Nach dem "Wie alles begann" nun das "Was in der Zwischenzeit passierte": Die Geschichte über das Wesen und den Erfolg von Weblogs, den Aufstieg und Fall der Softwareschmiede Pyra und Google als lächelnden Dritten.
Text: Mario Sixtus aus De:Bug 72

Google, Blogger, Zeitgeist
Die dunkle Seite der Macht – Teil 2

Nano-Journalismus und Micro-Content
Während Google den Bedürfnissen des suchenden, lesenden, konsumierenden Internetusers entgegen kam, bediente Pyra diejenigen, die das Netz als Publikationsraum begriffen, die schlicht und einfach selber gelesen werden wollten.
Als das Netz noch jung und die Visionen noch groß waren, sorgten Sätze wie “Jeder ist ein Sender” und “Millionen publizieren für Millionen” noch für großes Hallo auf jedem mittleren Medienkongress in einer südfränkischen Kleinstadt. Aber wie wir alle wissen, haben sich diese Voraussagen bis heute nicht wirklich bewahrheitet. Obwohl auch in Deutschland immer mehr Menschen immer mehr Zeit im Internet verbringen (zu Hauptlasten des Fernsehens übrigens), konzentriert sich doch ein Großteil der Aufmerksamkeit auf relativ wenige Websites, ähnlich, wie wir es vom Fernsehen und seiner begrenzten Kanalanzahl kennen.
War also dieser Traum schon ausgeträumt? Sollte das vielversprechende Viele-zu-Viele-Medium nur ein weiteres Eins-zu-Viele-Medium werden, wie wir es seit der Rotationspresse und den Radiosendern kennen? Schlicht und ergreifend: nein. Dieser Eindruck konnte nur entstehen, weil unser Hirn dazu neigt, die Entwicklung exponentieller Verläufe kurzfristig zu überschätzen und langfristig zu unterschätzen.
Bei Weblogs oder auch Blogs, in Deutschland oft fälschlicherweise als “Online-Tagebücher” bezeichnet, handelt es sich um regelmäßig aktualisierte Websites, die auf kleinen Redaktionssystemen basieren und überwiegend Inhalte textlicher Natur transportieren.
Den Erfolg von Weblogs kann man auf unterschiedliche Faktoren zurückführen. Zum einen sicherlich auf die scheinbare Diskrepanz von Privatem und der permanenten Anwesenheit von Öffentlichkeit. Viele Blogger schreiben über persönliche Beobachtungen, Ansichten, Erlebnisse und eine gehörige Portion Meinungsstärke hat noch nie geschadet.
Anders jedoch als ein Auftritt in einer nachmittäglichen Talk-Show, die genau genommen ihren Reiz aus einem ähnlichen Spannungsverhältnis bezieht, steht hier das Outen, das Offenbaren innerlichster Befindlichkeiten in den seltensten Fällen im Vordergrund.
Blogger reflektieren die Weltpolitik genauso wie Erlebnisse an der Supermarktkasse, schreiben über Belanglosigkeiten und hochgradig Philosophisches in den unterschiedlichsten Stilen und Qualitäten, kurz, sie sind so unterschiedlich und farbenfroh, so langweilig oder aufregend wie die Person dahinter. Und gerade das Wissen über die reine Subjektivität der Beiträge, über die vollkommene Abwesenheit jeglichen Lektors oder gar Zensors machen das Lesen in Weblogs oft so spannend und unterscheidet es so von der Lektüre “seriöser” Nachrichtenquellen.
Das regelmäßige Studieren von Weblogs fördert Medienkompetenz. Das Wissen darüber, dass diese Netz-Publikationen im Normalfall von lediglich einer, oder einer Handvoll Personen mit Inhalten gefüttert werden, die Redakteur, Lektor, Herausgeber und technischer Betreuer in Personalunion sind, lässt uns jeden Beitrag mit einer gesunden Portion Skepsis konsumieren, die niemals falsch sein kann angesichts der Tatsache, dass auch “seriöse” Magazine Enten, wie das Aussterben der Blondinen, hervorgebracht und emsig voneinander abgeschrieben haben oder sich oft genug in vorauseilendem Gehorsam dem gerade vorherrschenden politischen Mainstream und immer wieder gerne auch wirtschaftlichen Interessen von Anzeigenkunden beugen müssen.
Weblogs greifen in der Regel andere Strömungen auf als Mainstream-Medien – oder gründen selbst Strömungen. Während Fernsehdeutschland den “Superstar” sucht und sich sämtliche Medien – mehr oder minder – dem Erfolg dieser Sendereihe nicht verschließen können und so – ob durch Klatsch oder Kritik – nur noch mehr zu diesem Erfolg beitragen, kreieren Weblogs ihre eigenen, unabhängigen Feedbackschleifen. Unkontrolliert, autonom und anarchisch.
Weblogs sind ein Ausdrucksmittel der Souveränität und der Selbstbestimmung, die gelebte Akzeptanz der eigenen Subjektivität, das angewandte Wissen über die faktische Unmöglichkeit der Objektivität und somit – so absurd es auf den ersten Blick auch klingen mag – ein Schritt weg von der Ichbezogenheit.
Blogs sind mediengerecht. Während statische Webseiten, vor allen Dingen solche, die in kommerziellem Auftrag durch Agenturen ins Netz gestellt wurden, oft lediglich die Entsprechung einer Print-Broschüre sind, während Flash-Frickler versuchen, uns mit der Ästhetik des (Privat-)Fernsehens zu beglücken, beschränken sich Weblogs in der Regel auf die beiden Grundbausteine, die den Erfolg des Webs letztlich ausmachen: auf Texte und Links. Weblogs verzichten fast vollständig auf grafischen und animierten Schnickschnack und konzentrieren sich auf das Wesentliche: auf die Inhalte.
Und: Weblogbetreiber linken, was die Tastatur hält, auf Webfundstücke, wissenschaftliche Arbeiten, Amüsantes, Albernes, Weltbewegendes. Links unterliegen in Blogs einer akuten Ansteckungsgefahr. Selbst miteinander verlinkt, verbreitet sich ein interessanter Querverweis innerhalb einer Weblog-Community schneller als ein Schnupfen im Winter.

Jeder ist ein Sender
Selbst den Lesern wird die Möglichkeit des unmittelbaren Reagierens eingeräumt. Die meisten Weblogs bieten Kommentarfunktionen, die rege von den Lesern genutzt werden. So bleibt keine Behauptung unerwidert und der Autor stellt sich mutig dem Diskurs, anstatt sich durch eine Leserbriefredaktion abschirmen zu lassen, die das Gröbste für ihn abfedert.
Sicherlich werden Weblogs die klassischen Nachrichtenmedien und Magazine nicht verdrängen oder ersetzen. Sie weichen aber die Ränder auf und machen sie durchlässig. Das beste Beispiel dafür, wie Nachrichten auch einen umgekehrten Weg nehmen können, ist sicherlich die Lewinsky-Affäre, die zuallererst von Matt Drudge in seinem Weblog drudgereport.com publiziert wurde, bevor sie schließlich ihren Weg um die Welt und vor den amerikanischen Kongress nahm.
Der Grund, warum es einige Jahre dauerte, bis das Internet wirklich sein Versprechen, eine Publikationsplattform für Jedermann zu sein, einlöste, ist ein banaler, technologischer. Publikationssysteme, sogenannte Content-Management-Systeme, die es erlauben, webbasiert, datenbankgestützt und ohne Programmierkenntnisse per Mausklick zu Publizieren, waren jahrelang entweder unerschwinglich teuer, da ihre Zielgruppen sich aus großen Online-Magazinen und Zeitungsredaktionen zusammensetzte, oder sie waren liebevoll gebasteltes Freak-Zeug, an das man sich ohne mindestens dreijähriges Informatik-Studium nicht herantraute.
Zwischen 1999 und 2000 entwuchsen jedoch eine ganze Reihe dieser kleinen Publikationstools der Spezialistensekten und wurden auch für Normalsterbliche bedienbar. Movable Type, Greymatter, B2, Nucleus und pMachine, um nur ein paar zu nennen, werden verhältnismäßig einfach serverseitig installiert und erlauben danach dem Autor mittels handelsüblichem Internetbrowser einen Zugriff auf die eigenen Beiträge.

Exkurs: Warblogs
Als die ersten amerikanischen Raketen in Baghdad einschlugen und die Pentagon-PR-Machinerie an der Heimatfront so richtig zu Hochtouren auflief, schalteten die US-Mainstream-Medien endgültig auf patriotischen Gleichschritt mit den Kriegsherren, lieferten fast ausnahmslos Hurra-Berichterstattung und plapperten brav nach, was ihnen die Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums in die Laptops diktierten.
Altlinken Europäern mag es zwar suspekt erscheinen, aber: Die Amis sind nicht blöd, zumindest nicht alle. Der britische Branchendienst Journalism.co.uk berichtete, dass mit Zuspitzung der Irak-Krise ein rapide ansteigender Zugriff von europäischen Online-Medien durch US-amerikanische Internet-User zu verzeichnen war. Angeödet von der einseitigen Berichterstattung im eigenen Land, recherchierten die amerikanischen Netizens lieber in den Online-Angeboten des Guardian, der Times, im Spiegel oder im Algemeen Dagblad.
Ratzfatz wurden Warblogs aus dem Netz gestampft und gerade die Meldungen verlinkt, die der Selbstzensur der amerikanischen Medien zum Opfer gefallen waren und die ohne diesen Mikro-Journalismus exorbitant weniger Leser in God‘s own Country gefunden hätten.
Als Al Djaseera die ersten, streng nach dänischen Dogma-Prinzipien gefilmten Bilder von gefangenen GIs ausstrahlte, und sämtliche US-Fernsehsender, von CNN über Fox bis NBC, in einer stillschweigenden Übereinkunft auf die Ausstrahlung dieser Bilder verzichteten, dauerte es nur wenige Stunden, bis auch wirklich das letzte lahme Provinz-Warblog aus dem südlichen Maine Links auf digitale Kopien und Ausschnitte dieser Aufnahmen gesetzt hatte.
Die Warblogs unterflogen einfach mühelos das Radar der amerikanischen Selbstzensur und praktizierten Freedom of Speech, während die Hauptnachrichtensendungen brav die Wüstensportberichterstattung ihrer “eingebetteten Journalisten” übertrugen.

Pyra: Weblogs für Jedermann
Was nun, wenn ich meine private Ich-und-mein-Hund-Seite, die ich zwar seit drei Jahren nicht mehr verändert habe, aber die ich jetzt gerne in ein Weblog verwandeln würde, bei einem Zwei-Euro-Provider hoste, wo mir keine serverseitigen Installationen erlaubt sind? Oder wenn mir selbst das Aufrufen eines Installationsskriptes zu kompliziert ist und ich PHP für einen Ableger der palästinensischen Arbeiterpartei halte? Nun, ganz einfach, dann gehe ich zu Blogger.
Pyra Ltd. wurde im Januar 1999 von Evan Williams und Matt Haughey gegründet, mit dem Ziel, webbasierte Projektmanagement-Software zu entwickeln und zu vertreiben. Als Quasi-Abfallprodukt dieser Entwicklungsarbeit entstand Blogger, ein System, dass es zunächst den Pyra-Mitarbeitern erlaubte, Fortschritte und Probleme in der Entwicklungsarbeit per Weblogs zu kommunizieren. Schnell wollten auch Freunde, Verwandte und Bekannte der Mitarbeiter eigene Weblogs führen. Ohne besondere Werbung und PR-Arbeit entwickelte sich Blogger zu einem Selbstläufer und Pyra war ob dieses Erfolges nahezu gezwungen, den Fokus ihrer Firma zu verlagern und stellte im August 1999 das Blogger-System jedem Internet-Nutzer zur Verfügung.
Der Blogger-Erfolg lässt sich auch hier einmal wieder mit dem schönen Wort “mediengerecht” erklären: Bloggers System arbeitet dezentral wie das gesamte Internet. Zwar wird die Datenbank mit den User-Beiträgen noch zentral bei Pyra gehostet und ist dort per Web-Interface zugänglich, wo sich jedoch die einzelnen Weblogs physikalisch befinden, spielt für das System keine Rolle. So kamen schließlich auch technisch vollkommen unerfahrene und Zwei-Euro-Webspace-Nutzer in den Genuss eines benutzerfreundlichen und praktischen Publishing-Tools.
Anders als Google, war Pyra jedoch nicht in der Lage, den Erfolg seiner Idee anhaltend in bare Münze umzusetzen. Wie auch? War doch die Nutzung von Blogger für alle User erst einmal prinzipiell gratis. Zwar versuchte man mit Blog*Spot, einem ebenfalls kostenlosen, da mit Bannerwerbung versehenem Weblog-Hosting-Service, ein paar Krümel des Online-Werbungskuchens in die Firmenkasse zu lenken, aber wie so viele werbefinanzierte Online-Geschäftsmodelle wollte sich das nicht wirklich rechnen.
Zwar brachte man irgendwann Blogger-Pro ins Rennen, einen um einige Möglichkeiten und Features erweiterten Dienst, der gegen eine geringe, monatliche Gebühr zur Verfügung gestellt wurde, trotzdem musste das Blogger-Team im Dezember 2000 seine User offen um Spenden anbetteln, da der hauseigene Serverpark mittlerweile hoffnungslos überlastet war.
Das Startkapital von 50.000 Dollar, das Unternehmen wie O’Reilly & Associates und Advance Publications zur Verfügung gestellt hatten, war zu diesem Zeitpunkt bereits aufgebraucht. Der Tiefpunkt der jungen Firma findet sich Ende Januar 2001 dokumentiert, als Evan Williams in seinem persönlichen Weblog verkünden musste, dass er mittlerweile der einzige Angestellte von Pyra sei und von seinem Appartement aus arbeiten würde.
Doch Pyra rappelte sich wieder auf. Im Februar 2003 zählte das Unternehmen immerhin schon wieder drei Angestellte und versorgt mittlerweile rund eine Millionen Weblogs, von denen knapp die Hälfte regelmäßig aktualisiert wurden. Das war der Moment, als plötzlich Unterhändler von Google an Pyras Tür klingelten und die Augen der gebeutelten Firmengründer sich mit Tränen und Dollarzeichen füllen durften.
Um nächsten Monat beim großen Spekulationswettstreit, was denn nun das erfolgreichste Internet-Unternehmen mit dieser kleinen Web-Klitsche will, ganz vorne mitmischen zu dürfen, bringen wir als Katalysator zwei weitere Männer ins Spiel: Jon Kleinberg und John Hiler. Fortsetzung folgt.

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Elektronische Lebensaspekte.