Der ADHS-Politiker über GEMA-Tube, Urheberrecht und wie das alles bei den Aborigines funktioniert
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 163

Christopher Lauer: Der aus der Talkshow, der heimliche Piratenkapitän, der ADHS-Politiker mit der Yves-Saint-Laurent-Brille. Aktuell fällt jedem etwas zu Lauer und Lauer etwas zu allem ein, so scheint es jedenfalls. Der 27-Jährige ist innen- und kulturpolitischer Sprecher der Revolutionsfraktion im Abgeordnetenhaus und der einzige Pirat, der aussieht wie von dieser Welt. Manche murmeln bereits den Joschka-Fischer-Vergleich: genauso scharf formulierend, genauso geltungssüchtig. Unvergessener großer Lauer-Satz: “Ich denke selten darüber nach was ich sage”. Vielleicht ist er deshalb genau der Richtige um sich ausgiebig über alle Pros und Contras des Urheberrechts zu unterhalten. Während unseres Gespräch in einem gefährlich verlassenen Berliner Abgeordnetenhaus ist sein Tamagotchi gestorben.

Debug: Herr Lauer, stellen Sie sich bitte einmal vor, ich sei ein Aborigines. Können Sie mir das Urheberrecht, bzw. den Sinn von Copyright erklären?

Christopher Lauer: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass Copyright in der Stammesgesellschaft, die also eine Tauschgesellschaft ist, keine Rolle spielt. Da die Gehirne der Stammesmitglieder die Datenträger sind, hat man ausschließlich tradiertes Wissen und es ist natürlich für das Überleben der Gruppe total wichtig, dass man neues Wissen teilt. Wenn ich ein Ureinwohner bin, als Jäger und Sammler lebe und gerade den Speer erfunden habe, der 50 Meter weiter fliegt, dann würde ich das natürlich auch allen anderen sagen, weil am Ende jagen die dann auch mehr Zeug. Es sei denn, ich will es ihnen nicht verraten und verspreche mir davon, dass ich dann mehr Fleisch sammle und dadurch mehr Frauen abkriege. Dann muss ich aber damit rechnen, dass die anderen sich fragen: “Der Jürgen, der hat so einen geilen Speer, wie kommt denn das?”, und dann gucken sie sich den an und kopieren das. Dieser Stamm hat womöglich keine Anwälte und so verbreitet sich dann Wissen in einer solchen Gesellschaft.

Debug: Wie soll der Künstler Geld verdienen, wenn seine Musik im Internet kostenlos angeboten wird?

Lauer: Uns geht es darum, die Rechte des Urhebers gegenüber dem Verwerter zu stärken. Im Moment machen Musiker einen Vertrag mit einem Verwerter auf unbegrenzte Zeit und geben alle Nutzungsrechte für diese Werke ab. Da sagen wir: Statt dem total Buyout, gehen die Verwertungsrechte, und zwar alle, nach 25 Jahren zurück an den Urheber. Wenn es eine kürzere Frist gäbe, zum Beispiel nach zehn Jahren, fände ich das auch gut. Wir haben in Chemnitz einen Beschluss mit unseren Forderungen vorgestellt: Die Legalisierung von Tauschbörsen, Ausweitung der Schranken für Privatkopie und Schaffung abgeleiteter Werke, die Stärkung von Bildungseinrichtungen, Verkürzung von Schutzfristen und die Eindämmung der Abmahnindustrie. Es gibt natürlich auch Hardliner, die sagen, dass man das Urheberrecht komplett abschaffen müsste. Aber das fordern wir nicht mehr.

Debug: Das wäre ja auch noch schöner.

Lauer: Es gibt Leute, die plausibel argumentieren, warum es nicht unbedingt zum Schaden eines Künstlers ist, wenn man das Urheberrecht komplett abschafft, weil man an dieser Stelle tatsächlich einen sehr radikalen Markt hätte, der sich über Angebot und Nachfrage definieren würde. Ich glaube nicht, dass es dafür eine Mehrheit in Deutschland gibt, von daher finde ich, braucht man darüber auch nicht diskutieren.

Debug: Stichwort Torrents. Jan Delay war der Meinung: “Einfach Abschalten, Digger.” Sind das Ideen der Ahnungslosen?

Lauer: Man kann einfach nicht Software von Privatcomputern entfernen, und auch nicht abschalten. Wir sagen: Der gesamtgesellschaftliche Aufwand Filesharing zu kriminalisieren, ist viel höher, als der Nutzen. Es ist ja mittlerweile so absurd, dass es quasi günstiger ist, also im schlimmsten Fall, eine CD im Laden zu klauen, als dieselbe CD über ein Torrent-Netzwerk zu laden und dabei gleichzeitig auch bereit zu stellen. Günstiger, für den Fall, dass ich erwischt werde. Wenn ich in einen Laden gehe, einen Tonträger stehle und dann erwischt werde, kriege ich, als Ersttäter, wahrscheinlich Hausverbot und muss noch eine Strafe zahlen. 40 Euro beim Ladendiebstahl gegen eine Abmahnung von über 400 bis 800 Euro beim Benutzen von Torrent-Plattformen.

Debug: Die Sache ist doch, der Mensch läuft draußen rum und denkt sich: Da sind jetzt Piraten, die kennen sich offenbar besser als andere Politiker mit diesem Internet aus, und trotzdem bieten die mir keine guten Antworten.

Lauer: Das ist ein interessanter Wunsch. Es kann nicht Aufgabe der Politik sein, sich neue Geschäftsmodelle auszudenken. Man setzt die rechtlichen Rahmenbedingungen und dann müssen die Leute mit diesen Bedingungen arbeiten. Aktuell findet eine Schuldverschiebung statt. Wir haben Verwerter, die seit 15 Jahren versäumt haben, sich Gedanken zu machen, wie man Musik adäquat über das Internet verkaufen kann. Jetzt sagt man, schrecklich: diese Kostenlos-Kultur aus dem Internet und ihre politische Vertretung, die Piratenpartei. Man kann sich die Statistiken der Künstlersozialkasse anschauen und was ein Künstler durchschnittlich verdient.

Debug: Etwa 12.000 Euro, nicht?

Lauer: Richtig. Und da sind schon die Künstler dabei, die ein bisschen mehr verdienen, das heißt, wir leben in einer Welt, in der wahrscheinlich schon vor dem Internet 95 Prozent der Künstlerinnen und Künstler von dem, was sie gemacht haben, überhaupt nicht leben konnten. Das hat die Gesellschaft akzeptiert. Jetzt zertrümmert das Internet das Geschäftsmodell von auf physikalischen Monopolen basierenden Unternehmen und es gibt Ärger. Wir machen aktuell Vorschläge zum Urheberrecht und wir stellen Fragen. Zum Beispiel: Warum gibt es kein GEMATube?

Debug: Wie meinen?

Lauer: Wenn doch die GEMA die ganzen Künstler vertritt, YouTube anscheinend so ein Schweinegeld mit dem geistigen Eigentum von ihnen macht, alles so furchtbar ist und es zudem mittlerweile gefühlt drei Milliarden Pornoseiten gibt, die mit Flash funktionieren, oder HTML5, warum gibt es keine GEMA-Seite die sagt: “Okay, liebe Menschen, das ist unsere Webseite, hier sind alle Musikvideos von GEMA-Musikanten drauf, wir schalten Werbung und nach den Klicks wird das Geld an die Musiker verteilt.” Aber wie sollen die Leute Geld verdienen? Zum Beispiel mit Kickstarter oder Crowdfunding. Es gibt die Bereitschaft, Projekte zu unterstützen, auch wenn ich nicht weiß, was mit dem Geld passiert. Da hat das Internet ein riesiges Potential, auch wenn es vielleicht in Künstlerkreisen verpönt ist. Man muss eben auch über Geld sprechen und sich fragen: Wie bringe ich meine Kunst so an den Mann, an die Frau – also auch ein Stück weit Selbstvermarktung – damit ich davon dann leben kann.

Debug: Aber Musik, die ich gut finde, wird zumeist von Verrückten und Geisteskranken gemacht, die können sich wirklich nicht mit solchen Fragen auseinander setzen. Jetzt können wir natürlich sagen, dass solche Musiker einfach nicht mehr relevant und zeitgemäß sind und deswegen können die nicht mehr stattfinden.

Lauer: Nein, das sage ich ja gar nicht.

Debug: Das sagen Sie nicht genau, aber das ist die Folge dessen was Sie sagen. Also schließt sich jetzt die Frage an: Haben Sie nie das Gefühl, einen Fehler damit gemacht zu haben, bildende Künstler, Musiker, Autoren, Verleger, Produzenten, Veranstalter strikt auseinander zu dividieren. Geht das nicht an der Wirklichkeit vorbei, in der Urheber offensichtlich immer noch ziemlich gerne mit Verwertern zusammen arbeiten?

Lauer: Der springende Punkt ist doch, dass der durchgeknallte Künstler, der grenzwertige Musik macht, heute auch keinen Plattenvertrag von einem Majorlabel bekommt, oder? Und selbst wenn, glaube ich, dass durch das Internet die Wahrscheinlichkeit viel größer ist, dass Menschen auf ihn aufmerksam werden. Es spricht auch niemand die Existenzberechtigung von Verwertern ab, nur ist es in der Regel so, dass ein ziemliches Ungleichgewicht zwischen dem Label und dem Künstler besteht. Interessant ist doch: Während der Debatte ist der Fokus auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern gerückt. Die sind aber schon mit dem jetzt bestehenden Urheberrecht problematisch. Wenn ich wirklich etwas verändern wollte, auch als Künstler, dann würde ich mich als erstes an diejenigen wenden, die die Gesetze ändern können und das sind im Moment CDU und FDP, die in dieser ganzen Debatte überhaupt nicht vorkommen, außer, dass sie sagen: “Auja, geistiges Eigentum, das ist total wichtig.”

Debug: Der klassische Fall: Ich bin 15 Jahre alt, hab kein Geld, will aber das neue, sehr gute Album der Band Chromatics haben. Hier nun die Servicefrage an Sie: Wie soll ich das anstellen, wo kann ich jetzt in Ruhe laden?

Lauer: Ich würde das als erstes einmal googlen. (Zückt sein Handy) So C-h-r-o-m-a-t-i-c-s. … Free Listening, Videos, Concerts, Künstlerseite, Biography, Motor.de …Jetzt bin ich erst einmal auf der Wikipedia-Seite. Die kommen also aus Seattle und machen Synthie-Pop. Wo ist denn deren Webseite? Ihr Label ist offensichtlich Italians Do It Better, ah da. Jetzt gehen wir auf die offizielle Website – die ist offenbar eine Facebook-Seite, das ist ja ziemlich Indie. Zudem kann ich offenbar auf YouTube schon relativ viel von denen gucken, das ist doch positiv. Jetzt steht hier: Free Music, Tour Dates, Videos. Die haben sogar noch eine MySpace-Seite, Wahnsinn! So, auf MySpace kann ich mir dann auch erst einmal fünf Lieder von denen anhören und diese Lieder … Bitte logge dich ein, oh Gott, bring Chromatics to Germany. Ergebnis: Schlecht ist, dass ich bis jetzt noch keinen Link “kaufen” gefunden habe, gut ist: Ich habe aber auch noch keinen Link gefunden: “lad es dir illegal runter”. Aber jetzt könnte ich mal auf iTunes gehen und schauen. So: C-h-r-o-m-a-t-i-c-s, “Kill for Love”. Naja, da kostet das Album neun Euro, für 17 Lieder. Ich weiß zwar nicht, wofür ein 15-Jähriger sonst sein Geld ausgibt, aber neun Euro finde ich okay. Aber noch einmal: Angenommen ich wäre Künstler und hätte eine Platte oder ein Buch gemacht, dann würde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, dass auf meiner Webseite dieser kleine Knopf erscheint, damit die Leute das kaufen können.

Debug: Es gibt einen erstaunlichen Gleichgang zwischen Forderungen der Piraten und Internetkonzernen wie Google und Facebook. Finden Sie das überraschend?

Lauer: Natürlich profitiert ein Konzern wie Google davon, wenn Schutzfristen verkürzt werden, weil die sich dann nicht mehr um Rechte kloppen müssen. Allerdings sind wir bei den Datenschutzgeschichten von Facebook und Google sehr kritisch. Es gibt sicher Überschneidungen, aber die Beweggründe sind verschieden. Google und Facebook wollen Geld verdienen, wir sagen: “Leute, es geht auch um ein gesellschaftliches Gut und davon muss auch die Gesellschaft profitieren können.”

Debug: Haben Sie gelegentlich selber Angst vor Technik?

Lauer: Nö.

Debug: Ich glaube, die Technikgläubigkeit der Piraten macht den Menschen Angst. Das stand zum Beispiel im Spiegel: “Die Piraten treibt keine Idee an, sondern der Glaube an die Macht der Technik.” Klingt das nicht irgendwie scheiße?

Lauer: (Blickt auf sein Handy) Oh nein, mein Tamagotchi ist gestorben.

Debug: Waaas? Wie lange hat es gelebt?

Lauer: Jetzt bald 100 Tage. Ich habe es einfach über den Bundesparteitag nicht gefüttert.

Debug: Traurig jetzt, oder kommt morgen ein neues?

Lauer: Ich befürchte, ich deinstalliere die App wieder. Es ist wohl an seinem eigenen Kot erstickt. Zu dem Satz aus dem Spiegel: Das ist genau so ein Bullshit. Natürlich treibt uns eine Idee an, und zwar die Neutralität des Internets, und dass man dieses Anliegen auf möglichst viele gesellschaftliche Bereiche überträgt. Es geht dabei um Zugang und Teilhabe an der Gesellschaft; es geht um Fragen wie: Wie lebt man in einer Gesellschaft, die sich mit Ressourcenknappheit auseinandersetzen muss? Wie sieht Arbeit im 21. Jahrhundert aus, wenn wir auf der einen Seite eine wahnsinnige Automatisierung und Rationalisierung haben und auf der anderen Seite Leute, die nicht mehr wissen, was sie machen sollen, aber gleichzeitig diese Rationalisierungsgewinne und Produktivitätszuwächse durch Maschinisierung nicht wieder in das Sozialsystem übergehen? Wir haben keine Lust mehr auf den bisherigen Politikstil und dann wird uns vorgeworfen: “Naja die Piraten, die streiten immer nur darum, wie etwas getan werden soll und nicht was getan werden soll.” Aber wenn ich eine Brücke baue, frage ich mich auch erst einmal, wie ich sie baue und nicht was ich baue.

Debug: Wann haben Sie zum ersten Mal und wann zum letzten Mal Geld für Musik ausgegeben?

Lauer: Das erste Mal wohl mit 14 für CDs von den Ärzten und zum letzten Mal habe ich mir tatsächlich bei iTunes wiederum das Album Rock’n’Roll Realschule von den Ärzten gekauft, weil das auch nur noch neun Euro kostet.

Fotos: Andreas Chudowski

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