Radio, das Älteste aller Massenmedien, erlebt eine Renaissance: als Micromedium. Während im Westen urbane Kids Piratenradio spielen, avanciert 'Independent Radio' in Osteuropa zu einem wichtigen politischen Werkzeug. De:Bug sprach mit Micz Flor, Medienentwickler und Trainings-Consultant beim Centre for Advanced Media in Prag. Er betreut zur Zeit das Projekt 'Campware', eine nicht-kommerzielle Plattform zur Softwareentwicklung für unabhängige Medien und NGOs.
Text: moritz gimple aus De:Bug 52

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Graswurzelradio

Basisarbeit und Opposition im Äther

DEBUG: ‘Campware’ ist ein politisch ambitioniertes Projekt. Könntest du es kurz skizzieren und erklären, warum Ihr daran interessiert seid, gerade Radioprojekte zu fördern?
Micz Flor: Radio ist ein sehr flexibles Medium, es kann sehr schnell und günstig an den Start gebracht werden und ist gleichzeitig mobil und skalierbar. Radio ist das effektivste Medium, um strategisch zu agieren. Das ‘Center for Advanced Media – Prague’ arbeitet sehr intensiv mit Projekten in Osteuropa und Asien, die sich zum Ziel gesetzt haben, unabhängige Berichterstattung zu leisten. Oft sind die lokalen Probleme, die auftreten, neben Einschnitten in die Pressefreiheit auch finanzielle Engpässe. Viele Projekte treten daher erst einmal als Radiostation an eine kleine Öffentlichkeit. Später wird oft versucht, verschiedene Projekte in solchen Regionen zu vernetzen, um Ressourcen und Informationen auszutauschen. An solchen Punkten springt Campware ein, um in Zusammenarbeit strategische Lösungen zu entwickeln, die verschiedene Medien verschränken.

DEBUG: Wie genau sehen denn die Inhalte dieser Radiosender aus?
Micz Flor: Wir sind prinzipiell an ‘unabhängigen’ Projekten interessiert, die sich an Pressefreiheit und Menschenrechten orientieren. Zum einen arbeiten wir mit kleinen, taktischen Projekten, die soweit als möglich ganz ohne öffentliche Aufmerksamkeit auskommen müssen, weil das sonst ganz schnell für die Projekte auch gefährlich sein könnte. Zum anderen gibt es die größeren Projekte, man kennt hier zum Beispiel Radio B92 aus Belgrad. Solche Projekte werden oft von hier aus in ihrer Rolle und Funktion missverstanden, weil es ein ganz anderes Verständnis von ‘unabhängig’ gibt, als im Westen. B92 hat zeitweise über 250 Leute beschäftigt. Unabhängig sind also nicht nur kleine Piratensender mit mobilen Standorten, sondern auch große Medienmacher, die es sich leisten, ihre eigene Meinung zu senden.

DEBUG: Du bist speziell engagiert in Osteuropa und Asien. Da scheint sich auch eine Menge zu entwickeln. Vielleicht kannst du uns einen kleinen Überblick verschaffen?
Micz Flor: Osteuropa und Asien werden gerne in einen Topf geworfen. Mir fällt eine Generalisierung schon für Osteuropa schwer. Was man aber als verbindendes Element sehen kann, ist der Umbruch, der in Osteuropa und vielen Staaten Asiens momentan zu beobachten ist. Und in diesen Vakuum sendet oft als erstes Medium das Radio. Als ich 1998 zum ersten mal nach Tirana gekommen bin, war ich überrascht von der großen Anzahl an Radios, die da auf Sendung sind. Grund dafür war einfach die Möglichkeit, als Privatmensch sich für ein paar tausend Dollar eine Frequenz kaufen zu können. Ähnlich war das auch in Bulgarien, wo sich dann lokale Radios wie zum Beispiel Radio Darik später zu nationalen aber dezentralen Stationen zusammengeschlossen haben. Ein gutes Beispiel für die Art und Weise, wie Regierungen mit dem Medium Radio umgehen, ist Ungarn. Lange Zeit wurden dort von der Regierung Frequenzen an unabhängige, kleine Projekte abgegeben. So sind zum Beispiel die DJ-Radios Pararadio und Radio Tilos, die auch im Netz aktiv sind, international bekannte Projekte. Vor kurzer Zeit hat die Regierung ihre Strategie geändert. Frequenzen werden inzwischen teuer verkauft. Wie man das bei uns im urbanen Raum als ‘Gentrification‘ kennt, so werden dort alternative Projekte genutzt, um den Medienraum für Investoren attraktiv zu machen. Beide Projekte gibt es jetzt nur noch im Netz.

DEBUG: Einige dieser Stationen sind mittlerweile wesentlich mehr als nur Radiosender. Paradebeispiel ist natürlich B92 aus Belgrad. Von dort werden Konzerte und Demonstrationen organisiert, Bücher und Magazine verlegt sowie CDs und Videos produziert. Ist Radio an diesen Orten besonders identitätsbildend und zieht daher so viele Fäden zusammen?
Micz Flor: Über die letzten Jahre hat sich gerade an B92 gezeigt, wie mächtig Radio ist und wie gut sich ein solches Projekt in andere Medien und Formen ausweiten lässt. Radio kann man mit auf die Straße nehmen, zur Demonstration, wo man dann gleich hört, welche Straßen von der Polizei abgesperrt sind. Radio kann man im schlimmsten Fall auch von der Straße aus machen. Radio transportiert Musik und Kultur und ist deshalb auch wichtig, um kulturübergreifend im Balkan Leute zusammen zu bringen.

DEBUG: Radio ist also räumlich sehr stark verankert, technisch wie kulturell. Neuerdings wird jedoch immer öfter das Potential von großflächiger Vernetzung diskutiert…
Micz Flor: Radios zu vernetzen macht in manchen Bereichen extremen Sinn. So kann man zum Beispiel mit vielen lokalen Radios auf einmal national agieren, ohne dafür eine Lizenz haben zu können. In manchen Regionen ist so ein taktischer Schritt die einzige Möglichkeit für demokratisierende Medien, nationale Gesetze zu umgehen, weil oft auf lokaler Ebene lockere Regulierungen gelten.

DEBUG: Wie verhält sich das in Indonesien und dem Radionetzwerk 68h?
Micz Flor: Radio 68h ist ein vernetztes Radioprojekt in Indonesien, an dem knapp 300 lokale Stationen hängen. Zentral können über Telefon Journalisten aus allen Ecken und Inseln dieses riesigen Staates mit drei Zeitzonen erreicht werden. Jede Stunde werden dann aus diesem Material in Jakarta fünf bis zehn Minuten Radio gemacht, die über Satellit gesendet werden. Die lokalen Partner empfangen das Signal mit einer ganz normalen Satellitenschüssel. Dort wird der Audio-Stream einfach in den Mixer gesteckt und lokal wieder auf UKW oder MW gesendet, je nachdem welche Frequenz man lokal zur Verfügung hat. Auf diesem Weg erreicht Radio 68h dreimal mehr Menschen als in Deutschland leben.

DEBUG: Du hast gerade ein Softwaretool namens ‘Lowlive’ entwickelt. Damit kann man das Internet und FM Radio verbinden. Was genau steckt dahinter?
Micz Flor: Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Projekten, mit denen man Radio auch ins Internet bringen kann. Aber in manchen Situationen wäre es taktisch kein Fehler, wenn man genau das Gegenteil tun könnte. Lowlive ist ein Server, der am Internet hängt und mit einem Transmitter verbunden ist. Jetzt kann ich mich quasi von überall einloggen und Files auf diesen Server laden oder Files von irgendwo aus dem Netz direkt auf meinen Transmitter geben.
Das kann ein Vorteil sein, wenn bei einer Razzia lediglich der Rechner drauf geht und niemand im Büro sitzt, der im Extremfall ins Gefängnis wandern könnte. Aber wir brauchen gerade eine solche Lösung im Zusammenhang mit einem Projekt in Afrika. Da steht der Sender in Sichtkontakt zum Radio-Büro. Zwischen Transmitter und Büro bauen wir also eine Wireless-Verbindung auf, die dann über den Lowlive Server den Transmitter steuert.

DEBUG: Neben der Softwareplattform und den Trainingsprogrammen bietet C@MP auch finanzielle Unterstützung an. Wer steckt Geld in diese Projekte und mit welchem Hintergedanken?
Micz Flor: Wir arbeiten in der Regel mit NGOs und Foundations zusammen, zum Beispiel dem Helsinki Committee of Human Rights und der Asian Foundation oder Medienentwicklern wie Press Now aus Amsterdam. Manchmal gibt es auch Geld von öffentlichen Stellen. So hat zum Beispiel die holländische Regierung ein Radioprojekt in Indonesien unterstützt, weil Holland momentan seine ehemalige Kolonie im Demokratisierungsprozess unterstützen will.

DEBUG: Vielen Dank!

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Elektronische Lebensaspekte.