Webseiten, die jeder Leser nach Lust und Laune ändern oder löschen kann. Wikis machen es möglich. Was Webmastern den Angstschweiß auf die Stirn treibt und Kontrollfreaks schlaflose Dienststunden bereitet, wird von fortgeschrittenen Geistern als ideale Möglichkeit der Projekt- und Gruppenarbeit genutzt. Und eines Tages werden die kleinen Wikis die Welt retten.
Text: Mario Sixtus aus De:Bug 72

WikiWiki
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Destruktivität ist eine Kraft, deren Größe in Qualität und nicht in Quantität erfasst wird. Ein einziger besoffener Dummschwätzer an der Kneipentheke, der einen mit seinem Sprechdurchfall zuschwallert, genügt vollkommen, um einen die hundert freundlichen Leute, die ebenfalls noch im Raum sind, komplett vergessen zu lassen. Fünfzig Idioten mit Feuerwerkskörpern haben in einem prallgefüllten Fußballstadion genug destruktives Potenzial, um durch simples Drücken der Massenpanikfunktionstaste die restlichen 50.000 Zuschauer in den Zustand der akuten Lebensgefahr zu transferieren. Eine Hand voll Studenten und Tagelöhner haben es 2001 geschafft, mit Hilfe von Teppichmessern und Koranversen die USA von einem einigermaßen funktionierenden Rechtsstaat in einen Völker- und Bürgerrechte ignorierenden Polizeistaat zu verwandeln. Zerstörung ist kein demokratischer Prozess, hierbei regiert die Minderheit die Mehrheit.

Digitalvandalen
In der Online-Welt nennt man diese Störenfriede Trolle. Es sind Nörgler, Klugscheißer, Dummschwätzer, Fäkalausdruckbenutzer, Angraber, Kampfposter, Spammer und anderes Gefleuch. Kein Gästebuch, kein Forum und keine Mailingliste ist vor Trollen sicher. Zielsicher finden sie immer genau die Themen und Formulierungen, die das höchste Empörungs- und somit auch Reaktionspotenzial besitzen. Sie schaffen es oft in nur wenigen Tagen, die User einer Community so sehr zu nerven, dass diese frustriert von dannen zieht und so schnell nicht mehr wiederkommt. Wer in drei Browsers Namen sollte also auf die gelinde gesagt mutige Idee kommen, eine Website ins Netz zu stellen, die jeder zufällig vorbeistreunende Digitalvandale mit wenigen Klicks problemlos verstümmeln und ins Chaos stürzen könnte?
Nun, wie wäre es mit Tim Berners-Lee? Der hat das Web schließlich seinerzeit als Wikimöglichkeit erfunden und von Beginn als ein Medium geplant, in dem der Leser nicht nur Leser, sondern auch noch Lektor, Redakteur und Autor ist. Gemeinsames Arbeiten an Dokumenten aller Art sollte das Web ermöglichen. In seinem Buch “Weaving the Web” betont er ausdrücklich: “Das Web editieren zu können ist genauso wichtig, wie durch es zu browsen. ” “Zu gewagt,” mögen da die Kontrollierenwoller gedacht haben und statteten uns stattdessen mit dem Nur-Lese-Browser aus, den wir grundsätzlich noch heute auf dem Schirm haben.
Spätestens als dann große Konzerne und kleine Spinner (manchmal auch anders herum) meinten, im Internet könnte jeder Millionär werden, und als Markenartikler anfingen, sich die Bestellbuttons für ihre Webshops von Designerhand CI-konform per Laubsäge schmirgeln zu lassen, verkam das Web endgültig zur Einbahnstraße. Der User sollte konsumieren, kaufen, buchen. Dafür braucht er Formularfelder, in die er seine Kreditkartennummer reinschreiben darf, und einen Knopf, auf dem “Bestellen” steht. Das muss als Interaktion vollkommen ausreichen. Punkt. Diese Denkweise findet sich bis heute in mannigfaltiger Enduser-Technik wieder, beispielsweise bei ADSL, dass in der Senderichtung schließlich auf ein Viertel der Empfangsbandbreite reduziert wurde. Der User als Sender ist nicht gefragt. Empfangen soll er. Jawoll.

Was ist das, Wiki?
Mit dem Personal-Publishing-Gedanken der Weblogs wächst nun langsam die Gegenbewegung derer, die das Internet nicht als ein weiteres Einweg-Medium begreifen. Und auch aus anderen Nischen wuchern fröhliche kleine Ideenpflänzchen hervor: beispielsweise Wikis. Ein Wiki ist eine Sammlung dynamischer Webseiten, deren Inhalt von jedem Leser korrigiert, verfeinert, verbessert, ergänzt oder sogar gelöscht werden kann. Neue Seiten und Querverweise erzeugt man durch das simple Eintippen von WikiWords.
Wenn du den Satz “Ich lese DeBug” in das Editier-Feld einer Seite schreibst, löst das beispielsweise dreierlei aus: erstens entsteht innerhalb des Wikis eine neue Seite namens “DeBug”, zweitens wird auf der Seite, die du gerade bearbeitest, ein Link dorthin erzeugt und drittens hast du bewiesen, dass du deine Papierlektüre mit Verstand und Geschmack auswählst. Ein Klick auf diesen Link erlaubt es dir, die entsprechende DeBug-Seite mit Inhalt zu füllen, und falls du gerade zu faul dazu bist oder dir nichts Geistreiches einfällt, ist das auch nicht schlimm, denn Links zu noch nicht existierenden Seiten werden automatisch mit einem Fragezeichen gekennzeichnet, so dass sie gleichzeitig die Funktion von To-Do-Listen erfüllen und signalisieren, hier besteht noch Handlungsbedarf. Noch ein lustiger Effekt: gibst du dieser neuen Seite den nahe liegenden Titel “Elektronische Lebensaspekte”, so verwandelt sich diese Wortkombination auf allen vorhandenen und zukünftigen Seiten in einen Link auf eben diese Seite. Das ist Netz!
Zu diesen Grundfunktionen kommen beim klassischen Wiki noch ein paar simple und rudimentäre Formatierungsmöglichkeiten, eine Datei- und Image-Upload-Möglichkeit und das war es dann auch schon. Ein paar Kilobyte Script reichen aus und rasend schnell erzeugen kreative Benutzer ein Informationsgeflecht aus Hunderten oder Tausenden von Einzelseiten.
“WikiWiki” ist hawaiianisch und heißt so viel wie “schnell, schnell”, oder um es besser und mit Hans Rosenthal selig zu sagen: “Dalli Dalli”. (“Diskussion” heißt auf hawaiianisch übrigens “KükäKükä”. Das hat zwar nichts damit zu tun, aber ich musste es einfach loswerden.)
Die Geschichte der Wikis beginnt im Jahre 95 des vorigen Jahrhunderts, als der Software-Entwickler Ward Cunningham unter http://c2.com/cgi/wiki ein kleines Perl-Script installierte, das es erlaubte, den Inhalt dieser Seite mittels eines simplen Formularfeldes zu ändern. Unter dieser Adresse kann man das Ur-Wiki übrigens heute noch bewundern – und verändern. Aber – und hier beginnt das Phänomen – keine Spur von Vandalismus auf des guten Mannes Seiten. Dabei wäre es doch so einfach ein paar schnelle Links auf irgendwelche Titten-Server oder “Diz ZitE WaS hAckEd by Ne0” dort zu hinterlassen. Auch sämtliche anderen Wikis, die mir bisher auf den Screen kamen, befanden sich allesamt in hervorragendem Zustand und hatten ihre schönsten Sonntagskleider an. Merkwürdig. Keine Trolle mehr im Netz? Alle Menschen sind auf einmal freundlich und gut geworden? Das kann nicht sein und das ist auch nicht so.

Wegradiert
Eine wichtige Funktionalität der Wikis besteht in der Möglichkeit, die letzten Versionen einer Seite problemlos wieder herzustellen und sich über Differenzberechnungen präzise anzeigen zu lassen, was wann verändert wurde.
Sicherlich treiben sich auch in Wikis Störenfriede und Idioten herum, wer aber fünfzig mal “Wer das liest ist doof” auf eine Seite geschmiert hat, nur um festzustellen, dass diese (offensichtlich unwahre) Behauptung nach kürzester Zeit wieder verschwunden ist, der nervt lieber weiterhin die Leute im Webforum für armenische Kochrezepte.
Innerhalb von Wikis wird der kontrademokratische Effekt, den Zerstörungskraft ansonsten von Haus aus besitzt, schlicht und ergreifend außer Kraft gesetzt. Solange die Mehrheit der User es nicht will, bekommt man ein Wiki nicht kaputt. Ein kleines Script rührt an den Grundfesten unserer sozialen (Un-)Ordnung. Faszinierend. Genauso wie die Erkenntnis, dass es offensichtlich tatsächlich so etwas wie menschliche Vernunft gibt. Zumindest in Gruppen.
Ein Wiki ist eine einzige vertrauensbildende Maßnahme, die serverseitig installiert wird. Wikis sind das digitale Kindchenschema und wecken mit ihrer offen eingestandenen Verletzlichkeit unseren werkseitig im Stammhirn eingebauten Beschützerinstinkt. Wer würde einem niedlichen, hilflosen Wiki etwas Böses antun? Und Wikis sind noch viel mehr: Sie sind der Gegenentwurf für die Form des gemeinschaftlichen Arbeitens, die von gigabyteschweren Office-Applikationen abhängig ist, welche für 98% aller praktischen Anwendungen sowieso gnadenlos überdimensioniert sind. Wikis folgen dem Leitsatz des Extreme Programmings, der da lautet: “Do the simplest thing that can possibly work.” Text, Grafiken, Links, ein Feld zum Bearbeiten und eins für die Volltextsuche – was benötigt man mehr zur asynchronen kollaborativen Team-Arbeit?

Wiki und Wissen = Wikipedia, beispielsweise
Wiki-Systeme eignen sich hervorragend zur Wissensarchivierung und Wissensbildung. Oft werden sie projektbezogen und in geschlossenen Gruppen oder internen Netzen bereitgestellt. Ihr Einsatz vereinfacht das gemeinsame Verfassen einer Hausarbeit genauso wie die Nachbesprechung eines unternehmensübergreifenden Projektes, und selbst bei der Planung von Betriebsfeierlichkeiten soll sich der Gebrauch schon gelohnt haben.
Das umfangreichste und bekannteste Projekt dürfte wohl Wikipedia sein. Der Versuch, nichts Geringeres als das Wissen der Welt in einer Wiki-Enzyklopädie unterzubringen. Zur Zeit umfasst die englische Version rund 120.000 Einträge und die deutsche Ausgabe weist immerhin auch schon ca. 15.000 Schlagwörter auf. Aber nicht nur der Umfang, auch die Qualität der Artikel nimmt ständig zu, da pausenlos Fehler ausgemerzt und Formulierungen optimiert werden. Und hier kann erneut ein witziges Phänomen beobachtet werden, für das es in der restlichen Welt kaum eine Entsprechung gibt: in Wikis kann man Quantität mit Qualität gleichsetzen. Mehr Leser bedeuten gleichzeitig auch mehr Autoren, die ihr jeweiliges Wissen mitbringen und so wiederum mit jeder Überarbeitung das Baby hübscher herausputzen, was wiederum mehr Leser anzieht usw.

Das Bundes-Wiki
Wikis sind der ideale Nährboden für Selbstordnung oder Selbstorganisation.
Aber nicht jeder kommt gleichgut mit den kleinen Tierchen klar. Die Abwesenheit einer klassischen Navigationsleiste und das Fehlen von jeglicher Informationshierarchie überfordert so manches klassisch strukturierte Hirn. Zufällig stieß ich im Netz einmal auf den Erfahrungsbericht eines Lehrers, der mit Wikis im Unterricht experimentiert hatte. Genervt berichtete er dort, dass die Wiki-Struktur irgendwann so kompliziert geworden sei, dass er sich nicht mehr darin zurechtgefunden habe. Tja, Herr Oberstudiendirektor, falscher Denkansatz: die Struktur ist nicht kompliziert, es gibt gar keine! Der Link ist die Struktur. So einfach ist das.
Diese Tatsache, gemischt mit dem Angstschweiß der Kontrollfreaks und dem entsetzten Panikblick des Systemadministrators, mag der Grund dafür sein, dass Wikis bisher nur langsam den Weg aus der Nische finden. Immerhin: bei Motorola tummeln sich fünf Exemplare im Intranet und auch Disney und SAP haben erste Wiki-Familien in ihre Firmennetze ausgewildert.
Dabei gibt es unendlich viele Möglichkeiten, wo die Tierchen einen bei der Arbeit unterstützen könnten: ein gemeinsam verfasster Roman oder ein offen erarbeitetes Drehbuch – warum nicht? Und wo ist die Zeitschrift, die ihren Lesern die Möglichkeit gibt, gemeinsam den “Beitrag des Monats” wikiwiki zu erarbeiten?
Und wo wir das Fass schon mal aufgemacht haben, können wir den Hahn auch ruhig mal vollständig aufdrehen, erst einen tiefen Schluck, dann Anlauf nehmen, abspringen und – wir landen: bei der Demokratie an sich.
Statt Gesetzes- und Reformvorschläge von Lobbyistenverbänden, Gewerkschaften und sonstigen Bewegungsverweigerern so lange kleinsägen zu lassen, bis von den ursprünglichen Intentionen nichts mehr übrig bleibt, stellt die Regierung die Vorschläge einfach ab sofort ins öffentliche Bundes-Wiki, lässt die Bürger darauf los und schaut nach einiger Zeit nach, wie die Pflänzchen sich entwickelt haben. Die Installation übernehme ich gerne. Den Rest macht Ihr.

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Elektronische Lebensaspekte.