigte Pappschnipsel auf dem Teller. Hinzu kommen laut CD-Innencover: vier günstige DJ-Mixer, zwei vielseitige Mono-Kompressoren, ein gängiger Mehrspurmixer und null Schallplatten – alles in allem wird so die modifizierte Soundtüftelei per Abnehmer-Nadel hörbar gemacht. Der Turntable fungiert dabei quasi als “leeres Instrument”, das die Schwingungen, die Knack- und Kratzgeräusche oder Vorbeischluffsounds veräußert. Durch ein pfiffiges Arrangement der einzelnen Geräusche wird per Drehmoment 33 bzw. 45 ein Output erzeugt, das kompositorisch glänzt und der Kopfnickerfraktion via klanglich-rhythmisch-arhythmischer Modulation mächtig eins hustet, sich aber dennoch absolut eingroovt – mehr, viel mehr, als der ’99 auf Fusetron erschienene Longplayer “negemergenz”. Namen sind ja wie gesagt Programm.

Oh Ohrenschmaus -… ja das ist Kunst!
Zum festen Stamm gehören Mark Brüderle, Florian Meyer, Daniel van den Eijkel und Marc Matter. Leider waren nur zwei von ihnen zur “Transmediale” Anfang Februar ins E-Werk nach Berlin gekommen. Aber dass nur vier von eigentlich acht Händen am Pult herumhantieren, tut dem visuellen Effekt (puh, schon wieder) keinen Abbruch. Dem Klangarrangement fehte allerdings live das eine oder andere Händchen. Daniel dazu: “Die Live-Performance ist eine Bastelei. Der Musiker-Anspruch ist dabei auch nicht so hoch, es handelt sich mehr um ein Spiel, um einen Scherz.” Die Perfektion wird dafür auf dem Album ausgelotet.
Marc dazu: “Wir dokumentieren all die Geräusche, die durch die CD zum Verschwinden gebracht werden. Das ist eine von vielen Möglichkeiten, Musik zu machen.”
Und was für eine. Hier zählt noch Authentizität und die Liebe zum Experiment. Diese sind nun wiederum auf CD oder Longplayer gebannt. Mit “Penetrans” präsentiert uns das Kölner Label “Staubgold” die Versuchsergebnisse der Feinmotoriker aus zwei Jahren Forschungsarbeit und die durchdringen Sphären und Räume, die gerne zwischen kategorisierten Zuschreibungen wie Clicks & Cuts und minimalem Techno springen. Die unkonventionelle Art der Klangerzeugung ist zweifelsohne an die Materialästhetik gebunden, aber daneben, oder sagen wir doch lieber ganz weit im Vordergrund sind die Tracks sowohl an frischen, “unerhörten” Sound-Brillianzen, als auch an vertrauten musikalischen Mustern trächtig. Ein Fest für Freunde der Weite des minimalen Raumes.

Man höre und staune
DEBUG: Gefällt es euch, live zu spielen und damit auch immer Gefahr zu laufen, dass das visuelle Element eurer Performance, sprich: ‘da stehen acht Plattenspieler und die Typen zelebrieren ohne Platten mit Nadelzerstörungsgeräuschen einen Soundteppich’, dass dieses Bild den Aufmerksamkeitsfokus des Hörens überformt?
Marc: Es war gut, dass das Publikum bei unserem Auftritt im E-Werk auch recht nah an die Installation herangekommen ist und ein Paar auch getanzt haben. Das schaffen wir leider noch nicht so oft, weil das ganze präsentierte Ambiente doch eher den Charakter von einem experimentellen Kunstaufbau neben eben dieser ‘Kunstmusik’ hat. Im Vorfeld hatte ich erst ein bisschen Bedenken, von wegen Medienkunst-Schnickschnack. Kurz: Für uns ist es schon schwierig, wenn wir immer nur auf die Machart reduziert werden, weil die doch relativ ungewöhnlich ist. Es ist auf die Dauer auch ein bisschen unbefriedigend, wenn es nicht auch von der Musik oder von den Klängen her gesehen, die wir da erzeugen, Existenzberechtigung hat. Das Risiko ist auf jeden Fall da, dass die installative oder visuelle Präsenz attraktiver ist, als die akustischen Klänge, die dabei herauskommen.
DANIEL: Für mich steht die Musik absolut im Vordergrund. Die Live-Performance ist für mich ein Nebenprodukt oder ein Abfallprodukt.

Der Einstieg in das klangliche Arrangement funktioniert zunächst über die Setzung eines einzelnen Geräuschelements mit additivem Aufbau, wobei das Meiste die Maschinen von alleine machen. Man braucht nicht unbedingt viel eingreifen, damit es toll klingt. Aber das Publikum will beim Anblick auch intervenieren.

DEBUG: Ein Freund von mir wollte auch die ganze Zeit immer an einem Gummi schnipsen und hören, was passiert. Lasst ihr das zu?
DANIEL: Wir forcieren das bei der Live-Performance nicht unbedingt, aber wenn`s geschieht, ist es auch gut. Den performativen Akt, dem das interaktive Element inhärent ist, finden wir schon spannend.

DEBUG: Ist euch bei einer Live-Performance schon etwas peinliches passiert, etwa, dass ein Gummi wegschnipst oder sich tonerzeugendes Material vom Teller löst?
DANIEL: Immer wenn wir live spielen ist das ein einziger großer Unfall. Sei es ein Geräusch, das falsch gesetzt ist oder diese Art Rauschen, die nicht passt, oder eben auch Zufälle, aber das macht es doch im Endeffekt aus, warum wir das machen. Und Unfälle…es schnipsen halt manchmal die Gummis weg und wenn dann noch ein Metallteil mit durch den Raum fliegt, wird`s gefährlich. Dann sind wir so ziemlich am impovisieren.

DEBUG: Welchen Materialnutzungswandel habt ihr seit der ersten Veröffentlichung durchlaufen?
MARC: Angefangen haben wir mit Vinyl-Geräuschen, wobei wir nie die Nutzrille abgespielt haben, sondern nur den äußersten Rand, die Leerrille oder das Papier. Und wir haben bspw. mit einem Daumennagel die Plattenspieler zum vibrieren gebracht – der Effekt ist ein tiefes Brummen.
DANIEL: Bei den folgenden Veröffentlichungen war diese Art zu produzieren bereits aufgebrochen. Inzwischen sind wir zur Sounderzeugung vollkommen auf CD umgestiegen und spielen gar kein Vinyl mehr, aber weiterhin mit Gummis und Papierschnipseln. Ich bin gespannt, was sich noch für Möglichkeiten ergeben werden.

DEBUG: Es gab ja einige Kooperationen mit befreundeten Instituten, bspw. eben mit dem Institut für Informatik und Gesellschaft in Freiburg oder mit dem Fusetron Label aus Minneapolis. Was hat euch zur Zusammenarbeit mit diesen im weitesten Sinne Klangforschungsinstituten bewogen?
DANIEL: Es passt zu unserer Musik, sich darüber Gedanken zu machen, wie Klänge, Grooves, wie überhaupt Musik entsteht. Man könnte ganz konstruktivistisch sagen: Musik entsteht erst im Kopf. Und wenn man sich dann mal einen Synthesizer anschaut, oder ein Keyboard, dann gibt es 127 definierte Klänge, die haben quasi alle schon eine Bedeutung und man weiß auch, welche Effekte man mit welchen Klängen mehr oder weniger erzeugen kann. Das ist eben alles schon relativ definiert. Ich finde es spannend zu beobachten, wie aus irgendwelchem Schrott auf einmal auch etwas entsteht, dem man dann eine Bedeutung zuschreibt, auf das man dann auf einmal tanzen will, wo man denkt, es ist Musik, dabei ist es in ‘Wirklichkeit’ nur irgendwelcher geloopter Krach.
DANIEL: Fusetron steckt eher so den Bereich von japanischem Noise bis zum Freejazz ab, wobei wir dann eher die poppigeren Vertreter auf dem Label sind. Wir werden in dem Dunstkreis elektronischer Musik rezipiert. Wohingegen auf Staubgold wir dann doch die trockenere Ecke beziehen. Das ergänzt sich ganz gut.

Und wenn ich euch jetzt noch ergänzend verrate, dass die beiden von so einem schönen Label wie Profan und einem Halbgott wie Pentax aka Sweet Reinhard (Voigt ) beeinflusst waren und sind, dann sagt das ja wohl alles.

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Elektronische Lebensaspekte.