Text: Liquidroom aus De:Bug 67

Hotline Connect, Soulseek

Napster was only the beginning, aber Napsters Verschwinden war doch ein Einbruch: Für FilesharerInnen, die ganze EPs und Alben tauschen wollten, waren viele Napster-Nachfolge-Clients ungeeignet, weil sie nur Informationen über einzelne Tracks übermittelten, aber nicht über die Folder, in denen sie sich befanden. Ein Album oder eine EP musste mühevoll zusammengesucht werden. Zeitweilig griff man (wieder) auf das “unzeitgemäße” (c´t), Hotline Connect zurück. Einerseits ließ das Server-Client-System die Admins der Server oft zu selbstvergessenen Patriarchen werden, andererseits produzierte das Server-Prinzip die Chance, ganz bestimmte musikalische Momente zu pushen, unter das Bekannte, Gesuchte das Obskure, Unwahrscheinliche zu mischen, das wegen der qualtitativen Verlässlichkeit des Servers auch runter geladen wurde. Technisch war Hotline mangelhaft: Wegen fehlender Resume-Funktion und fehlender Bandbreitenbegrenzung wurde die zu Verfügung stehende Bandbreite mal nicht ausgenutzt, mal die gesamte Internetverbindung (eventuell ganzer Netzwerke) zum Stillstand gebracht.
Soulseek ist dagegen ein Paradies. Mühelos greift man die gewünschten Files, Kontakte, Diskussionen ab. Dort hat sich ein komplett relaxter sozialer Stil herausgebildet. Die Mindestkommunikation handelt meist davon, User mit langen Queues zu überreden, einen auf die privilegierte Userlist zu setzten. Welche Musik wie schnell auftaucht bleibt rätselhaft: Manches erscheint sofort, manches nie. Autoren-, Indie-, Kontemplations-Bezug ist oft förderlich. Frankfurt-Schranz ist die einzige harte Tanzmusik, die dort eine Szene bildet. Der Realitätsaspekt, dass viel der Musik von vor dem Rechner sitzenden Männern gehört wird, formatiert das Interesse deutlich: House jenseits von OM und Naked ist die dort am seltensten auftauchende elektronische Musik.
Das Spektakulärste an Soulseek ist die Art wie räumliche Territorien aufgehoben werden. Weil die Vertriebs- und Marketing-Strukturen für elektronische Musik doch immer noch recht national organisiert sind, Musikzeitschriften an Sprachen gebunden sind, Party-Szenen nicht über Stadtgrenzen hinaus aktiv sind, ist dieses File-Sharing System der Raum, an dem man sich nicht um einen internationalen Ort der Elektronischen Musik bemühen muss, sondern der beiläufig entsteht. Ob der User mit der unglaublichen Cecil Taylor Sammlung aus Lyon, San Diego oder Münster kommt, wird erst auf Nachfrage klar. Ein mit tcp/ip verschicktes Datenpaket hat es eben unendlich leichter nach Chile zu gelangen als eine Vinyl-Schallplatte.
Remember: Alles ist möglich. Sich in ein paar Minuten ein paar Files zu ziehen (sagt man “saugen”?) oder sein soziales Zentrum komplett in das System zu verlegen. Psycho-Vorstrukturierungen wie Sammelleidenschaften oder Face-To-Face-Scheue können hier jedenfalls massive Folgen haben.

Dedicated to Electronic Music Giants/ Sven Delux

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Elektronische Lebensaspekte.