Das Netz der Dinge nimmt allmählich Formen an. Chips, Sensoren und Plattformen werden immer billiger und ermöglichen Rocket Science zu Taschengeldpreisen.
Text: Johanna Kubrick aus De:Bug 127


Das Netz der Dinge nimmt allmählich Formen an. Chips, Sensoren und Plattformen werden immer billiger und ermöglichen Rocket Science zu Taschengeldpreisen. Nachdem die weiche Software des Internet durch Demokratisierung und Patizipation zum 2.0 geprägt wurde, ist nun die harte Währung des Konsums dran und emanzipiert dabei: das Produkt.

Dinge werden klug, Sachen werden schlau, Produkte sind nicht mehr ausschließlich fertige Gegenstände mit festgelegtem Funktionsumfang. Produkte haben stattdessen immer öfter Funktionspotentiale – ähnlich wie ein Laptop, mit dem sich alles Mögliche, aber auch nichts anstellen lässt. Überraschend kommt das nicht, schließlich wurde die Entwicklung schon seit Jahrzehnten mit Stichworten wie “Ubiquitous Computing”, “Ambient Intelligence” oder “Pervasive Computing” prophezeit, wobei die Begriffe eher schwammig die Idee von allgegenwärtiger, durch Vernetzung alles durchdringender “Intelligenz” bezeichnen.

Zuletzt hat sich dabei die Wendung “Internet der Dinge” durchgesetzt, der einerseits wohltuend gradlinig ausdrückt, worum es geht, aber auch als wunderbar nichtssagender Allgemeinplatz taugt. Was nicht weiter schlimm ist, weil die Ankündigungen vom Internet der Dinge entweder mit wüsten Sci-Fi-Phantasien oder aber Marketing-Lächerlichkeiten wie dem “Intelligenten Haus” illustriert wurden. In Letzterem führen Konzerne wie Microsoft oder die Telekom dem Publikum gerne schöner Wohnen in der Ingenieur-Variante vor, wobei die Phantasie regelmäßig beim “intelligenten Kühlschrank” endet, der automatisch Milch nachbestellt.

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In der unspektakulären Wirklichkeit ist die Entwicklung unterdessen schon viel weiter fortgeschritten, die Lagerbestände der Welt werden mittlerweile via RFID katalogisiert, Koffer-Ströme geistern selbstregelnd durch Flughafen-Eingeweide, Arbeitsplätze verdampfen durch Automatisierung und Digitalisierung im Zeitraffer.

Gleichzeitig scheinen die Dinge im Alltag immer noch genauso tumb wie eh und je. Das aufziehende Internet der Dinge gleicht einem Vexierspiel, das überall aufblitzt und gleichzeitig nirgendwo konkret fassbar scheint. An allen Ecken und Enden spielen sich Bewegungen ab, die auf lange Sicht das Verständnis von Technik, ihre Beziehungen zum Menschen in Zeit und Raum und die Produktionsmethoden verändern werden. Fest steht: Geräte werden immer kleiner und gleichzeitig leistungsstärker, Chips, Sensoren und Plattformen werden immer billiger, Rocket Science ist für Taschengeldpreise zu haben. Identität, Sinnlichkeit und Automation sind im technologischen Sinne zugänglicher geworden, reeller und alltäglicher.

Aber die Verfügbarkeit von Technik ist seit dem Internet nur noch die halbe Miete, die Musik spielt im Reallabor der Nutzer, bei denen die Unterscheidung zwischen Konsument und Produzent immer schwieriger fällt. Die Technik-Evolution verachtet Handbücher und zwingt zu einem Perspektivwechsel auf das, was in Hobbykellern, Studentenzimmern und im Netz passiert. Um das aufziehende Internet der Dinge zu erkennen und zu verstehen, muss man daher auch die Netz-Ethik aus Demokratisierung, Partizipation und Open Source mitdenken.

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Der hierzulande gängige Abwehrreflex angesichts neuer Technik ist da wenig hilfreich. So beschränkt sich die Debatte über RFID-Chips weitgehend auf den Datenschutzaspekt, auf mögliche Bedrohungen der Privatsphäre und den bösen großen Bruder, der bestimmt wieder nichts Gutes im Schilde führt. Linke Befindlichkeiten und tumbe erzkonservative Technikaffirmation spielen Fangen auf einer Möbiusschleife: “Auch das Internet der Dinge muss abgeschaltet werden können”, forderte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar im März.

Grenzwertiger kann man wohl nicht missverständlich sein, denn Deutschlands oberster Datenwächter wird wissen, dass das Internet keine Dampfmaschine, sondern ein Protokoll ist, das man genauso gut oder schlecht abschalten kann wie eine Sprache. Und genau wie Sprachen sind Medien und andere Technologien zunächst einmal neutral. Es gilt immer, alle Potentiale auszuloten, die eine Technologie, ein neuer Sensor oder eine neue Plattform bieten.

Denn egal was uns die NASA, Siemens oder der große Bruder weismachen wollen, entsteht die Technik eben nicht in einem eindimensionalen Prozess, sondern durch einen verschlungenen Mix aus Intentionen, Praxis und Ökonomie. Das Internet der Dinge kommt dabei gerade in die disparate Bastler- und Tüftler-Phase, jetzt werden die Hobbykeller-Standards des Jahres 2012 definiert, aber auch die Keimzellen für zukünftige Massenprodukte. Nun liegt es an der kreativen Masse der Prosumenten, aus dem Rohstoffmeer das zu schaffen, was Kunst und Kultur seit jeher bestimmt hat: Sinn produzieren.

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Graswurzelaktivismus im Hardwaresektor und die Körperlichkeit in der Technik zu entdecken, darum soll es unter anderem gehen, wenn man über RFID , Sensorenund Plattformen wie Arduino spricht. Ein besonders plastisches Beispiel für das Zusammenspiel der Technik-Fragmente ist das Projekt Botanicalls: Mit Hilfe von Sensoren und eines Arduino Boards ist es über Voice over IP möglich, dass die Pflanze, die zu Hause verweilt, den Besitzer anruft, falls es ihr zu trocken wird.

Dabei geht es nicht darum, dass das Bewässern einem abgenommen, sondern eine verstärkte Kommunikation zwischen Mensch und Natur hergestellt wird. Die Telefonansagen sind daher bewusst schnackig gewählt: “Hey, ich bin’s, dein Gummibaum. Wie wär’s mit einem Drink? Ich bin so durstig.” Und bedanken tut sich der botanische Freund natürlich auch. “Hmm, das war gut, danke …” Der Mensch nimmt die Welt durch Hilfe von Technologie verstärkt anders wahr und der DIY- und Daniel-Düsentrieb-Charakter solcher Applikationen lässt solche klugen Dinge poetisch erscheinen.

Gerade die Plattform Arduino vereinfacht solche Ideenverwirklichungen ungemein. Frei vom Prototyping-Zwang, etwas konkret Vermarktbares zu schaffen, ist hier eine schnell wachsende Spielwiese für Künstler und Gestalter entstanden, die permanent neue Möglichkeiten eröffnet.

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Elektronische Lebensaspekte.

5 Responses

  1. fol3

    Meiner Meinung nach bietet die Paketsendungsverfolgung einen tollen Vorgeschmack auf das “Internet der Dinge” http://is.gd/w54l #debug

  2. RFID in der De:Bug « Dig for Knowledge

    […] RFID in der De:Bug By juliaschreiber Das Netz der Dinge nimmt allmählich Formen an. Chips, Sensoren und Plattformen werden immer billiger und ermöglichen Rocket Science zu Taschengeldpreisen. mehr […]

  3. RFID | techcrafters

    […] general information check out an article in the de:Bug magazine (in german only): mehr This entry was posted in Workshops. Bookmark the permalink. ← Visiting MIT’s […]