Auf der Messe
Text: Nico Haupt aus De:Bug 42

Netztrends für 2001

Ein Bericht von der Internet World in New York

Knapp 1100 Aussteller hatten sich im Jacob K. Javis Convention Center in New York Ende Oktober (25-27.10) zusammengefunden, um der vermeintlichen Dot.Com Flaute entgegen zu feiern. Tatsächlich wurde in den letzten Wochen eine Reihe von StartUps ausgesiebt. Der jüngste Schock an der Börse durch rote Zahlen bei IBM, Apple oder Zerox gießt zudem noch mehr Öl ins Feuer, selbst der Dow Jones war wieder ins Wanken geraten. Die gesamte Netzbranche ist sich aber schon lange einig, dass es nicht mehr nur um neue coole Inhalte oder schicke Flashseiten geht (skip forward, please!), sondern um praktische Anwendungen. Je einfacher, desto überzeugender.

Die Internet World ist eines der zahlreichen Erzeugnisse der “Penton Media Events”. Diese Company hat sich schon seit einiger Zeit auf Messen, Kongresse und Spezialmagazine für die Netzwelt spezialisiert. Man existiert als Internet World auch als Zeitung, die mit der gleichen Doppelstrategie selbst in Deutschland bekannt geworden ist. Penton Events sind (waren) u.a. auch für die “e-Book-World” (http://www.e-book-world.com/) im November im Marriott Marquis Hotel verantwortlich, sowie für die mit Spannung erwartete, erste “Internet World Wireless” im Februar 2001, ebenfalls im “Silicon Alley” New York.
Die noch stark verkabelte Internet World hat aber schon Hinweise geliefert, wohin der Trend 2001 geht: drahtlos externe Applikationen, die man sich auf seinem Palmtop (jüngste Version: 7!), Handspring Handheld oder sonstigen PDA-, Notebook- oder Mobiltelefonbrowser zieht. Neben den bereits seit einiger Zeit beliebten WAP-Grafikspielen von phone.com gibt es nun auch ein StreamDisplay von ActiveSky, dass man sich unter handango.com kostenlos u.a. für den Handspring Visor oder dessen Computeremulation downloaden kann. Browser für das EPOC Format, das demnächst Standard für die meisten Mobiltelefonen und PDAs werden möchte, sollen nachgeliefert werden.

Bandbreite
Das gesamte Repertoire auf der Internet World ließ sich in mehrere grobe Kategorien einteilen: Computer- und Serverperipherie, Internet Service, Research Service, Web Advertising, Webhosting, Webcasting, Internet- und WebSoftware, Paging und Messaging, Internet Telefonie, Router Hardware, Training und Education, Backbone Technologie, Autoren Tools, E-Commerce sowie neue Exotenfelder wie B2B (Business to Business Lösungen) Relocation Service, Bandbreiten Monitoring Management, 3D- EBusiness, E-Learning, Newsletter Hosting, Message Board Tools, electronic Ink oder URL Filtering (dazu gehören Dienstleistungen, die künstlich Traffic auf Webseiten erzeugen, um in Suchmaschinen, Polls oder Countern hoch zu erscheinen). Ein einziger kommerzieller Filesharing-Anbieter namens FilePool wollte sich dort außerdem von den sogenannten “schwarzen Schafen” wie Gnutella oder Napster abgrenzen. MP3.com war nicht vertreten. Außerdem ist zu bemerken: Auch wenn Streaming Companies noch nicht alle Inhalte für die Bandbreite liefern können, zu der das Format eigentlich fähig ist, so ist die Kamera fürs Netz bereits selbstverständlich geworden. Viele Konferenzforen wurden daher vom Hauptkamerabeliefer EarthCam übertragen, der ähnlich wie CUSeeMe seine eigenen Personal-TV-Channels anbietet und für Tausende von WebCam-Bilder auf der ganzen Welt bekannt ist.

Die Rückkehr der Applikation
Das große Schlagwort auf der 2tägigen Messe war jedoch ASP, kurz für Application Service Provider. Dahinter steckt die eigentlich schon ältere Idee, einen Service im Pay-as-you-go-Verfahren zu mieten. Im Unterschied zu den ISPs (Internet Service Providern), wo man nur den reinen Internet Zugang bezahlt oder den MSPs (Management Service Provider), die einen kompletten Auftritt im Netz organisieren, bieten die ASPs zusätzliche Dienste an, die man nutzen kann. Zu den auffälligsten Vertretern vor Ort, die z.B. einen Streaming Auftritt gestalten, gehörten etwa Globix Corporation (globix.com), Cisco, Mi8.com oder Always-On.com. Der Begriff ASP ist jedoch z.Zt. schon zu einem Modewort verkommen, was dem Status einer .com-Company verdächtig nahe kommt. Manche ASPs übernehmen nämlich nur einen kleineren überschaubaren, doch zunehmend lästigen Geschäftsteil, der ebenfalls online ausgelagert wird. Dazu gehört neben den bekannten Email-, Mailinglists- oder Trafficreports auch die Buchhaltung. Durchaus helfenswert also. VirtualGrowth bieten dafür etwa eine Online Version von Quick Books an, mit der man äußerst praktisch seine Bilanzen verwalten kann. Eine andere Company namens CyberBills verwaltet sogar Rechnungen für kabellose Applikationen.

Bots
Immer populärer werden auch Virtual Bots, die verschiedenste Aufträge für einen (im besten Falle mit “künstlicher Intelligenz” in der Tradition von Weizenbaums “Elisa”) erledigen können. Egosearch.com sucht etwa nach einer neuen “Karriere”, CyberAlert stellt Artikel über die eigene Firma zusammen und NetMind trackt ausgewählte Websites der Konkurrenz. OnStar liefert über GPS Hilfestellung für Probleme im Auto, und wer einfach nur mit seinem Bot spielen möchte, kann dies bei winfiles.com tun.
Es gibt bei den sogenannten Frage- und AntwortBots aber auch viel Unfug. Überzeugende personalifizierte Bots, die auf der eigenen oder fremden Seite auftauchen, um mit einem zu sprechen, finden sich etwa bei MyIwan oder KiwiLogic. Letztere Firma bietet auch einen LinguBot zum Erstellen animierter Bots an. Talkback von LipsInc. offeriert auch schicke 3D Varianten a la Ananova oder Lara Croft.

Umweltgestaltung
Zu den weiteren interessanten Anbietern auf der Messe zählten auch Firmen, die zusätzliche “Sinne” über die sogenannten Skins (Häute) aktivieren wollen. Firmen wie Blaxxun, ActiveWorlds haben es seit Jahren schon vorgemacht: Räumlickeit und interaktive 3D Umgebungen mit austauschbaren Texturen oder Videosignalen in VRML-Welten werden zunehmend auch als Business-to-Business-Lösung (B2B) angeboten. Dieses Jahr gab es weitere Mitbewerber dieses Genres. Emaginer z.B., ein Produkt von cryonetworks.com, die mit der eigenen Toolssprache SCOL E-Commerce-Produkte und sogar einen in 3D modifizierten RealPlayer produziert haben, mit dem man in einem Haus mehrere Videoleinwände anwandern und bestaunen kann.
Neben Welten-Modulen dieser Firmen gab es auch eine hübsche Fotolösung von Viewpoint, die mit etwa 30 Fotoeinstellungen eine dreidimensionale, rotierbare Animation (z.B. auch von einem Selbst) erstellen können und dessen Software ab 2001 für alle digitalen Kameras zugänglich gemacht werden soll (z.Zt. nur für Sony). Charmed setzte dem allen noch für Wireless einen drauf. Die aus dem Silicon Valley kommende Firma bietet kostengünstigere Wearables an, mit dem man spazierengehend sowohl seinem Gegenüber durch eine transparente Brille “Hallo!” sagen, als auch gleichzeitig seinen Monitor sehen und mit einem “Minitastaturgürtel” überzeugend bedienen kann. Browsing by walking!

Werbung in der nächsten Generation
Mehrere Fotomodels, darunter auch die Mitbegründerin Katrina Barillova, zeigten auf einer Modenshow, dass man längst nicht mehr wie ein Nerd a la Steve Mann herumlaufen muss, sondern die Brave New World auch schick erleben kann. Vor etwa einem Jahr war die Firma Princeton mit ihren virtuellen, täuschend echten Logos bei einer Silvesterfeier von CBS in die Schlagzeilen geraten, weil sie von herkömmlichen Einblendungen abgelenkt hatte. Damals hatte sich der Bürgermeister von New York, Giuliani, besorgt geäußert, dass Touristen nach den Fernsehaufnahmen bestimmte Häuserwände nach Inserts absuchten, so prägnant waren diese Banner in die Umgebung eingestanzt worden. Nun hatte diese Firma auf der Internet World (in Kooperation mit real.com) ihren ersten Prototyp für Streaming vorgestellt. Damit werden sich vermutlich neue Wege bei der Real-Time-Werbung von Videofilmen im Netz auftun. Von Baseballfeldern bis zu den schematischen Soap-Opera-Sofas kann nun wild herumgestanzt werden. Die elektronische Bandenwerbung geht somit in ihre nächste Generation.

Unterhaltung
Die Messeaussteller gaben sich Mühe, ihre Besucher ausgiebig zu verwöhnen und zu unterhalten. Mehrfach gab es CD Player, Kameras oder den Personal Videorekorder von TiVo zu gewinnen. Man konnte auf virtuellen Golfplätzen schlagen, in Quizshows sein Wissen bei Altavista erfragen lassen oder zahlreiche Videomails kostenlos verschicken. Manche Hosts (Moderatoren) besaßen zudem schauspielerisches Vermögen und man nahm Ihnen fast ab, dass sie auch Ahnung von der technischen Materie haben, für die sie “gebucht” worden waren. Ansonsten waren sie zumindest spektakulär: So gab es alte Griechen in Toga-Outfit mit anachronistischen Papyrusrollen, Baustellenarbeiter und Jahrmarktschreier zu bestaunen. Eine wechselseitige Mischung aus Verwirrung und Bewunderung erzeugte dagegen DigiScents (Ismell), die ihren ersten riechbaren (!!) Browserprototyp vorstellten. In simpler Teeniemanier (smell peppermint now!) war zwar der Auftritt etwas enttäuschend, da man aus einer an den Computer angeschlossenen Chemiebox nur vorgefertigte Kapselgerüche einatmen konnte (von Erdbeere über Popcorn bis hin zur “feuchten Erde” -für Europäer nachvollziehbarer?), wenn man auf die entsprechende Grafik statt erwarteten Animation Stories klickte. So bleibt nur die Hoffnung für 2001, dass die Firma hoffentlich nicht zur SmellMail-Company verkommt, sondern die entsprechenden Partner findet. Makabre Gashacks wurden von DigiScents übrigens von vorneherein ausgeschlossen: Noch kann man die NanoKapseln nur direkt bei Digiscents bestellen, das Riechen einer Website bleibt also vorerst nur in der On-demand-Phase.

Fazit
Auch wenn insgesamt nicht allzu spektakuläre Neuerscheinungen zu bestaunen waren, eins zeigt die Internet World auf jeden Fall: Das inhaltliche Feld ist noch breiter und anspruchsvoller geworden. Pfiffige Gadgets wie den Bookmark-in-Nickname-Umwandler nahm man genauso dankend an, wie die tausendste Version eines Online Video Editors. Auf der Wireless World im nächsten Jahr wird sich dann zeigen, ob man Informationen wirklich noch mikroisierter abrufen möchte. Monitoring, also die freiwillige Beobachtung von Companies, Dienstleistungen und Warenverschickung ist jedoch auf breiter Front akzeptiert worden. So protzte UPS genauso selbstverständlich mit neuen Überwachungstools wie ZeroKnowledge auf seriöse Verschlüsselungssoftware hinwies. Der Kunde mag transparenter werden, seine reale Adresse muss es jedoch nicht. Smart Cards, XML, Biometrie, Mikro Keyboards, Personal Lockers, B2B und externe Datenbanken werden auch 2001 weiterhin eine große Rolle spielen. Der Kunde hat dann die Qual der Wahl, die Spreu vom Weizen trennen zu müssen, besonders wenn er sich weiterhin nicht auf das A-Z der Sicherheitsmaßnahmen einlassen möchte. Die Internet World verabschiedete sich schließlich mit einem Knall: Microsoft 2000 war von “Russen” gehackt worden, was sich jedoch später harmloser als gehandelt darstellte. Die wirklich echten New Yorker Gäste beeindruckte daher vielmehr am letzten Abend der 26. Sieg der New York Yankees und zwar auf herkömmlichen TV-Schirmen in den Pubs. Die anarchische Version bat dann dennoch die art-NetzJockey-Gang um the thing und soundlab herum auf dem nahen Clubschiff Frying Pan: Dort streamte man die New Yorker Subway Series live zurück in den ruckeligen ASCII-Graphic Modus. Retro, it’s still alive!

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Elektronische Lebensaspekte.