Seit etwa drei Jahren werden im Rausch der "Brave-New-Dotcom" die "Smart Applications" gehypt. Eine, die die Freizeitkultur erheblich verändern wird, ist der interaktive Videorekorder. Serienfolgen verpassen war gestern. Denn in Zukunft wird er für dich Werbungen überspringen und auf riesige Server zugreifen, um deine Lieblingssendungen zeitversetzt "aufnehmen" zu können.
Text: nico haupt | nicohaupt@gmx.li aus De:Bug 50

Von wegen Mattscheibe
Dein Fernseher wird intelligent

Immer noch hat sich für sie kein einheitlicher Namensstandard durchgesetzt: Man kennt sie unter PVR für Personalisierter Videorekorder, DVR mit dem D für Digital oder EPG-Gadgets aka dem elektronischen Program-Guide. Angeboten werden sie von Firmen wie Replay TV, eine der Firmen, die sie mit als erste promotet haben. Ziemlich zeitgleich folgte TiVo und eine Weile später präsentierte – natürlich – Microsoft den Service Ultimate TV, der später mit dem Satellitensystem DirecTV als Receiver kooperierte. Noch sind die Namen kein Begriff, aber bald werden sich diese Systeme weltweit durchsetzen und so bekannt wie Leo Kirch oder Ted Turner werden.
Abzusehen ist damit: Während der Computer bis in die Neunziger als Simulationsmaschine anderer Medien galt, glaubt heute kaum noch einer mehr an das All-in-One-Konzept. Interessanter scheint die Schnittstellentechnologie zwischen den Geräten, wie digitale Videorekorder für das Fernsehen oder Infrarot-Technologien. Wireless und Blue Tooth sind nicht umsonst in aller Munde.

Von wegen Kartoffel

Die Revolution, auf die man sich als Fernsehzuschauer gefasst machen muss, lautet also: Aus dem passiven Coach-Potato wird wohl in Zukunft ein agiler Mitmacher. Interaktives TV ist im Kommen. Netz und Fernsehen wachsen wohl doch noch zusammen. Die Kooperationen deuten es an: Einer der erfolgreichsten Provider in den USA, Earthlink, schloss gerade einen Vertrag mit TeleCruz ab, einem neuen Hersteller von interaktiven TV-Sets. Dem “erweiterten TV” (enhanced TV) wird, laut dem internationalen Datenerheber Jupiter Media Metrix, ein Zuwachs von 83% bis zum Jahr 2005 vorausgesagt. Multitasking-Fähigkeiten werden gefordert, Fernsehen und gleichzeitig darüber im Netz Chatten wird immer wichtiger. Etwa das sogenannte “Simulsurfing”, bei dem Fans ihre Lieblingsserie parallel zu und direkt nach der Sendung in den Diskussionsboards besprechen. Deutlich kann man schon jetzt beobachten, dass diese Diskussionsboards von den TV-Produzenten zunehmend ernster genommen werden: Sie beeinflussen die Konzepte der nächsten Saison. Außerdem erhofft man sich erhebliche Einsparungen im Promotionsbereich, für das Kino wird diese Praxis bereits seit dem Blairwitch-Project perfektioniert.
Was die digitale Zukunft von Filmen angeht: Die Durchsetzung intelligenter, digitaler Videorekorder ist derzeit wahrscheinlicher als die Hammermethode, im 1:1 Verfahren Videofilme ins Breitbandnetz zu quetschen. Zurzeit haben mit Filmen im Netz nur wenige Portale Erfolg. Eine Ausnahme ist das amerikanische cinemapop.com, das nebenbei immerhin 100 Spielfilme kostenlos anbietet. Außerhalb Amerikas kann man sich durch die Eingabe eines Fake-Zip-Codes (vergleichbar der Postleitzahl) an B-Schinken von Klaus Kinski oder Dennis Hopper erfreuen.

Im Bann der Formatkürzel:
VHS, MP3 oder DVD?

Wichtig ist auch die Weiterverwertung von Formaten, derzeit ein sensibles Thema bei der MPAA (Motion Picture Association of Amerika), deren Boss, Jack Valenti, seit über 40 Jahren unangefochten auf dem Thron sitzt und nur mühsam zu innovativen Vorstößen zu bewegen ist. Netz, Videorekorder und Fernseher durch ein gemeinsames Format kompatibel zu machen, ist vermutlich nur eine Frage der Zeit. Movie-Share-Dienste werden den interaktiven Videorekorder weiter beschleunigen ebenso wie neuartige Datenträger – die CD-DVD von Datavideo-Tek wird die DV-Daten wiederum in DVD-Qualität umwandeln. Und: DVD-Brenner werden ebenfalls billiger. Auch wenn sich der Formatstreit zwischen den verschiedenen DVDs (ROM, RG, RA, RW usw..) noch eine Weile hinziehen wird, die Möglichkeit, an seine Spielfilme immer wieder über andere Wege dranzukommen, wird diesen Krieg bestimmt beschleunigen. Mittelfristig werden die User Gewinner sein.
Selbst der herkömmliche VHS-Rekorder wird nicht aussterben. Immer billigere DV-Videokameras oder Digital-VHS von JVC werden diese wohl vorübergehend in eine Abspielmaschine umwandeln. Die Fernsehstationen in den USA und Europa arbeiten auch weiterhin auf Hochtouren an Formaten, die den Zuschauer in Quiz-Sendungen oder Game-Shows eingreifen lassen. Die Geschichte des Fernsehens wird mit interaktivem Fernsehen – als One-Screen oder Two-Screen Version mit Internet Anschluss – wohl bald umgeschrieben werden. Und damit vielleicht auch die Geschichte an sich. In den USA gibt es jetzt zumindest eine Show (History IQ), bei der die Fernsehzuschauer entscheiden, was in der Geschichte der Menschheit richtig oder falsch war.

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Elektronische Lebensaspekte.