Im September waren die Beiträge auf Rohrpost, der "deutschsprachigen Liste zur Kultur digitaler Medien und Netze", aufgeregt. Man diskutierte - zunächst - den Zustand des Netzmagazins Telepolis. Nach dem Weggang des langjährigen, verdienten Redakteurs Armin Medosch diagnostizierte man einen "Niedergang von Telepolis", andere fanden den "alltäglichen links-paranoiden Scan durch die Presse" trotz alledem "durchaus angenehm". Klar wurde jedoch, dass mit Armin Medosch auch den Kulturproduzenten im Netz irgendwie das öffentliche Medium abhanden gekommen war. Tatsächlich hat sich Telepolis seit einiger Zeit eher auf politische Topoi bzw. Wissenschaftsnachrichten konzentriert und Netzkultur außer bei Pflichtevents eher vernachlässigt. Unheimlichen Verschwörungstheorien um den 11. ...
Text: Sebastian Lütgert aus De:Bug 75

9/11 is a joke.
Oder: Lesen Netzlinke nicht quer?

Übrigens: In Sachen Webmagazin tut sich nach der Diskussion zumindest etwas. Serverplätze wurden sofort angeboten. Um das Ganze allerdings realistisch auszubauen, braucht es noch eine Trägerstruktur. Eine kleine Gruppe von Leuten hat sich gefunden, Konkreteres scheint sich etwa um art.net/hartware, Dortmund zu ergeben – aber man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben. Wir sind gespannt, was folgt.

Die Frage, “was am 11. September wirklich geschah”, treibt auch in diesem Herbst wieder Millionen Deutsche um. Fernsehmagazine erreichen Rekordquoten, “Sachbücher” werden zu Bestsellern und auch im Internet steigen die Zugriffszahlen. Wer dort nach Verschwörungstheorien sucht, braucht sich nicht bis an obskure Ränder des Netzes durchzuklicken, sondern wird bereits mitten im Mainstream fündig.

Besonders viele Treffer in Sachen 9/11 liefert Telepolis, das vom Heise Verlag betriebene “Magazin der Netzkultur”. In 52 Folgen durfte dort Mathias Bröckers, der seine Sammlung “unterdrückter Beweise” mittlerweile vom Zweitausendeins-Verlag unter die Leute bringen lässt, über die “wahren Hintergründe” der Terroranschläge spekulieren. Um seine These zu belegen, der 11. September ginge auf das Konto amerikanischer und israelischer Geheimdienste, karrte der ehemalige taz-Redakteur ganze Halden angeblicher “Fakten, Fakten, Fakten” an: Die Anschläge seien ein “Turmopfer im geopolitischen Schach” gewesen, geplant von einer “Kosher Conspiracy” aus “Gestapo Homeland und Stasi Security”, die “Propagandamythen aus dem Führerbunker” verbreite. “Hail Bush!” sei deren Motto, und: “Der Mossad lässt grüßen!”

Dass sich Telepolis mit einem solchen Feuerwerk antisemitischer Klischees in die Nachbarschaft noch berühmterer Knallköpfe katapultiert hat, scheint der Redaktion mittlerweile zu dämmern. Schließlich behauptet auch Horst Mahler, das World Trade Center hätten “die Juden” auf dem Gewissen. Und “weil eine auch nur angenommene Übereinstimmung mit Horst Mahler jeden aufrechten Deutschen ins Zwielicht bringt”, so Telepolis, ist jetzt Vorwärtsverteidigung angesagt gegen jene “Schlammschlacht”, die in den deutschen Medien tobe. Meinungsfreiheit gelte auch für Mahler und man müsse sich zumindest fragen, “ob was dran sein könnte an seiner Theorie, dass da gar kein Flugzeug, sondern vielmehr ein Marschflugkörper ins WTC gelenkt wurde.”

Doch wer sich ernsthaft mit der “Theorie” auseinander setzen muss, bei den meistwiederholten Bildern des bestübertragenen Live-Ereignisses der Menschheitsgeschichte handele es sich um eine Fälschung, wird als Nächstes die Frage beantworten müssen, ob die Gaskammern in Auschwitz nicht vielleicht doch bloß Duschräume waren. Denn der einzige Zweck dieser Figur – “ob was dran sein könnte” an einer offensichtlichen Lüge – besteht darin, den Verstand der Leute zu untergraben, im Vertrauen auf die Grundthese der Nazi-Propaganda, dass das Volk eine große Lüge eher glaubt als eine kleine. Die von Telepolis wöchentlich neu enthüllte “WTC Conspiracy” ist nicht bloß der übliche Borderline-Journalismus, sondern Holocaustleugnung für Anfänger.

Dem Ruf des Online-Magazins scheint das nicht zu schaden. Telepolis ist nicht nur File-Sharing-Partner von Debug, sondern wurde sogar von Konkret als Startportal für Netzlinke empfohlen. Ehemalige Autoren machen eine Umbildung der Redaktion für den angeblichen Kurswechsel verantwortlich. Doch wer glaubt, Telepolis sei erst kürzlich rechts abgebogen, sollte sich mal im Archiv umsehen. Was dort schon 1998 aus “postmodernen Reichskristallnächten”, “virtuellen Holocausts” und “Ermächtigungsgesetzen des Europäischen Rats” zusammengerührt wurde, gehört zum gequirltesten Dreck, der je, Seite an Seite mit Texten von Geert Lovink und John Perry Barlow, als “Netzkultur” beworben wurde.

Da die vermeintliche Netzlinke aber fast nichts im Netz auch nur querliest, hatte sie mit Telepolis nie ein Problem. Ohnehin steht die Vita von Bröckers exemplarisch für den Langen Marsch einer Linken, auf deren Traditionen ein Großteil des heutigen deutschen Antiamerikanismus zurückgeht. Dass schon für den Tod von Baader und Ensslin der Mossad verantwortlich gemacht wurde, ist kaum noch jemandem in Erinnerung. Und dass die beiden Anwälte, die Horst Mahler verteidigt haben, als der noch vom “Sieg im Volkskrieg” der RAF gegen die USA träumte, heute die Bundesrepublik regieren, scheint nicht mal Donald Rumsfeld so richtig klar zu sein.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.