Anton Waldt berichtete für uns vor zwei Ausgaben über die Sicherheitslücken der Diebold-Wahlmaschinen. Die sollten bei der kalifornischen Wahl die Lochkarten ersetzen und waren in etwa so leicht zu hacken wie Outlook Express. Dass sich die Gegenbewegung in Amerika auf dieses Thema stürzen sollte, war klar. Aber dass auch hierbei einige Bugs auftraten, trifft den demokratischen Untergrund Amerikas hart. Eine Selbstanalyse von Nico Haupt.
Text: Nico Haupt aus De:Bug 77

Selbst schuld …
Die niemals endende “BlackBoxVoting”-Story

Es sollte die Enthüllungsgeschichte des Jahres werden. Angekündigt von Autorin Bev Harris mit dem Untertitel “Schlimmer als Watergate” sollte ihr Buch über die neuen Möglichkeiten der Wahlmanipulation die Einführung von digitalen Wahlmaschinen verhindern. Zumindest solange, bis die Sicherheit der Ergebnisse garantiert werden könnte. Doch es sollten vor allem interne Probleme sein, die die Wirkung des Buches zum großen Teil verhinderten.
Es begann im Sommer damit, dass Leser und Gefolgschaft von Bev Harris, überwiegend versammelt bei “democraticunderground.com” (DU), “blackboxvoting.com” und unter der Open-Source-Gemeinde von Slashdot.org, die so genannten Diebold-Memos (die Aufschluss über die Bugs in den Wahlmaschinen gaben und eigentlich gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren) harunterluden und verbreiteten und den Source Code der elektronischen Wahlmaschinenfirma unter die Lupe nahmen, um die Echtzeit-Manipulation von E-voting zu beweisen. Nach einer Weile half DU-Community Mitglied Roxanne Jerot Bev Harris, eine weitere Seite zu erstellen, nur für die Memos: blackboxvoting.org. Die Geschichte machte mit Hilfe von bestens organisierten Network-Aktivisten schnell die Runde.

Bev sagt, wer’s verbockt
Mit Erfolg. Etwa 2 Wochen später reagierte nicht nur Diebold auf das peinliche Loch ihres FTP-Servers mit den Memolinks, sie engagierten auch den Pentagon- und CIA-Contractor SAIC, um die technischen Mängel zu beseitigen. SAIC arbeitete dann mit dem Johns Hopkins Institut ein Papier und Statement aus, das den “Skandal” in harmloserem Licht erscheinen lassen sollte.
Danach wurden “kleine Programmiermängel” zugegeben, aber die eigentliche Gefahr auf “Hacker” von außerhalb geschoben. Die Story machte Schlagzeilen auf CNN, doch Autorin Bev Harris wurde mit keinem Namen erwähnt. Liberale Aktivisten rieben sich dennoch die Hände und feuerten Bev Harris an weiterzumachen. Die Autorin, mittlerweile unter Druck, ihr Buch rechtzeitig vor der kalifornischen Wiederwahl zu veröffentlichen (die plötzlich von Schwarzenegger vereinnahmt wurde), fühlte sich nun unter enormem Druck. Ihre Popularität im Internet stieg mit dem Anspruch, nicht nur deutlicher auf den Computer Source Code einzugehen, aber auch auf die politischen Hintergründe.
Irgendwie scheiterte Bev Harris dann mit beiden Ansprüchen. Während der investigative Journalist Lynn Landes schon Mitte des Jahres beweisen konnte, dass alle 4 (!) Hersteller der Wahlmaschinen (Diebold, ES&S, Sequoia und nun auch SAIC) von einer elektronischen “Task Force” unterstützt wurden, die vom Militär und der Ölindustrie zusammengestellt worden war, ignorierten Bev Harris und ihre “liberale Aktivistenfront” vollkommen diesen Zusammenhang. Es kam noch schlimmer. Anstelle im Wahlkampf von Schwarzenegger auf dessen Verbindungen mit Kenneth Lay (Ex-ENRON) hinzuweisen, beließen es die meisten Aktivisten bei Schwarzeneggers Sex- und Nazihintergrund und auch die Diebold-Geschichte versickerte im Yellow-Press-Lala-Land. Dabei waren die Puzzlestücke so einfach zusammenzufügen. Unter den Mitgliedern der elektronischen Taskforce war auch die Firma Accenture, was nur ein neuer Name für Arthur Andersen war, der ehemalige Auditor von ENRON.
Auffällig war auch der Hintergrund der anderen Firmen: Lockheed und Northrop Grumman, beides fette Größen der US-Militärindustrie. Und dann noch augenscheinlicher, dass es auch um spezielle (Öl-)Interessen im nächsten Jahr geht: Osan Ltd., eine private Saudifirma, hatte Aktienanteile von Accenture gekauft und Sir Mark Moody-Stuart, ehemals Royal Dutch/Shell, ist auf dem Board von Accenture zu finden. Und noch absurder: Die Befürworter der elektronischen Wahlfirmen kommen von Halliburton, der ehemaligen Firma von Dick Cheney, Robert Gates (ex-CIA) mischte mit, und einer der Direktoren von Diebold sponserte ungerührt den 2004-Wahlkampf von George Bush: Walden O’Dell. Die verzwickte Diebold-Geschichte warf dann auch ein neues Licht auf den bereits vom BBC-Journalist Greg Palast bewiesenen Wahlbetrug in Florida 2000 (der allerdings nach dem Sep11-Anschlag nie mehr aufgegriffen wurde).
Doch nichts geschah. Schwarzenegger gewann die Wahl, selbst so genannte “technische Pannen” in der kalifornischen Kleinstadt Alameda City, die durchgesickert waren, konnten keinen größeren Skandal mehr auslösen. Harris’ Buch kam zwar auch “rechtzeitig” vor der Wahl raus, die meisten Kapitel konnten sogar kostenlos heruntergeladen werden, aber die 2. Webseite von Bev Harris wurde gerichtlich geschlossen, etwa eine Woche vor der Wahl. Strategisches Timing – aber für welche Seite wirklich?
Die Solidarität, mit der zuvor die Memos weltweit gespiegelt wurden, ging dann erneut los. Nun waren es bereits Suchmaschinenresultate und zahlreiche Mitglieder von Indymedia, die dann die Memos und Beschreibungen der ominösen Wahl-Source-Codes bewarben. Diebold drohte mit der Schließung des gesamten Indymedianetzes. Nun schaltete sich auch EFF ein (Elektronische Frontier Foundation). Die komplette Blogger- und Newsportalszene befand sich nun geschlossen hinter Bev Harris.

Bev verbockt’s
Doch sie musste eine weitere tragische Geschichte beobachten, die nichts mehr mit dem eigentlichen politischen Motiv zu tun hatte: Irgendwie waren Bev Harris und ihre Administratorin, Roxanne Jerot in einem Missverständnis aneinander geraten und trugen einen privaten, aber dennoch “öffentlichen” Streit bei democraticunderground aus, “beobachtet” von tausenden von Mitgliedern und Besuchern: Harris warf Jerot vor, die Originalfiles zerstört zu haben, andere Mitglieder bemängelten die Unprofessionalität von Jerot, die “nicht einmal einen CD-Brenner” zu Hause hatte. Mit dem Resultat: Der Streit wurde lauter und beide trennten sich, aber die Verliererin war eine etwas zu paranoide Autorin, Bev Harris wurde von DU gebannt. Zum Ende des Jahres wurde Blackboxvoting nun zu einem geheimen Bestseller, der größere Zusammenhang wurde immerhin vom britischen Independent aufgegriffen und Harris wurde etwas schüchterner.
Vielleicht sollte dies ein weiterer Beweis sein, was passieren kann, wenn man die wichtigeren politischen Zusammenhänge von Anfang an ignoriert. Dies sollte ein weiteres mahnendes Beispiel dafür sein, wie eine Internetcommunity ein politisch heißes Eisen von sich aus kaputt macht, anstatt es produktiv und ohne Parteipolitik und Verfolgungswahn einzusetzen. Die Bush-Regierung wäre eventuell schon im Oktober 2003 Geschichte gewesen, denn es gab gleich zwei Verbindungsstücke der Firma SAIC zu zwei weiteren vertuschten Skandalen der US-Regierung: die so genannte Iraklüge und der Anthrax-Anschlag von 2001. SAIC war mit beiden Geschichten verbunden.
Doch das ist dann wohl auch für den harmlosen Netzaktivisten wieder einmal zu konspirativ und “off-topic”. Gefangen in einer Endlosschleife von “politischer Überkorrektheit” (“wir wollen nur einen angeschlossenen Drucker”), müssen sich Harris und ihr Verleger David Allen (ein Kinderbuchverleger) mittlerweile den Vorwurf anhören lassen, sie seien Opfer (oder sogar Mittäter) eines Plots gewesen, um von der eigentlichen politischen Brisanz von Anfang an geschickt abzulenken.

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Elektronische Lebensaspekte.