Im November wird in den USA der nächste Präsident gewählt. Noch ungekürter aber bereits faktischer Kandidat der Demokraten ist John F. Kerry, langjähriger Senator und Ehemann der millionenschweren Ketchup-Erbin Teresa Heinz. Kerry gewann gegen den Netz-Kandidaten Howard Dean. Janko Roettgers erklärt, welche Diskussionen das in der Weblog-Gemeinde ausgelöst hat und welche Zukunft die Dean-Blogger haben.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 81

E-DEMOKRATIE 2004 / MIT BLOGS GEGEN BUSH?

Eigentlich hätte alles so schön werden können: Howard Dean war lange Zeit der Wunschkandidat vieler US-amerikanischer Weblogger. Er hatte sich als erster gegen den Irak-Krieg ausgesprochen, als seine eigene Partei Bush noch ganz patriotisch den Rücken stärkte. Er war mittels eines Weblogs und der Netz-Plattform Meetup.com vom unbedeutenden Außenseiter zum Star des Wahlkampfes aufgestiegen. Dean hatte mehr als 600 000 Unterstützer auf seiner E-Mail-Liste. Und er hatte es nicht zuletzt auch geschafft, den für US-Wahlkämpfe so essentiellen Prozess des Spendensammelns umzukrempeln. Anstatt auf einflussreiche Geldgeber aus der Wirtschaft zu setzen, vertraute Dean auf zahllose über das Internet gewonnene Kleinstspender. Fast 300 000 Menschen unterstützten seine Kampagne finanziell und machten ihn damit zum best-finanzierten Kandidaten der Demokraten.
Als dann die ersten Bundesstaaten über ihren Wunschkandidaten abstimmten, musste Dean jedoch herbe Niederlagen einstecken. Die vorher so selbstsichere Kampagne war von den drastischen Verlusten völlig überrascht. Dean feuerte zuerst seinen Wahlkampfleiter Joe Trippi, der für Dean das Netz entdeckt hatte. Doch alle Versuche, Dean durch Imagewechsel und straffere Organisation zu retten, scheiterten. Am Ende gab er auf, ohne auch nur einen einzigen Bundesstaat für sich gewonnen zu haben.
Schon bevor Dean offiziell aus dem Rennen ausschied, begann im Netz die Suche nach den Schuldigen. Viele eingefleischte Dean-Anhänger glaubten sich von den Medien verraten. Doch in der Weblog-Szene übte man sich lieber in Selbstkritik. So mutmaßte der angesehene Netz-Autor Clay Shirky, Dean sei ein Opfer seiner selbst gewählten Waffen geworden. Schuld an Deans Misserfolg seien eben gerade jene Komponenten sozialer Software, deren Einsatz man für so revolutionär gehalten habe – die zahllosen offiziellen und inoffiziellen Dean-Weblogs, Deans Friendster.com-Kopie Deanlink und auch die Webforen mit ihren ausufernden Diskussionen. Mit ihnen habe Dean eben nicht Tools zum Überzeugen der Wähler, sondern zum Plausch unter Gleichgesinnten geschaffen. Gleichzeitig habe das Netz Deans Anhängern Stärke vorgetäuscht, indem es die Schwellen zur Partizipation gesenkt habe, so Shirky. Ein paar Weblog-Postings oder eine Online-Spende lassen sich eben schnell mal beisteuern. Doch der Kandidat mit dem meisten Blogeinträgen hat nicht zwangsläufig auch die meisten Wähler.

Dean & die Netzgemeinde
Shirkys Kritik der E-Demokratie als folgenlose Selbstbezüglichkeit kam an – nicht zuletzt bei den klassischen Medien, die dem Phänomen bald den Namen “Echo Chamber” gaben. Im Netz sorgte dies wiederum für Ungemach. Man wollte sich nicht auf Hall und Rauch reduziert wissen, erst recht nicht von der ja in Selbstreferenz nicht ganz unerfahrenen Medienwelt. “Wer einen echten Hallraum sehen will, sollte einfach in die Tageszeitung schauen”, erklärte Weblogger und Linux Journal-Redakteur Doc Searls dazu jüngst auf der Emerging Technologies Conference des O’Reilly-Verlags. Searls leitete dort eine Diskussion zum Thema politische Weblogs und sah keinen Grund dazu, diese als Wahlkampfmittel zu verdammen. Man müsse nur die Grenzen ihrer Möglichkeiten erkennen: “Politische Blogs dienen nicht der Information. Sie sind Mittel zur Formierung von Gruppen”, so Searls. Doch warum funktionierte dies dann für Dean nicht? Vielleicht hatte eine Zuhörerin der Veranstaltung das Problem am besten erfasst, als sie erklärte: “Viele Leute mochten die Kampagne – doch sie mochten Dean einfach nicht.”
Im Dean-Camp hofft man dann doch darauf, dass Shirky recht hat. Der hatte nämlich auch vermutet, Dean habe mit seinen Online-Tools aus Versehen eine Bewegung an Stelle einer Kampagne geschaffen. Eine Bewegung ist es denn auch, die Dean und seine ehemaligen Mitstreiter jetzt aus den Ruinen seines gescheiterten Wahlkampfes hervorgehen lassen wollen. Ganz dumm ist der Gedanke nicht: Deans Anhänger haben es zwar nicht geschafft, ihrem Kandidaten zum Sieg zu verhelfen. Doch sie haben bewiesen, dass sie Geld einbringen, Schlagzeilen machen und Neulinge für Politik begeistern können. All das brauchen die Demokraten, um im Herbst gegen Bush gewinnen zu können. Dean will deshalb Ende März die Gründung einer neuen Organisation verkünden. Aus “Dean for America” soll dann “Democracy, Freedom & Action” werden, heißt es vorab.

Bush muss weg
Ohne Dean, aber mit ähnlichen Zielen will sein ehemaliger Wahlkampfmanager Joe Trippi weitermachen, dessen Gespräch mit Lawrence Lessig wir übrigens in der De:Bug 75 veröffentlichten. Als Deans Kampagne auch finanziell am Ende war, gab Trippi dem Web-Team des Kandidaten kurzerhand neue Jobs. Mit einem harten Kern von rund 40 ehemaligen Kampagnen-Mitarbeitern will er die Gruppe “Change for America” aus dem Boden stampfen. Change for America will Themen innerhalb der demokratischen Partei setzen und progressiven Kandidaten mit Online-Tools zur Seite stehen. Ach ja, und Bush loswerden wollen sie natürlich auch.
Noch ist nicht ganz klar, was “Change for America” von Deans neuer Truppe unterscheiden wird. Zwar betonen beide, sich gegenseitig ergänzen und keinesfalls Konkurrenz machen zu wollen. Doch unter einigen eingefleischten Dean-Anhängern macht sich bereits Misstrauen breit. Andere fühlen sich bei Trippi besser aufgehoben, da sie mehr sein wollen als nur die Cash Cow der Demokraten. Gut möglich, dass sich zumindest eine der beiden Gruppen ein Beispiel an MoveOn.org nehmen wird: Die vor rund sechs Jahren von Dotcom-Veteranen gegründete Gruppe organisiert ihre zwei Millionen Unterstützer ausschließlich übers Netz. Auch MoveOn.org arbeitet mit einem über Spenden aus dem Netz finanzierten Voter Fund daran, Bush aus dem Weißen Haus zu vertreiben. Insgesamt 15 Millionen US-Dollar will die Organisation für Anti-Bush-Werbespots ausgeben.
Bush selbst will dagegen bis zu 200 Millionen US-Dollar in seine Wiederwahl investieren – und setzt dafür selbst mittlerweile kräftig aufs Netz. So besitzt seine Website RSS-Feeds und ein eigenes Weblog. Dieses kommt aus Angst vor öffentlichen Schmähungen zwar ganz ohne Kommentarfunktion aus, macht aber dennoch kräftig Anleihen bei der auch im Dean-Lager so beliebten Graswurzel-Rhetorik. Wer letztendlich die besseren Echoboxen sein eigen nennt, wird sich wohl erst im Herbst zeigen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.