Wireless vom Mobile übers Krankenhaus bis zur Berliner Müllabfuhr. Auf der ersten Internet World Wireless Fachmesse in New York wurde das Blaue aus dem Äther versprochen. Rationalisierte Pizza-Bestellung war nur eines der Hilights.
Text: Nico Haupt aus De:Bug 46

INTERNET WORLD WIRELESS
Das Netz wird weiter drahtlos
Wer schon einmal in New York war, weiß, dass in einer der entlegensten und hässlichsten Baukomplexe am Hudson River jeweils im 3-Monate Abstand die spannendsten Messen stattfinden, die man sich eigentlich lieber in schnuckeligen Nobelhotels gewünscht hätte. Diese Regel galt auch wieder für die erstmalig stattfindende INTERNET WORLD WIRELESS im Jacob Javits Center Ende Februar, 2 Monate vor dem Nachfolger in Berlin und Hongkong und geschickter Weise ein paar Wochen nach den großen Börsencrashs. Etwas enttäuschend war die mangelnde Präsenz an Inhalten oder Programmen, dagegen stark beeindruckend die Omnipräsenz an Wireless Servern, Routernetzwerken, Mobilen Taschencomputern oder Vertretern der SANs (Storage Area Networking = Serverfunktion nur als Lager für Backups).
Protokolle und Standards
Ricochet aus New York mit ihren Wireless Modems waren einer der beeindruckensten Vertreter vor Ort. Vor 2 Jahren hatten sie in Manhattan das weltweit erste Wireless Netz ausgebaut, u.a. für das Ampelnetz und den Palmtop. Ihre CEOs kommen aus dem Business. Vor Jahren haben sie u.a. für BellAtlantic gearbeitet und außerdem etliche Preise gewonnen, z.B. für den Webauftritt von ESPNSportsZone. Sie haben nun weitere Städte in Angriff genommen und auch schon Kontakte zur Deutschen Telekom geknüpft.
Auch das Infrarot-Protokoll Bluetooth, auf das sich viele Firmen geeinigt haben, hat Neuigkeiten zu vermelden. Mit ihrem kryptographierten Piconet-Verfahren werden sie vermutlich die Standards des Datenaustauschs in den drahtlosen Devices ändern.
Ein anderes bekanntes Protokoll glänzte durch Abwesenheit: Die japanische Firma NTT war wohl aus strategischen Gründen mit ihrem erfolgreichen iMode System – der Alternative zum WAP – nicht vor Ort. Um so eifriger wurde aber darüber gesprochen. Interessanter Weise war ausgerechnet eine deutsche Firma vor Ort, die Konvertierungsformate von WAP nach iMode anbot. Des weiteren natürlich etliche Serveranbieter wie z.B. Aligo, Lucent oder Nortel, die in den Devices ohnehin flexibel sind – egal ob bei WAP oder NTTs DoCoMo Telefonen bis hin zu den verschiedensten Pagermodellen. In etlichen kostenlosen Magazinen konnte man sich nebenbei über Produkte aus Korea und Japan schlau machen, die noch nicht den US- oder europäischen Markt erreicht haben, wie etwa das NTT-Video-Telefon.
Datenwissen: Vom Paket zum Tumor
Der richtigen Frequenz für das beste Tracking gehört die Zukunft. Welche das sein wird, können nur findige Spezialisten derzeit beantworten. Paketfirmen wie UPS etwa sind stark darauf bedacht, die Kunden immer genau wissen zu lassen, wo sich ihre Ware gerade befindet. In England sollten ihre Trucks allerdings nicht die Tempo Limits überschreiten. Dort läuft gerade ein Großversuch über GPS-Speed-Limiter, die den Spaß am schnellen Autofahren bald vermiesen dürften.
Auch im medizinischen Sektor wird die Digitalisierung immer zentraler: die sogenannten hippen “Aufsatzsprachen” wie VoiceXML oder “MIT-cooler” sind im kommen, und etliche “health”-Vertreter waren vor Ort. Die Kommunikationselektronik hält beim Arzt Einzug, basierend auf zwei Verfahren: Voice XML stammt aus der XML-Familie (Extensible Markup Language) und schafft automatisierte Spracherkennung (ASR) und interaktive Antworten (IVR). Nach dem Motto: goto next=”deliver_pizza.vxml#address” und dann soll es schwuppen. Die Product Markup Language dagegen geht einen Schritt weiter und arbeitet mit Radiosignalen auf Tags (Anhängern oder medizinischen Hilfsgeräten), die Informationen direkt drahtlos an die Hersteller senden. BiStar, Philips, Motorola oder InterMec sind führend in diesem Gebiet. Die Sprache PML soll einmal laufend Informationen wie Transportort, Haltbarkeitsdatum, Reklamemöglichkeit und Recyclinginfos updaten. Ein sogenannter individueller “Electronic Product Code” wacht praktisch über sein eigenes Produkt. Von den drastischen Eingriffen in die Privatsphäre, die damit möglich werden, wurde allerdings wenig erzählt.
Sicherheitslöcher und Hacking
Die wenigen Vertreter, die auf Risiken hinwiesen, waren eher Sicherheitsfirmen wie TrendMicro. Sie präsentierten live einen beeindruckenden Portsniff-Hack mit “L0phtcrack”, “Superscanner” und den entsprechenden Folgeprogrammen an eigenen Serveradressen. Zunächst wurden die offenen Ports erschnüffelt, danach wurde mit dem sogenannten BruteForce-Attack eingedrungen, anschließend die Spuren verwischt und in Ruhe Passwörter automatisch entschlüsselt. Dann wurden Trojaner über FTP eingeschleust und am Schluss die Webseite manipuliert. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, einige UNICodes von WIN NT zu finden, was aber geübten Hackern ebenfalls keine Sorgen bereitet. Vom “Hacken” kann man heutzutage sowieso kaum noch sprechen, meistens erledigen das Programme für einen, die kinderleicht zu bekommen und zu bedienen sind. Gewisse Grundkenntnisse sind natürlich vorauszusetzen, etwa die Spurenverwischung und Reihenfolge der weiteren Programme und Handgriffe.
Neues Angriffsziel von Hackern könnten übrigens gut Mobiltelefone oder Handhelds werden. Noch mag keiner wirklich darüber reden, und auf der Messe lagen die ersten AntivirenCDs eher verschämt herum. In Amerika sind Mobiltelefone zwar prinzipiell noch nicht so dominant wie in Europa und Asien, aber Ende 2002 wird auch für die USA eine komplett internettaugliche Mobiltelefonstruktur prognostiziert, die nicht zuletzt durch die schnelleren Verfahren GPRS und UMTS wachsen wird. Gleichzeitig werden aber die offenen IP-Adressen, mit denen sie operieren, als Angriffsstellen für Hacks totgeschwiegen. Zum Glück gibt es dafür jetzt in den USA die amüsante Akte-X-Zweigserie “Lone Gunmen”, die in ihrer Auftaktfolge mit dem fiktiven “Octeon IV Chip” genau auf solche Persönlichkeitsschnüffler hinwies. Der umstrittene Chip wurde drei Computerfreaks, die ab und zu bei Akte X auftauchen, am Anfang von einer Hackerin gestohlen, die ihn am Schluss in ihren zu lahmen Rechner wieder einbauen musste, um so einen terroristischen Akt auf das World Trade Center zu verhindern, das durch ein Flugzeug mit manipuliertem Autopiloten bedroht wurde. Klarerweise ein wireless Hack.
Übertragung und Schnelligkeit
Weitere spannende Wireless-Projekte bauten auf Streaming auf. So stehen Emblaze (ursprünglich aus Israel) mit MPEG4 Echtzeitkodierung ganz vorne. Avid stellten neuere Module vor, und für den Flieger Boeing soll in diesem Jahr sogar Streaming an Board angeboten werden. Eyeball aus Kanada präsentierten ein eigenes wireless Videochat-Format und vertraten sympathischer Weise neben dem Kundenservice auch den interaktiven 3D-Spielbereich.
Leider waren natürlich keine MIT-Vertreter wie Kristofer Pister vor Ort, der gerade an elektronischem Staub als drahtlosem Informationstransmitter arbeitet (smart dust). Denn über vieles, was vor Ort vertreten war, dürfte in ein paar Jahren selbiger gefallen sein. Doch das werden die nächsten Messen zeigen.
Was mittlerweile als schnellster Übertragungswert gilt, ist mir verborgen geblieben. Im LAN ist das eh relativ. Verblüfft hat mich das Frequency Hopping Verfahren von “Direct Sequence” mit 11mb/sec, das wohl für Anmeldungsprozesse genutzt werden soll. Prinzipiell lässt sich der Vorgang vereinfacht so erklären: Ist ein Frequenzstrang zu überlastet oder lässt sich nicht “bündeln”, so sorgen weitere physikalisch-elektrische Signale mit einem Sprung zur nächsten Frequenz. Doch der Endverbraucher wird ohnehin immer mit einem Flaschenhalseffekt dastehen, und für die Großindustrie ist der Upstream halt wichtiger als der Downstream. Apropos Großindustrie: Immerhin war als provokanter Gegenvertreter der New Economy die Firma OpenCola vertreten, die einzige aus der Open Source-Liga, die scheinbar nur zum Spaß vor Ort war.
Finale Gadgets
Wem das wireless Notebook mit schmucken Antennen immer noch zu protzig war, für den waren einige kleinere Taschencomputer zum Spielen da.Vindigo prahlte mit einem neuen Palmtop Upgrade für Restaurant- oder Kinoorientierung, YadaYada für schicke Email-Verwaltung, AirWeb entwickelte für das Mobiltelefon die “flow charts” (Balkendiagramme) für unterwegs und netEcho die persönlich hör- und sprechbare Webseite.
Deutschland ist zu wünschen, dass die Wireless Ideologie nicht in Monopolismus verfällt und durch Breitband und Flatrate gestützt wird. Allerdings macht Wireless tatsächlich nur da Sinn, wo extremer Ballungsverkehr stattfindet, z.B. in Millionenstädten wie Berlin oder der Medienmetropole Köln oder für Hotels, Flughäfen oder Einkaufszentren. So könnte die Infrastruktur von unabhängigen Firmen effektvoller und schneller aufgebaut werden als durch endlose Knotenpunkte, die einmal den D2 Netzaufbau stark verzögert haben.

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Elektronische Lebensaspekte.