Was macht einen Text zum Journalismus? Dass er bei einer Institution erscheint? Hohe Qualität? Seine meist schlechte Bezahlung? Marius Sixtus recherchierte für DEBUG einmal quer durch das Web und schreibt eine Reportage über zeitgenössische Formen des Online-Journalismus. Denn definitiv ist Text das Format, das die New Econmy Krise ungeschadet überlebt hat - vielleicht, weil es von Beginn an von ihr nicht besonders gut erfaßt wurde. Aber lest selbst.
Text: Mario Sixtus aus De:Bug 76

Die publizistische Revolution / Der Ebay-Journalismus

Keine Tätigkeit wird von den Netzbewohnern so häufig und intensiv ausgeübt, wie das gute alte Lesen. Primär ist das Web ein Informationsmedium. Punkt. Alles andere folgt auf den Rängen. Filesharing, Chats, Online-Spiele und –Einkauf. Multimedia- und Medienkonvergenz-Schreihälse aus der DotCom-Ära sind ja mittlerweile glücklicherweise allesamt arbeitslos und schwallern nur noch in butzenbescheibten Eckkneipen zwischen Bebra und Neu-Isenburg ihre jeweiligen Thekennachbarn mit abgestandenem Innovationsspeech aus den späten Neunzigern zu. Das Netz ist Text. Nochmal Punkt. Zwar treiben sich immer noch ein paar unbelehrbare Flash-Frickler herum, die sich nach wie vor bemühen, die stinkende Brühe der Fernsehvorspann-Ästhetik auch im Web zu verkleckern, inklusive Sound-Djingles, die den Straftatbestand der Körperverletzung lässig übererfüllen, aber als Optimist darf man davon ausgehen, dass sich diese Problematik auch ohne Anrufung der UNO-Menschenrechtskommission bald von selbst erledigt: Diese animierte Digitalgülle will einfach niemand mehr sehen. Und so dürften die Verursacher des akuten Augenblutens bald ihr Arbeitslosengeld II in Eckkneipen neben Leuten versaufen, die pausenlos von Medienkonvergenz faseln. Irgendwo zwischen Bebra und Neu-Isenburg.

Zurück zum Text
Genau: Text regiert das Web. Noch genauer: Nachrichten, Berichte, Kommentare, Reportagen, Interviews, Daten, Fakten, Analysen, Gerüchte, Thesen, Meinungen und Theorien. In den Top-Ten der meistbesuchten Websites finden sich regelmäßig News-Magazine auf den obersten Chartplätzen. Und das ist auch kein Wunder: Befreit doch das Zwischennetz Produzenten und Konsumenten von Zwängen und Hürden in der Berichterstattung, an die wir uns in anderen Medien schon längst gewöhnt hatten und deren Nervigkeitspotenzial uns erst jetzt wirklich klar wird: Kein Gongschlag unterbricht um 20:00 Uhr eine mitunter gerade eingeleitete verdauungsresultatsabsondernde Sitzung und verführt zum ungesunden Egestus Interruptus und kein nuschelnder Radiosprecher und kein gerade vorbeifahrender LKW verdammen den Rezipienten zu einer weiteren Stunde der Unwissenheit. Während der Bilderzwang im TV die Redaktionen immer wieder gerne dazu verleitet, eine Meldung mit bespinnwebten, ranzigen Archivfilmchen zu illustrieren oder eilig zusammengekauftes, belangloses Stock-Material zu versenden, während das Diktat des vorgegebenen Tempos den Zuschauer und –hörer in ergebene Passivität zwingt und ihn nicht nur zum reinen Informationsverbraucher degradiert, sondern obendrein neben der Geschwindigkeit auch die Tiefe und den Grad der Informiertheit vorgibt, liegen diese Steuerungselemente im Web allesamt allein in der Hand des Users. Als ich noch jung war, nannte man die Autoscooter auf den Jahrmärkten (weiß jemand die Mehrzahl von “Kirmes”?) noch “Selbstfahrer” und genau darum geht es: Das Internet ist etwas für Selbstfahrer. Alle anderen setzen sich lieber in die “Raupe” – und fahren im Kreis.
Aber da gibt es doch noch dieses Medium aus totem Holz? Richtig, aber tut mir leid: Monatszeitungen, Wochenzeitungen, O.K. Feine Sache das, allein durch die Transportabilität (vielleicht mal abgesehen von der ZEIT) und dem unschlagbar geringen Akku-Verbrauch, gepaart mit einem Display, dass auch bei strahlendem Sonnenschein noch enorm kontrastreich ist. Aber Tageszeitungen? Die Zeitung von heute bringt, bedingt durch den langen Produktionsvorlauf, zwangsläufig nur die Meldungen von gestern. Nicht umsonst wurden früher die Fische auf dem Wochenmarkt in Zeitungsseiten eingewickelt: Der Geruch von gut abgehangenen Nachrichten korrespondiert einfach hervorragend mit dem Bukett von erlegten Flossentieren.

Content is King
Deshalb viel wichtiger für uns: Wie war das nochmal mit dem Journalismus im Web? Erst mal historisch heranpirschen: Also damals, als Zwanzigjährige sich von ihrer Mutti die Krawatte binden ließen, um beim Venturekapitalisten die eine oder andere Millionen mehr zu ergattern; damals, als seriöseste Wirtschaftswissenschaftler und piefigste Banker fest davon überzeugt waren, das Internet würde Naturgesetze aufheben und die Aktienkurse in eine niemals enden wollende, exponentielle Aufwärtskurve verwandeln, damals –- und das scheint im Rückblick die einzig logische Erklärung zu sein –- als eine unbekannte Spaßfraktion offensichtlich die gesamten Trinkwasservorräte der westlichen Welt mit LSD anreicherte, hatten offensichtlich auch die gesamten Vertreter der verlegenden und publizierenden Branche ein paar Schlückchen von diesem Trinkwasser zuviel zu sich genommen und allerorten wurden Redaktionsgebäude aus Stahl, Glas und wilden Träumen zusammengeklebt. Es wurden Journalisten angeheuert, dass es nur so eine Freude war und Serverparks installiert, bestückt mit Online-Redaktionssoftware, deren Anschaffungspreise sich in etwa in der Nähe des Bruttosozialproduktes von Burma bewegten. Web-Magazine jeglicher Couleur sprießten aus dem Netz, wie Fußpilze aus den Gehflächen von Hallenbadbesuchern. “Content is King” hieß die Losung der damaligen Tage und Content war und ist vor allen Dingen eins: Kostenlos. Zumindest für den Leser.

Des Kings neue Kleider
Wie sieht‘s aus und wo geht‘s hin? Die kommende Medienrevolution wird eine publizistische sein, aber dummerweise weiß niemand, wohin die Reise wirklich geht. Vielleicht verendet auch dieser Zug auf einem toten Gleis zwischen Bebra und Neu-Isenburg?
Auch bei der DeBug sind wir weder Futuristen noch Futurologen, aber hier und da wachsen ein paar interessante Wucherungen aus dem digitalen Hintergrundrauschen hervor und wer ein paar Schritte zurücktritt, mag sogar mitunter ein Muster darin erkennen. Also stellen wir laut die Frage: Was ist ein Journalist und wodurch unterscheidet er sich von der Masse der schreibenden Menschen? Standesbewusste Vertreter der berichterstattenden Zunft holen hier sofort die große Keule mit der Aufschrift “professionelle Recherche” aus dem Sack und schwingen sie drohend über den Schädeln der ungelernten Schreiberlinge. Bei genauem Hinsehen entpuppt sich diese Waffe aber als Karnevalsutensil aus Schaumstoff. Die Kunst der Recherche ist keine Geheimwissenschaft, die von Druidenmund zu Druidenohr weitergegeben wird und die nur im Verborgenen einer Hand voll Auserwählten gelehrt wird. Wer sich schon mal mit einer Beschwerde erfolgreich durch den Urwald der Telekom-Hotlines gekämpft hat, der hat sich im Alltag bereits mehr Hartnäckigkeit antrainiert, als im Normalfall der Faktenbeschaffung nötig ist.

Er produziert Beiträge
Was unterscheidet also nun Journalisten von anderen Menschen? Berufsehre? Ethik? Moral? Nun, die Tatsache, dass sich auch die Moderatoren und Redakteure von “Biff” oder “Peng” oder wie diese Fernsehdinger heißen, Journalisten nennen dürfen und selbst die Teleprompter-Ableser der Werbeblockunterbrechungen, die im Reich der insolventen Kirch-Familie verwirrender Weise Spätnachrichten vorlesen, sich mit diesem Titel schmücken dürfen, sollte zumindest Fragen aufwerfen. Manchmal hilft ja ein Blick in den Brockhaus weiter: “Journalist [ französisch], gesetzlich nicht geschützte Berufsbezeichnung für Personen, die an der Erarbeitung und/oder Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltungsbeiträgen durch Massenmedien beteiligt sind.” erfahren wir dort und spätestens seit es mit den Weblog-Engines kleine, günstige Publikationstools gibt, kann diese Definition problemlos auch auf alle Hausfrauen, Hautärzte und Hotelpagen angewendet werden, die ihre Freizeit mit Bloggen verbringen. So kommen wir also nicht weiter.
Aber wahrscheinlich ist Lösung viel nahe liegender und findet sich weit außerhalb des Medientheorie-Spielfeldes: Der schnöde Mammon macht den Unterschied. Wer mit seinem Geschreibsel Geld verdient ist ein Journalist und wer keinen Euro mit den Resultaten seiner Tastaturgymnastik hereinschaufelt, ist es eben nicht. Ganz einfach. Und das ist genau das unbekannte Land, das dieser Zug angesteuert hat: Wer in Zukunft wie mit Publizieren im Web Geld verdienen wird, ist unklarer den je und es werden noch Wetten auf die Lage des Zielbahnhofes angenommen.

Profi-Blogger
Mit dem Weblog Geld verdienen? Einigen gelingt das bereits. Einfach einen PayPal-Button auf die Seiten geklebt und schon können die Leser per Mausklick ihr Scherflein zum Lebensunterhalt des Autors beitragen. Die Artikel werden somit zur Donationsware: Wem sie gefallen, der gibt gerne ein paar Dollar, wer sie nicht mag, geht sowieso woanders hin. Unter PaidContent.org betreibt der ehemalige Chefredakteur des “Silicon Valley Reporter” Rafat Ali ein Weblog-ähnliches Magazin, dass sich mit Themen rund um bezahlte Inhalte im Internet beschäftigt – und lebt davon glänzend. Nach eigenen Angaben verdient er als Ein-Personen-Redaktion mehr, als in seiner früheren Position beim Hochglanz-IT-Blättchen. Die Umsätze erwirtschaftet Mr. Ali übrigens – ganz altmodisch – mittels Werbung, die seine Site schmückt. Somit ist Paidcontent.org lustigerweise Free Content. Ein Schuft, der daraus den Schluss ziehen würde, hier traue ein Koch seinem eigenen Essen nicht.
Weblogs, die verkauft wurden – inklusive Übernahme der Autoren, versteht sich – sind in der jungen Geschichte dieses Mediums übrigens auch schon dokumentiert: Cyberjournalist.net wurde vom American Press Institute geschluckt und die Karriere- und Job-Site Vault.com schnappte sich den Glotzkisten-Content-Produktions-Insider TVSpy.com. Eigentlich wie früher, vor dem großen Krieg, nur dürften sich die gezahlten Summen diesmal bei weitem nicht im Multimillionendollarbereich bewegt haben.
Nicht vergessen darf man in diesem Kontext natürlich Matt Drudge, dessen Ein-Personen-Klatsch-Agentur DrudgeReport.com spätestens seit des initialen Aufdeckens der ejakulativen Ereignisse in Bill Clintons “Oral Office” zu einer Gelddruckmaschine mutiert ist: Die Zeitschrift Business 2.0 schätzt den jährlichen Umsatz von Drudge’s Gerüchtebackstube immerhin auf stattliche 800.000 Dollar.

Weblog im Golfkrieg
Zur Zeit des letzten Golf-Krieges lieferte der ehemalige AP-Reporter Christopher Allbritton ein wesentlich spektakuläreres Beispiel für eine publizistische Ich-AG: Allbritton sammelte über seine Website back-to-iraq.com rund 40.000 Dollar, erstand die heute üblichen Frontreporter-Gadgets, wie ein wüstenfestes Notebook, ein Satellitentelefon und eine Digitalkamera und ließ sich von kurdischen Menschenschmugglern auf einem zweitägigen Gewaltmarsch von der Türkei in den Nordirak schleusen, um via Blog aus erster Hand aus dem Kriegsgebiet zu berichten. Die Blogosphäre hatte einen eigenen Nervenstrang ins Zweistromland geschickt, um nicht auf eingebettete Mainstream-Reporter angewiesen zu sein.
Wie wurde Allbritton von den lieben Kollegen behandelt, die allesamt Redaktionsbüros und klimatisierte Kamerawagen zur Verfügung hatten?
“Ich hatte eine Begegnung in Ankara, mit einer Frau, die für U.S. News and World Report arbeitete und sie benahm sich schon ziemlich herablassend, als sie erfuhr, dass ich ein unabhängiger Journalist bin, der lediglich auf seiner Website veröffentlicht. ‘Niedlich!’ war ihre erste Reaktion, was ich ziemlich übel fand.” berichtete Allbritton gegenüber DeBug, “Allerdings war sie später nicht in der Lage, in den Irak zu gelangen, da sie die 3.000 Dollar von ihrer Redaktion nicht bekam, die Schmuggler für einen Grenzübertritt verlangten. Ich hatte keinen Redakteur, der sich um mich sorgte und meine Leser hatten das Geld schließlich für genau dieses Ereignis gespendet.” Und die Hierarchien lassen sich mitunter auf ein lustiges Wechselspiel ein. Allbritton weiter: “Nachdem ich im Land war und sie meine Reportagen auf meiner Site lesen konnte, bat sie mich häufiger um Hilfe, die ich ihr nach Möglichkeit auch gab. Ich bin da nicht kleinlich.” So kann es gehen.
Nach diesem erfolgreichen und Aufsehen erregenden Probelauf der Selfmade-Berichterstattung, sahen schon Netzauguren und Web-Orakel das Ende der Nachrichtenmedien gekommen: Wenn eBay in der Lage war für jeden Schnickschnack und dessen Hund einen Käufer zu finden und dabei den Zwischenhandel weitgehend ausschalten konnte, wenn Salzminen und Salzstreuer ohne Makler und Trödler den Weg vom Verkäufer zum Käufer finden konnten, warum sollte ein ähnliches Prinzip nicht auch bei News und Stories funktionieren?

Angetriggert von Adobe: RedPaper.com
In Zeiten, in denen die ersten Abteilungen, die in einer Redaktion aufgelöst werden, das Korrektorat und die Schlussredaktion sind, in Zeiten, in denen rechercheintensives oder gar investigatives Arbeiten kaum noch betrieben wird, weil es angeblich nicht zu finanzieren ist, in Zeiten, in denen ein freier Zeilenknecht kaum genug Geld zusammentippen kann, um abends in der Eckkneipe sein finanzielles Elend in Alkohol zu ertränken, in Zeiten wie diesen also, warum sollte da nicht auch der gemeine Autor sich etwas sparen, nämlich die Redaktion? Warum nicht dem Informationsmakler das Wasser abgraben und direkt an den Leser verkaufen? Wozu braucht der Newsjunkie noch den Straßendealer, wenn er direkt beim Hersteller des Stoffes einkaufen kann? – Mit diesem Gedanken ging Mike Gaynor, der sich selbst ganz bescheiden ‘Scoop’ nennt, rund ein Jahr schwanger, bis ihm niemand geringerer als Adobe Software (und eine Handvoll anderer Firmen) das notwendige Startgeld zusteckten, um RedPaper.com ins Leben zu rufen. RedPaper versteht sich als “Mischung zwischen New York Times und eBay” und ganz unzweideutig fordert auf der Website ein Spruchband, ganz in der typischen Tradition der US-amerikanischen Zurückhaltung, jeden User auf: “Don’t tell your Story, sell your Story!” Anders als beim Online-Warenumschlagplatz werden die Texte auf RedPaper allerdings nicht ersteigert, sondern für Festpreise zwischen 0,02 und 3,00 Dollar verkauft. Als PDF. Adobe lässt grüßen. Knapp 1.000 Hobby-Schreiber haben seit dem Start Anfang Juli Kochrezepte, politische Kommentare, Bastelanleitungen, Liebesgedichte, Sci-Fi-Kurzgeschichten und Reiseberichte auf den Chicagoer Server hochgeladen und erfreuen sich an 94,75% der Verkaufspreise, die ihnen bei jeder Transaktion gutgeschrieben werden. Von der Differenz zur 100 möchte RedPaper selbst einmal groß und stark werden. Wie viele Münzen den einzelnen Autoren nun bisher in ihre Taschen geklickt wurden, ist schwer zu sagen: Zwar liegt ein Dokument mit den Charts der Top-Seller und den jeweiligen Erträgen der einzelnen Textproduzenten zum Download bereit, aber auch dieses Papier ist kostenpflichtig – und der Trick war uns, ehrlich gesagt, schlicht zu blöd.

Oh my!
Drüben, da wo die Sonne aufgeht, da wo man am liebsten mit dem Handy bloggt, in dem Staat, dessen Hauptstadt hierzulande nur selten korrekt ausgesprochen wird, genauer gesagt im Süden Koreas, dort gibt es auch etwas Lustiges: OhMyNews.com gehört zu den populärsten Websites des Landes und wird fast ausschließlich von seinen Lesern gefüttert. “Bürgerjournalismus” nennt das der Gründer und Herausgeber Oh Yeon-Ho, dessen Vorname nur zufällig mit der ersten Silbe der Domain identisch ist. Oh gründete die Site als Gegengewicht zur konservativen, von der so genannten Gerontokratie beherrschten Presse und ist mittlerweile mit seinen täglich zwei Millionen Lesern eine wahre Medienmacht im Land. Ein südkoreanischer Diplomat sagte einmal dem Guardian: “Kein Politiker kann sich leisten, OhMyNews zu ignorieren. Südkorea verändert sich in einem Maß, das wir selbst noch nicht glauben können.” Das Geheimnis des Erfolges sind dabei die rund 26.000 Hobbyisten aus sämtlichen gesellschaftlichen Schichten, die mehr oder weniger regelmäßig ihre Berichte Reportagen und Kommentare an die Redaktion schicken, wo sie gesichtet und die Fakten gegengecheckt werden. Etwa 200 dieser Texte schaffen es dann täglich auf die Onlineseiten. Mit einem maximalen Salär von ca. 15 Euro wird dabei zwar niemand reich, aber die Möglichkeit, die eigene Meinung an Millionen Mitbürger zu vermitteln, ist den meisten Autoren genug sportlicher Anreiz.

Unsere Leichen leben noch
Und die Geldverbrenner von gestern? Die Monetenschredderer aus der Yukon-Ära des Internets? Die machen nach einer spektakulären, personellen Schrumpfkur still und heimlich – Gewinn. Die Online-Ausgabe der New York Times verbuchte letztes Jahr immerhin acht Millionen Dollar auf der Haben-Seite, das lange Jahre durch Microsoft gepäppelte Slate-Magazin hat zumindest die schwarze Null erreicht und der Online-Ableger der Regionalzeitung ‘Sacramento Bee’ ließ 2002 sogar 20 Millionen Mal einen Dollar in der Kasse klingeln. Nur die Mutter aller Online-Magazine, Salon.com schiebt immer noch einen Verlustvortrag von 80 Millionen Dollar vor sich her, den sie seit Gründung Mitte der Neunziger anhäufen durfte. Aber kaum zeigt sich zumindest etwas Licht am Horizont, ziehen auch schon wieder düstere Wolken über den gebeutelten Herausgebern auf: Die Jugend spielt nicht mit! Die Leser vergreisen!

Kids, wo seid ihr?
Das ist der Vektor, den Marktforscher und Analysten entdeckt haben wollen: User unter Dreißig treiben sich immer seltener auf den Sites der ‘Big Names’ herum, sondern wuseln lieber durch Pfade im Netz, die noch nicht so ausgelatscht sind. Schon so manche Marketinggurus haben erst ihre Haarfarbe und danach ihre Jobs verloren, als sich herausstellte, dass die astronomisch teure Klicki-Bunti-Flirt-und-Promo-Site, die doch so genau auf die Teeny-Zielgruppe ausgerichtet war, letztendlich nur eine Hand voll grenzdebiler Backfische anlocken konnte, die obendrein direkt wieder verschwanden. Auch der Weblogs-Boom hat die gesamte Online-Marketingindustrie schlicht und ergreifend vollkommen und absolut unvorbereitet getroffen. Wer konnte denn ahnen, dass die jungen, unvernünftigen Dinger auf einmal ausgerechnet lesen wollen oder sogar – Gott bewahre – selber schreiben! Das stand aber nicht im Generationsbeipackzettel!

And the winner is….
Wie auch immer: Der Kampf um die Augäpfel der Web-Nutzer dürfte in Zukunft noch wesentlich interessanter werden, da die Medien-Matrix so zersplittert ist, wie noch nie zuvor und sich anschickt, diesen Zellteilungsvorgang fröhlich fortzusetzen. Kommerzielles, institutionelles oder privates Angebot? Who cares? Amateurschreiber, Journalisten, arme Poeten? Gerne alles! Grundmengen, Teilmengen, Schnittmengen, Käseschnittchen? Ja genau, und zum Mitnehmen bitte!
Aber ein Trend lässt sich erkennen, ein Muster zeichnet sich langsam, aber deutlich ab und belegt klammheimlich eine These aus dem Anfang dieses Wörterwurms: Text ist in. Geschriebenes ist trendy. Wohin die Reise auch gehen wird, wo immer der Zug auch hält: Der Text hat gewonnen, die Schreibe hat gesiegt. Zumindest im Augenblick.
Wer wie viel, wann auf welche Weise und warum damit verdienen wird? Keine Ahnung. Der Film läuft zwar schon, aber das Drehbuch hat noch kein Ende. Aber es bleibt festzuhalten: Lesen ist offensichtlich stärker als Glotzen. Die visuellen Bilderprediger aus Flashanimations- und Privatfernsehfraktionen haben es nicht geschafft, uns in die vorsprachliche Steinzeitwelt der Höhlengemälde zurückzufluten. Sprache ist der Geschwindigkeitssieg über die lahmarschige Informationsübertragung per DNS. Text ist non-invasiv, interaktiv und die purste Form von Pull. Text ist somit der mediengerechteste Web-Content schlechthin. Und wer das immer noch nicht glaubt, braucht nur die Leute in der Kneipe zwischen Bebra und Neu-Isenburg zu fragen.

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Elektronische Lebensaspekte.