Wie sieht eigentlich das Verhältnis zwischen Internet, privaten Usern, globaler Wirtschaft und nationalen Regierungen aus? Wer regiert das Internet? Sascha Kösch startet erste Schritte zu einem Verständnis der Netze, das so hybrid ist wie die Netze selbst.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 37

Wer regiert das Internet?

Love Me Do.

Oder sollte es vor allem lauten, warum? Nach “I Love You” möchte unser etwas schüchterner Law and Order Mann und Askesedesignfan Schily jetzt am liebsten jeden noch so kleinen Pup im Netz überwachen lassen. Könnte ja ein böser Pup sein. Totale Kontrolle sollte man ins Grundgesetz schreiben. Wenn sich alle Probleme bereiten, dann ist die brachialste Lösung immer hoch im Kurs: Minuten, nachdem die Bundesregierung gehört hat, dass es so etwas wie Echelon gibt, will sie es selber auch machen.

Geheiminformationen, per se erst mal alle also, kennen kein Filesharing. Aber schliesslich hat man es ja mit Computern zu tun, da packen wir das einfach mal so an. Die Industrie bedankt sich, weil sie vor lauter Verschlüsselungsproblemen gar nicht mehr weiss, wie das alles überhaupt gehen soll. Wenn man in einem Überwachungsstaat Geschäfte machen will, ist das schliesslich ein anderes Businessmodell. Profitieren können bei alldem wie immer die Anwälte (finanziell), Amtsinhaber (in Wählerstimmen) und Hilfspolizisten (nie wieder Streife), aber natürlich auch Sicherheitsexperten. Jeder nutzt die Situation einfach so gut er kann, nach uns die Infokalypse.

Ich bin draussen, puh.

Bill Gates bringt es mit der doppeldeutigen Drohgebärde des kleinen grossen Mannes auf den Punkt: Wenn ihr Microsoft splittet, dann gibt es noch viel mehr Viren. Der Mörder im Outlookexpress war natürlich der Student, ödipal im falschen Jahrhundert und auf der falschen Erdhälfte herumhinkend. Aufregend ja, schliesslich sind wir “erlebnisbereite Jugendliche” (so die Berliner Polizei), spannend aber nur als Medienkritik, notfalls an sich selber, wenn man allen ausgehenden Mails mit Virus hinterhertelefonieren musste. Auf die Frage nach dem “Warum?” gibt es also wie immer die typischen Antworten, die man wahlweise mit dem Wo (Medien, Gerichte, Geld) oder dem Wann (Medien, Gerichte, Geld) kreuzen kann, heraus kommt immer nur ein wackeliges, vielsagendes “Wie”.

XS4ALL

Also vielleicht doch lieber “wer” fragen? Der allgemeine Glaube an Kontrolle (und damit an das Politische im allgemeinen) geht bei der Frage nach einem Besitz zunächst am liebsten von zwei Optionen aus. Der Staat, die Industrie. Klar scheint zu sein, dass Kontrolle der letztliche Besitz schlechthin ist und Macht Eigentum begründet – auf mystische Weise oder nach dem psychologischen Prinzip der bösen alten Männer.

Wie aber, wenn man der Frage nach der Kontrolle (und die nach dem Besitz dieser Kontrolle und damit allem, was man besitzen kann), nicht gleich mit Antworten begegnet, die identifikatorisch nach Gut und Böse in einem System suchen, das sich in einer solchen Klassifizierung weder wiederfindet noch erklären lässt? Dann liesse sich das Offensichtlichste endlich als aktiver Faktor implementieren.

Löst man zum Beispiel das Internet von den es scheinbar kontrollierenden Mächten als aktiven Faktor ab, dann sieht man schnell, dass es nicht das In-Anschlag-Bringen des Netzes mit all den darum gebildeten Ideologemen ist, das von der einen oder anderen Seite eine gewünschte Verteilung der Macht von Staat auf Industrie oder andersherum in Gang setzt, sondern dass es sich in seiner multiplen Entwicklung und in den daraus resultierenden Geschwindigkeiten gegen beide sträubt und beide zu Handlungen zwingt, die nicht nur erstaunlich unvorbereitet (“wie jetzt?”) auf beiden Seiten sind, sondern vor allem einer Motivation folgen müssen, die von einer “Macht” diktiert wird, hinter der keine Subjekte auszumachen sind, nicht mal eine Macht, die man als solche verstehen könnte, sondern eben das, was z.B. bei Deleuze Guattari “Agencement” heisst, ein Rahmen, der nicht nur die Szene ist oder zeigt, auf dem sich der digitale Kapitalismus abspielt, sondern der die “Inhalte” dieser Szene zum grossen Teil vorgibt, der gleichzeitig Mitspieler, Spielregel und Spielfeld ist, keins davon aber in der Sicherheit einer Strategie, die man nur entdecken müsste, damit man am Ende als Gewinner dasteht.

Es wird dann durchaus plausibel, dass das Netz nicht nur einerseits die in Deutschland anhand von Einwanderung (Inder) geführten rassistischen Diskussionen verursacht und antreibt, sondern vor allem die Themen des Territorialen, des Nationalen, des Globalen usw. in eine Stellung bringt, in der plötzlich weder Staat noch Industrie wissen, wie sie dem begegnen sollen. Ausser mit einer performativen Steigerung der eigenen Macht. (So wie das Fazit des Kongresses für “Regieren im 21ten Jahrhundert” von keinem besser ausgedrückt wurde als von Gerhard “ich glaube” Schröder, der schlicht, aber nicht unüberzeugend, meinte: Wir brauchen mehr Politisches.) Die Strategien gegen Internetkriminalität, die Strategien für eine globale Weltwirtschaft, für das Bewahren regionaler Unterscheidbarkeiten, die Strategie Europa, Amerika usw. Alles befindet sich plötzlich in einer Weise ausgespielt, dass die Widersprüchlichkeit der Entgegnungen auf der Ebene der “alten Mächte” immer offensichtlicher wird. Was früher in der Verschwiegenheit eines kalten Krieges den Einsatz verdeckt hielt, heisst heute telekommunikativ: “Hey, Putin hat angerufen, ob wir das mit diesen Schurkenstaaten nicht vielleicht gemeinsam machen wollen.” Der Druck von woanders ist unübersehbar. Aber wer regiert nun eigentlich dieses verdammte Internet. Blöde Frage, aber vielleicht will man es ja einfach nur wissen.

Vorläufige Antworten

Erste Antwort logischerweise also: Weiss sowieso keiner. Zweite: Alle. Dritte: Es sind immer viele. Das ist doch mal eine Grundlage, auf der man über das (Ex- ist man eigentlich schon versucht zu sagen) Internet und wer es kontrolliert nachdenken kann. ãKeiner” wäre dabei die optimistisch-fatalistische Antwort, weil noch nichts wirklich entschieden ist, die Gesetze noch mit einem Kommunikationsbegriff von vor der Nazizeit arbeiten, die “Realität” des globalen Kapitalismus sich immer noch nicht von ihrem Spekulationsschock erholt hat und die User alle Microsoft Outlook benutzen. “Alle” wäre die Businessmodell-Antwort, weil das möchte jeder gern, schliesslich ist das Internet die grosse zu melkende Kuh am Himmel des digitalen Kapitalismus. Mutterkuh und -Milch der Zukunft sozusagen.

Die dritte Variante bleibt also übrig, und genau hier muss aus einer Antwort wieder eine Frage werden, die Frage nach dem “wie funktioniert das” und “wer funktioniert eigentlich wie”, der ein “kann auch wer funktionieren, der nicht wie ein wer funktioniert”, und vor allem ein “wie funktioniert wie” folgen muss? Die vorläufige Szene wäre, dass das Internet uns regiert, auf noch nicht absehbare Zeit und in einer Weise, in der das Internet nicht das globale, das Eine sein kann, für das man es in den Expo-, Regierungs-, OpenSource-, Kapital-Märchen so hält, das der Unentschiedenheit, der Verworrenheit, in der sich am besten je nach eigenen Vorlieben Machtstrukturen so biegen lassen, dass man selber auf der guten Seite steht, sondern das Internet der vielen, sich ständig verändernden Vernetzungen, an dessen Knotenpunkten Software, Menschen, Musik, Kopien, Wirklichkeiten und Fiktionen nicht einfach so zirkulieren, sondern in bestimmten bestimmbaren Arrangements, deren Bestimmung jeweils weitere neue Arrangements in Gang setzt.

Ein Internet, in dem offensichtlich Napster als Programm eben soviel Impact besitzt wie die neuste EU Richtlinie oder visionäre Vernetzungstrategien wie Freenet. Solange auf breiter gesellschaftlicher Basis keine Kommunikation darüber stattfindet, was eine Portierung der Macht in die Netze an Veränderungen für die einzelnen, sicher geglaubten Machtobjekte wie Eigentum, Staat, Wirtschaft, Individuum, Information usw. geben wird, solange man versucht, dem Internet mit Objekten und Personen, mit Mythen von Realität oder Fiktion zu begegnen, die dann eh wieder nur in ihm zirkulieren, und solange man nicht daran arbeitet, ein Verständnis der Netze zu entwickeln, das so hybrid ist wie die Netze selbst, und so aktiv selber Vernetzungen schafft, solange kann man sich vermutlich eben vorläufig mit der Antwort zufrieden geben, dass das Netz uns regiert, auch wenn es viele sind. Wer also, wie ich, immer schon ein ungutes Gefühl bei der Vorstellung einer Weltregierung hatte, der dürfte froh sein, dass es sie im Grunde längst gibt, vor allem aber, dass sie machbar ist, so unvorstellbar sie auch scheint.

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Elektronische Lebensaspekte.