Die knuffige Allstar-Boygroup von DJ Koze, Erobique und Cosmic DJ arbeitet wieder in den Lücken zwischen Soul/ Funk und Techno. Und weil ihnen dabei ein paar Major-Megastars den Rücken freihalten, sind die Resultate auf ihrer zweiten LP ein bisschen verschrobener geraten als bei der ersten. Das Grundgefühl von tapsiger Freundlichkeit aber bleibt. Ebenso wie ein Faible für Roboter mit Penissen, schlabbernde Hunde und Robert Gernhardt.
Text: Florian Sievers aus De:Bug 105

International Pony
Das Dreier-Individuum
Oder:
From: Hotel To: Hotel

Töpfe klappern, eine Dusche rauscht. Und von irgendwo in diesem tristen Betontrichter hört man ein Kind heulen. Es ist die Hinterhofterrasse, auf der die Hotelgäste ein Bier trinken können, wenn ihnen das Ambiente nichts ausmacht. An einer der Wände schraubt sich unaufhaltbar eine Feuertreppe aus Metall nach oben, wo das Frühstück serviert wird. Auf ihrem sechs Etagen langen Weg ans Licht kommt sie vorbei am Konferenzraum “Sonnenallee“ im ersten Stock. Dort sind die Wände gelb, die Stühle grün, und der Teppich ist dunkelrot. Schlimme Farben. Der 40-Quadratmeter-Raum ist voll verdunkelbar, bietet Telefonanschlüsse, und für 36 Euro am Tag kann man einen Overheadprojektor mieten. Von draußen rauscht der Verkehr durch die Dämmglas-Fenster. War es hier? Ist es hier passiert?

Ist hier WAS passiert? Das erzählt man wohl am besten draußen, die Farben machen einen nämlich fertig. Darum erst mal raus hier, durch das neonfahle Foyer am Portier vorbei, vielen Dank, durch die blauen Automatiktüren, ab ins pralle Leben des Hermannplatzes, Berlin-Neukölln. Also, noch mal: Was soll da drinnen passiert sein, im Konferenzraum des “Best Western Euro-Hotels“ an diesem schreiend lauten Platz in diesem abgerockten Berliner Stadtteil? Tja, so wie es aussieht, hat dieses ziemlich unmythische Drei-Sterne-Hotel jetzt einen festen Platz in der Popgeschichte, gleich neben Graceland, den Muscle-Shoals-Studios, dem Music Institute und dem Tresor. Denn dort drinnen nahm dereinst die Reise der Hamburger Band International Pony quer durch alle Clubmusik von Funk zu Techno ihren Anfang, dort haben sie sich zusammengetan, dort entstanden die ersten Stücke. Und weil sie jetzt ihr zweites Album veröffentlichen, gab es Gründe, diesem Ort mal wieder einen Besuch abzustatten.

Seit damals nämlich arbeiten International Pony ziemlich mitreißend daran, die Lücken zwischen den verwandten, aber oft genug von missverstandenen Kategorien wie “Authentizität“ getrennten Musiken Soul/ Funk und Techno wieder zu schließen. So als wollten sie beweisen: Seht her, es ist alles eins, es gehört alles zusammen! Und weil die drei International-Pony-Bandmitglieder Cosmic DJ, Erobique und DJ Koze so vertrauenswürdige, herzige und nette Menschen sind, geraten ihre Ergebnisse um einiges überzeugender und knackiger als die von meinetwegen Daft Punk, die sich ja vor einer Weile ebenfalls schon in diese Lücke getraut haben.

Du bist Teil der Band

International Pony machen es offener, herzlicher. “Mit Dir Sind Wir Vier“, der Titel des zweiten International-Pony-Albums, ist eine Einladung an die Hörer. So wie ja beim Fußball der zwölfte Spieler, das Publikum, ein Spiel erst zu dem macht, was es ist, machen hier der Hörer oder die Hörerin als viertes Bandmitglied das Ganze komplett. Und, wenn man mal philosophisch werden soll, diese Musik ja überhaupt erst existent. Der Titel stammt von einem Band mit Erzählungen und Zeichnungen, den der kürzlich gestorbene Autor Robert Gernhardt und seine Frau Almut erstellt haben. Cosmic hatte dieses Buch früher in seinem Kinderzimmer liegen und den Titel nie vergessen.

Die Referenz auf die so genannte E-Kultur passt, denn irgendwie wollen International Pony jetzt nicht mehr die singenden Kleinkinder im glitzernden La-La-Land sein wie noch auf dem Cover ihrer ersten LP “We Love Music“ 2002. Damals hatte Erobique das Cover nach einem alten Foto gestaltet, auf dem eine Freundin von ihm als Kleinkind mit riesigen Kopfhörern in ein altes Mikrofon trällert. Hinter diesem Cover verbarg sich eine ganze Sammlung von Hits. Auf dem neuen Cover posen die drei jetzt in Superhelden-Kostümen, in denen sie aussehen wie mexikanische Wrestler. Auf der Platte, die dahinter steckt, findet sich “die Schnittmenge unserer Wünsche“, wie Koze das nennt. An dieser Schnittmenge wurde lange gefeilt und über sie ausgiebig diskutiert und gestritten. Und am Ende ist das alles viel freigeistiger, verschrobener, verweigernder geworden als früher, mit vielen Ambientstücken und assoziativen Hörspielpassagen.

Dabei hatten die Ponys noch mit der ersten Vorabsingle Kante angetäuscht: “Our House (In The Middelhoffer Street)“ war eine kleine Technosägerei, zu der sie in hübscher Rave-Poesie ihre ideale WG beschrieben: “Hangover-symphonies and sweaty Sundays, DJs and Moped-races in the hallway.“ Das zufällige Namedropping des ehemaligen Bertelsmann-Chefs Thomas Middelhoff, der, hätte er noch seinen alten Job, jetzt ihr Boss wäre beim Majorlabel SonyBMG, war entstanden, weil Erobique eben diese Formulierung früher immer bei dem gleichnamigen Stück von Madness verstanden hatte. “Ich fand es ziemlich erstaunlich, dass Madness als englische Band in einer deutschen Straße wohnt“, sagt Erobique und grinst.

Guter Flachwitz

Die zweite Single “Gothic Girl“ ist nun eine fast schon auf Hochglanz produzierte Radiopop-Single mit sphärischem Funk und der Fanfare aus LL Cool Js “Going Back To Cali“ geworden. Sie untersucht die Gemeinsamkeiten zwischen “Black Music“ und Schwarzer Musik im Sinne von Gothic und Gruftie. Guter Flachwitz – dass darauf nicht schon mal eher jemand gekommen war. Auf der Rückseite der Promo-7-Inch covert noch ihr Kumpel Taxi-Olli “Louder Than A Bomb” von Public Enemys 1998er-LP “It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back”, und zwar mit absichtlichem Heavy German Accent. International Pony nennen das “innovativer Flow“, es klingt wie ein Nachwuchsrapper, der mit einer selbst gemachten Coverversion im Kinderzimmer seine ersten Schritte macht. Da scheint er dann doch noch mal auf, dieser spezielle Pony-Humor.

Doch trotz aller neuen Verschrobenheit sind International Pony natürlich immer noch diese knuffige Jungsbande, die in Deutschland neben dem Humor auch den Soul sucht und dabei trotzdem nicht bei Xavier Naidoo landen will. Mit ihrem englischsprachigen Gesang waren sie schon immer auf großen, nationenlosen Pop ausgelegt, wie ja letztlich auch die Lizenzierung der ersten LP und Maxis durch Fatboy Slims englisches Prollo-Label Skint gezeigt hat. Cosmic zufolge gibt es für die englische Sprache zwei Gründe: “Englischer Gesang lässt das Ganze musikalischer erscheinen, als wenn wir so Blumfeld-mäßig Deutsch singen würden“, sagt er. “Und es ist eine schöne Mischform. Hier kann ja wirklich so ziemlich jeder Englisch, darum kann man sich auf die Texte einlassen, wenn man will. Aber man muss nicht.“ Und Koze ergänzt: “In dem Sinne sind wir so richtige Musiker und nicht so sehr Inhaltevermittler wie vielleicht andere.“ Und wirklich gewichtige Inhalte gibt es ja auch nicht in den Pony-Texten, eher so dieses Grundgefühl von tapsiger, verspielter, leicht infantiler Freundlichkeit.

Untere-Mittelklasse-Tristesse

Wenn man verstehen will, wo die herkommt, muss man vielleicht doch noch mal zurückkehren zu diesem Hotel in Berlin. Weil da alles begann. Es war 1998, während der letzten Tour der Deutsch-HipHop-Band Fischmob, die sich von linksprolligem Party-HipHop über elektronische Experimente zu Lieferanten von Charthits wie “Susanne Zur Freiheit“ entwickelt hatte und zu deren Mitgliedern DJ Koze und Cosmic DJ gehörten. Eigentlich war als Vorband dieser Tour Les Rythmes Digitales eingeplant gewesen, aber weil Jacques LuCont keine Zeit hatte, war der Münsteraner Alleinunterhalter Erobique eingesprungen. In Berlin standen nun ein paar Durchhänger-Tage nach den letzten Auftritten und vor den nächsten an. “Off-Tage“ nennt man das im Fachjargon. Und weil zumindest drei der Beteiligten, eben DJ Koze, Cosmic DJ und Erobique, keine Lust hatten, diese Tage in der Untere-Mittelklasse-Tristesse mit Fernsehgucken hinter sich zu bringen, schleppten sie ein paar Geräte in das kleine Hotel: einen tragbaren DAT-Recorder, ein Rhodes-Piano, eine MPC, ein schrottiges Mischpult und noch ein paar weitere Spielzeuge.

Die drei jammten miteinander, und siehe da: Es war magisch. So erzählen sie das zumindest heute. Jedenfalls schienen sich der nett-spackige Wahnsinn der beiden Fischmob-Miglieder und der erdige Groove von Erobique gut zu ergänzen. Am Ende der drei Tage standen sie mit drei Dubplates da, voll mit einem freien, frischen, freundlichen Funk. Drei Beteiligte, drei Pausentage, drei Tracks – ist das jetzt schon Nummerologie? In der Folgezeit wurde jedenfalls weiter an dieser Idee gefummelt. Fischmob versandete bald darauf irgendwie und die drei beschlossen, das Ding durchzuziehen.

Als dann 2002 endlich “We Love Music“ erschien, das Debütalbum von International Pony, da war das Ergebnis dieses ja eher langen Prozesses so entzückend, dass es einiges an Aufregung verursachte. So eine entzückend-naive und zugleich rockende Popmusik zwischen französischem Filterhouse, HipHop und Funk hatte man vorher noch nicht gehört, zumindest nicht aus Deutschland. Ergänzt und im Club geerdet wurde sie zwei Jahre später vom Remixalbum “Bass is Boss“, für das hochkredible Menschen wie Isolee, Akufen oder Jackmate die Pony-Tracks bearbeitet hatten. Und dann gibt es ja noch diese Live-Shows, bei denen sich die drei regelmäßig von Funk zu sägendem Techno hochschrauben, während sie sich verbal die Bälle zuspielen, Pannen simulieren, kleine Reibereien inszenieren und dabei vor allem grooven wie Sau.

Die drei Ponys

All das musste ja so kommen, bei den Zutaten. Da ist zum einen Carsten Meyer, 34, alias Erobique. Er stammt aus Münster in Westfalen, wo ihn eine zehnjährige Klavierausbildung sowie lange Jahre als Organist in Mod-, Ska-, Beat- und sonstigen Sechzigerjahre-Bands zu dem umfangreichen Soulboy gemacht haben, der er heute ist. Nach den prägenden Ereignissen in dem Berliner Hotel schmiss er seine Banklehre sowie den von ihm geleiteten Volkshochschul-Zeichenkurs und zog 2000 nach Hamburg-Eimsbüttel. Vorher hatte er noch sein Solodebüt “Erosound“ (1998) fertig gestellt, vor zwei Jahren wurde er dann “Keil Stouncil à Paris“. Zwischendrin hat er auch schon mal Musik für ein Musical von Schorsch Kamerun produziert (“Der digitale Wikinger“), außerdem verhilft er Justus Köhncke bei dessen Liveauftritten als Keyboarder zu etwas Geradlinigkeit.

Parallel zu all dem arbeitet Carsten schon seit langem als Cartoonist für seine Lokalzeitung, die Westfälischen Nachrichten. “Das ist eine Mischung aus Heimatverbundenheit und Nostalgie“, sagt er. Und es geht auch von unterwegs. So hat er Karikaturen von CDU-Landräten, die vielleicht gerade eine neue Kläranlage genehmigt haben, auch schon mal in der U-Bahn zum Münchner Flughafen fertig gemacht – das Ergebnis war dann vielleicht ein bisschen kruckelig, aber in 40 Minuten fertig. Und dann gibt es ja noch Salamander Meyer: Eine Band mit handgespielter Poprock-Musik als Ausgleich zur elektronischen Frickelei bei Pony, benannt nach dem Münsteraner Schuhgeschäft seiner Eltern, das inzwischen seine Schwester führt. “Das ist das Nächste, was ansteht, nachdem dieses Mammutprojekt hier durchgestanden ist“, sagt Carsten.

Zweites Pony im Stall ist der gebürtige Flensburger Stefan Kozalla, 34, zu dem man an dieser Stelle wohl nicht mehr viel sagen muss. Er ist der Kompakt- und Freude-am-Tanzen-Produzent DJ Koze und Monaco Schranze, außerdem noch ab und zu versehentlicher Hitlieferant als Adolf Noise sowie ein paar andere Charaktere mit schönen Namen wie zum Beispiel Raum Tyler. Eine sensible Ravekanone, ständig beliebtester DJ des Jahres in diversen Musikmagazinen, Remixer für Menschen wie Ada oder Andreas Dorau und wohnhaft im ranzigen Hamburger Hinterbahnhof-Viertel Sankt Georg.

Ein paar Häuser neben ihm wohnt Daniel Sommer, 28, besser bekannt als Cosmic DJ – und das hat vermutlich nichts mit Cosmic Disco zu tun, er heißt nämlich nicht erst seit dem aktuellen Revival so. Seltsam ist, dass Daniel zwar der Sänger von International Pony ist und damit sozusagen von allen dreien am weitesten vorne steht, ansonsten aber am wenigsten profiliert erscheint. Er hat früher mal einige Remixes gemacht, unter anderem für Rocko Schamonis “Der Mond“, und legt ab und zu ein bisschen Platten auf, “sehr bunt“, wie er sagt, von Acidhouse bis Oldschool-HipHop. Daneben gibt es von ihm allerdings keine weiteren Projekte zu vermelden, nach eigenen Angaben ist er gerade “auf der Suche nach einer neuen Vision“.

Zusammen ergeben diese drei eine nicht gecastete Allstar-Boygroup auf Freundschaftsbasis, die sich regelmäßig im Hinterhof von Cosmics Wohnhaus versammelt. Denn dort steht ein kleines, zweistöckiges Gebäude, in dessen erstem Stockwerk die Pony-eigenen “Soundtology“-Studios zu finden sind. Unten drunter arbeiten Menschen in einem SM-Studio, oben beherrschen kreatives Chaos sowie eine Fototapete mit Alpenpanorama das Bild.

Sichtbarer Aufstieg

An diesem heißen Sommertag haben die drei Ponys allerdings ihr Studio und auch ihre Heimatstadt verlassen. In diesem Moment sitzen sie wieder wie damals, als alles losging, in einem Hotel in Berlin, und wieder in einem Konferenzraum. Nur haben sie sich jetzt – dem Plattenvertrag beim Majorlabel sei’s gedankt – um einen Stern hochgearbeitet: Es gibt vier statt drei, es herrschen gedeckte Töne statt Primärfarben, der Konferenzraum heißt “Winston Churchill“ statt “Sonnenallee“, und dieses Hotel hier steht im schicken Berlin-Mitte anstatt wie damals im abgerockten Neukölln. Man ist versucht zu denken: Sie haben es geschafft. Die Interviewtermine sind auf fünf Minuten genau festgelegt, ein paar Labelangestellte schleichen herum, verschieben den Zeitplan immer wieder nach hinten und nötigen die drei zwischendurch noch zur Abnahme des gerade fertig gestellten Videoclips zu “Gothic Girl“. Dann endlich öffnet sich die Tür, und dahinter sitzen DJ Koze, Erobique und Cosmic DJ an einem großen, ovalen Konferenztisch in einem klimatisierten Raum und gucken ziemlich offiziell.

DEBUG: Mann, Mann, Mann, ist das ein Bewerbungsgespräch hier? (Alle drei Ponys fangen an, in den Zetteln vor sich zu wühlen.)
Koze: (nachdenklich) Mh hm, deine Unterlagen und dein Lebenslauf sehen ja soweit ganz in Ordnung aus …
Cosmic: (dynamisch) Letztlich geht es bei uns ja um menschliche Kompetenz, also Sozialkompetenz. Ich sag mal, fachliche Qualifikation, das versteht sich bei uns ja von selbst. Für uns ist das TEAM das Wichtigste.
Erobique: (onkelig) Mach dir nichts draus, wenn du schwitzt, bei uns waren schon die Besten nervös.
Cosmic: (klatscht in die Hände) Kommt, lass mal anfangen jetzt hier. (Alle drei fangen an, manisch auf den Zetteln vor sich rumzukritzeln: Erobique malt einen gelangweilten Menschen mit Mikrofon vor der Nase, dem ein Hund die Hand abschlabbert, Koze malt Roboter mit Penissen und Cosmic malt einen fiktiven Flyer für das “Sonne Mond Sterne“-Festival. Alle Anwesenden bis auf Koze zünden sich eine Zigarette an.)
DEBUG: Verdient ihr jetzt so richtig viel Geld?
Cosmic: Mit Musikmachen kann man kein Geld verdienen. Also, wenn du was dabei hast, dann rück mal rüber.
DEBUG: Gern, wenn es das Interview besser macht.
Koze: Besser als bislang, meinstu?
DEBUG: Bis jetzt ist eure Performance jedenfalls noch nicht so beeindruckend.
Koze: Da musstu aber auch ein bisschen gefühlvoll rangehen.
DEBUG: Ich versuch mal, euch mit einer einfachen Frage locker zu machen.
Erobique: Ob die neue Platte berechnet ist und warum sie so merkwürdig kalt klingt?

Hamburger Funk?

DEBUG: Nee, eine richtige Journalistenfrage. Eure neue Platte ist ja irgendwie wieder eine Funkplatte geworden. Jan Delay hat auch gerade eine Funk-Platte gemacht. Und kommt auch aus Hamburg. Ist das ein Trend oder ein Zufall?
Erobique: Mach mal das “k“ weg. Fun!
DEBUG: Sie klingt doch viel ernsthafter als die erste.
Cosmic: Aber aus uns und Jan sollte man nicht gleich eine neue Bewegung machen, auch wenn das manche deiner Kollegen gerade versuchen. Das ist ja das Angenehme an Hamburg, dass man nicht sooo viel Action und Ablenkung hat wie meinetwegen in Berlin und dass wir relativ losgelöst in unserer eigenen Blase in Ruhe schaffen können. Da beeinflusst man sich nicht so sehr gegenseitig.
DEBUG: Ich würde jetzt auch nicht aus zwei Platten einen neuen Trend konstruieren. Aber wenn es noch eine dritte gäbe …
Erobique: Das wäre euch Journalisten durchaus zuzutrauen.
DEBUG: (zu Koze) Zumindest hat Jan in der Spex erzählt, dass du ihn immer zur geraden Bassdrum überreden willst.
Koze: Ich hab ihm eher prophezeit, dass er in zwei Jahren seinem großen Feindbild Rave näher kommen und auch Musik mit gerader Bassdrum produzieren wird.
Cosmic: Loveparade, Alder!
Koze: Ich habe ihm sogar schon diese eine Platte von Jacques LuCont gegeben, wie heißt die noch?
DEBUG: Als Les Rythmes Digitales?
Koze: Genau, mein Original von “Jacques Your Body“ von damals, weil er es so flashig fand. Das ist doch schon der erste Schritt in die richtige Richtung.

Fleiß statt Battle

DEBUG: Trotzdem: Man hängt in Hamburg schon eher mal eng zusammen als hier in Berlin. Ganz einfach, weil es nicht so viele Möglichkeiten gibt.
Erobique: “Eng“ ist aber nicht das richtige Wort. Man ist in Hamburg in erster Linie miteinander befreundet. So, dass man gar nicht so viel Musik zusammen macht, sondern dass man eher zusammen Kaffee trinkt und sich auf den gleichen Partys rumdrückt. Und ansonsten macht jeder sein Ding. So mal Hörspiele oder ein Theaterstück oder einen kleinen Film oder ein Buch. Es will nicht jeder sofort jedem anderen nacheifern, es legt keiner vor und die anderen müssen nachziehen. Was uns verbindet, ist so eine gewisse Art von Fleiß.
DEBUG: Aber keine harte Konkurrenz.
Cosmic: Nicht so wie im HipHop früher.
DEBUG: Keine Battles.
Cosmic: Nee, damals hat man ja noch viel mehr so nach rechts und links geguckt: Boah, was hat Bo da gerade wieder für Wortspiele gemacht, und dann kam Dendemann um die Ecke mit einem ganz neuen Style.
DEBUG: Das hat bestimmt auch mit dem Alter zu tun. Irgendwann muss man halt nicht mehr voreinander ständig auf dicke Hose machen.
Cosmic: Genau. Jetzt ist es eher so, dass wir als Dreier-Individuum unser Ding machen, und andere machen ihr Ding.
DEBUG: Zugleich liegen aber bestimmte soziale Zusammenhänge näher beieinander. So wie ja auch ihr selber und eure Musik irgendwo zwischen HipHop und Techno hängt. So was wäre ja in vielen anderen Städten gar nicht möglich, weißtu? (zur Seite: ) Jetzt sage ich das auch schon …
Koze: Klar, dieser Rapper Fler und Moritz von Oswald werden nicht zusammen an einer Bar stehen und sich mal über ihre neuen Beats unterhalten.
Cosmic: Es gibt weniger so Tribes, wie man das früher genannt hat. So wie damals in Flensburg. Ich war Psychobilly, und dann gab es aber auch Gothics und HipHop-Typen. Siehstu, da habe ich dir gleich eine Überleitung zur Single und zu der neuen Platte gegeben.
DEBUG: Danke.
Koze: Hier, dein Band läuft übrigens die ganze Zeit schon nicht mit. Soll da Pause gedrückt sein?
DEBUG: (grinst) “Gothic Girl“ und vielleicht noch zwei andere Stücke sind ja die einzigen Hits auf eurer neuen Platte. Sonst finde ich die eher verschroben. Und das ist schon erstaunlich dafür, wenn man bedenkt, dass Ihr jetzt schon eure zweite Platte auf einem Majorlabel macht. Das ist mutig.
Koze: Finde ich gar nicht. Ich finde, es sind eigentlich sogar mehr Songs drauf als auf unserer ersten Platte. Aber die sind vielleicht nicht so poppig und leicht kommerziell verwertbar, wie man denkt, also, äh, wie man so die Vorstellung hat von, äh, kommerziell verwertbarer Musik. Aber vielleicht ist das ja auch gerade der Trick. Vielleicht ist das ja die neue … Also für uns fühlt sich das richtig an.
Erobique: Und vielleicht muss man ja nicht eine Formel wiederholen, die man so gar nicht fühlt. (vor dem Fenster macht ein Hubschrauber Lärm)
Cosmic: Soll ich mal zumachen hier?
Erobique: Nee, das ist wahrscheinlich der Typ von der Bild-Zeitung, die wollen ja auch Fotos. (alle: harharhar)
Koze: Absichtlich verschroben wollten wir die Platte jedenfalls nicht machen. Wir stehen auf Auflockerungselemente und auf Soundtrackideen, die nicht so gerade sind. Das ist ja bei unseren Soloplatten auch so. Ein Song, zwei, dingdingdingding, zehn Songs, Platte vorbei, das haben wir noch nie gemacht.
Erobique: Wir haben nur ein Ziel, auch wenn sich das banal anhört, aber das ist, die Platte so gut zu machen, wie wir das können.
DEBUG: Das hört sich allerdings banal an.

Plattenfirma dockt an

Erobique: Und was soll denn die Plattenfirma da machen, wenn sie unzufrieden ist? Die Polizei holen?
Koze: Mit “Gothic Girl“ haben wir ja auch den ausproduziertesten Titel auf der Platte, den wir überhaupt je gemacht haben. So was bringt ja auch mal Spaß und ist total flashig. Es ist ja nicht so, dass wir uns da verweigern.
Cosmic: Außerdem dockt die Plattenfirma ja auch total an.
Erobique: Ja, genau.
Koze: (mit ernster Miene) Ich habe fast das Gefühl, muss ich jetzt echt mal sagen, dass sie unsere Neue geiler finden als die neue Mia. (alle: harharharharhar)
Cosmic: Aber ich muss schon sagen, unsere Erfahrungen mit großen Plattenfirmen sind echt …
Koze: … besser.
Cosmic: Es ist so, dass die mit so was freier und offener umgehen können, weil die ja noch andere Pferde im Stall haben, die eine sichere Bank sind.
Koze: Die freuen sich halt auch mal über gute Musik. Ob sie nun schlechte Musik haben, die sich nicht verkauft, oder gute Musik, die sich nicht verkauft. Da ist das zweite doch besser, weißtu?
DEBUG: Allerdings müsst Ihr bei einer Majorfirma auch mal so Superstar-mäßig ein paar Tage in öden Hotelzimmern wie dem hier rumsitzen und ein Interview nach dem anderen absolvieren. Oder ist das in seiner Konzentriertheit eher angenehm, als sich ständig persönlich auf kleinem Level in einem Café zu treffen und damit die Nachmittage rumzubringen?
Cosmic: Ach, das finde ich gar nicht so schlimm. Der Unterschied ist eher, dass so ein Drei-Mann-Label am Zittern ist, wenn sich mal eine Platte nicht so verkauft. Die sind teilweise viel unmutiger. Die können sich das oft gar nicht leisten. Es ist doch schön, wenn einem so hintenrum Jennifer Lopez und Robbie Williams den Rücken freihalten.
DEBUG: Na, dem kann ich nichts mehr hinzufügen. Danke für das Gespräch.
Erobique: Ach komm, jetzt lass mal richtig anfangen.
Koze: (forsch) Status Quo der elektronischen Musik heute: Woher kommen wir her, wo sind wir, wo geht es hin?
Cosmic: Und welche Rolle hat Deutschland dabei?
DEBUG: Nee, mir reicht’s.
Erobique: (wedelt mit einem 50-Euro-Schein) Hier, Flori, komm, jetzt nimm schon. Macht doch jeder. Schreibst du halt was Schönes, haben wir beide was von.

Wie man hört, hat Erobique den Gag dann im Laufe dieses langen Tages in diesem klimatisierten Konferenzraum noch häufiger gemacht. Kann er sich mit einem Major-Vertrag im Rücken sicher auch leisten. Und jetzt kann sich jeder fragen, ob ich es genommen habe oder nicht …

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Elektronische Lebensaspekte.