Netzwerke sind wie Sex, das müssen auch junge Menschen verstehen aus De:Bug 158


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Über-Blogger und Sci-Fi-Autor Cory Doctorow erklärt in seinem aktuellen Buch “For The Win”, wie man mit digitalen Tools zum handelnden Subjekt der Globalisierung wird. Seine Zielgruppe ist dabei die Jugend, der neue Roman ist nach “Little Brother” sein zweites Buch für junge Erwachsene. Im Interview gibt er unterdessen den Internet-Radikalinski, den wir bei Piratenpolitikern heute so schmerzlich vermissen.

Von Thaddeus Herrmann und Anton Waldt

Doctorow hat dieser Tage ohne Frage Oberwasser: Die Wirklichkeit folgt brav den Szenarien seines aktuellen, ganz knapp in der Zukunft spielenden Buchs “For The Win” und Doctorows Lieblingsthema der digitalen Graswurzel-Organisation entwickelt sich fortlaufend prächtig, von Anonymous-Aktionen über das Revival klassischer Gewerkschaften bis zur weltweiten Occupy-Bewegung. Entsprechend dynamisch ist der 40jährige Mitbegründer des Super-Blogs Boing Boing unterwegs, als wir ihn zum Interview in einem Berliner Hotel im Zentrum der Disney-World-Zone Berlin-Mitte treffen. Unter einem effektheischend an der Lobbydecke schwebenden XXL-Aquarium legt Doctorow ohne viel Federlesen los und dabei ein Tempo vor, dass uns die Ohren schlackern. Bis die Getränke kommen, plaudern wir über “For The Win”, aus dem er vor dem Gespräch in einem Berliner Gymnasium gelesen hat. Es geht um Gamer aus Mumbai, Shenzhen und Singapur, die sich in den digitalen Bergwerken von Online-Rollenspielen als “Goldfarmer” verdingen und sich gegen ihre brutalen Chefs und fiese Game-Konzerne auflehnen. Dabei spielen natürlich die virtuellen Ökonomien der Online-Spiele wie World of Warcraft eine zentrale Rolle, weshalb “For The Win” ins Jahr der verschärften Finanzkrise passt wie der Bonus aufs Bankerauge.

Debug: “For The Win” ist dein zweites Buch für …

Cory Doctorow: … junge Erwachsene.

Debug: Ist das der Begriff, den du verwendest?

Doctorow: Das ist der offizielle Begriff, den die Verlage verwenden. Er passt aber auch besser als das englische “juvenile”. Da ist der “delinquent” nicht weit und außerdem kann man das Wort auch negativ einsetzen: Don’t be so juvenile, da möchte ich nichts mit zu tun haben.

Debug: Was macht diese Zielgruppe und das Genre so interessant für dich?

Doctorow: Jugendromane sind eine große Leidenschaft von mir, ich lese sie selber sehr gerne. Und junge Menschen bieten uns Autoren so viele Möglichkeiten für unsere Geschichten. Sie probieren Dinge aus, sind neugierig. Kollegen von mir haben das immer wieder erzählt, was für eine befreiende Wirkung es hat, sich so ganz unbefangen einem Thema zu nähern. Und junge Menschen sind ein sehr dankbares Publikum. Kids lesen, um die Welt zu verstehen, nehmen Bücher viel ernster. Wenn dir Kinder sagen, dass ihnen dein Buch nicht gefallen hat, wollen sie mit dir darüber diskutieren, die Kritik macht dir viel mehr zu schaffen, du lernst selbst viel dabei. Das ist einfach großartig.


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Debug: Das klingt nach einem Widerspruch. Kinder nehmen Bücher ernst? Facebook hier, Chat da, Playstation zwischendurch: Der Jugend wird doch allerorts der Verlust der Konzentrationsfähigkeit vorgeworfen.

Doctorow: Und dann spielen sie eben doch 16 Stunden World of Warcraft am Stück. Das stimmt doch einfach nicht. Ich denke eher, dass sich die Themen von Jugendbüchern nicht entsprechend entwickelt haben. Als ich ein Kind war, lasen wir alle “Steal This Book” von Abbie Hoffman, eine Art Handbuch für die Welt da draußen, von der wir keine Ahnung hatten. Wir gründet man am besten eine Kommune, wo gibt es umsonst Essen, wie funktioniert dies, wie das. Wissen war teuer, also schwer zu recherchieren. Heute kann man zwar alles googlen, dafür braucht man aber die richtigen Suchbegriffe. Und Romane können diese Suchbegriffe liefern, Jugendliche für ein Thema begeistern, das sie spannend finden, inspirierend.

Debug: Deine Romane spielen seit geraumer Zeit nicht mehr in der Zukunft, sondern mehr oder weniger in der Jetztzeit. Ist Science Fiction vorbei? Thema und die Verstrickungen der Charaktere in “For The Win” in den Online-Spielewelten ist ja bereits Realität.

Doctorow: Ich mache beides. Gerade habe ich eine Kurzgeschichte veröffentlicht, die 50 Millionen Jahre in der Zukunft spielt. Aber es stimmt schon: Das Grundproblem bei Science Fiction war für mich immer, dass die Vorhersagen fast vollständig falsch waren. Natürlich kann es sein, dass Motorola das Klapp-Handy bei Raumschiff Enterprise abgeschaut hat, aber in der Regel liefert selbst ein Horoskop die besseren Ergebnisse, wenn man etwas über die Zukunft wissen will. Science Fiction kann aber Inspirationen liefern, um mit bestimmten Dingen umzugehen. Orwell zum Beispiel hat die Stasi zwar nicht vorausgesagt, stattet uns aber mit einem Vokabular aus, um darüber angemessen zu sprechen. Und ganz ehrlich: Inspiration ist mir immer lieber, als eine halbherzige Voraussage. Ich schreibe Romane, in denen ich mit dem Einfluss von Technik auf unsere Gesellschaft auseinandersetze. Und dazu muss man der Geschichte keinen futuristischen Rahmen geben.

Debug: Aber es muss doch praktisch sein, dass die Gegenwart immer unvorstellbarer wird.

Doctorow: Natürlich. Und: Die Gegenwart vorauszusagen ist nicht minder kompliziert. Das Goldfarming aus “For The Win” gab es natürlich schon, als ich das Buch geschrieben habe, aber das Ausmaß dieser Industrie ist seither explodiert. Und dieser Makro-Blick erklärt lässt hoffentlich auch Rückschlüsse auf andere wirtschaftliche Entwicklungen und Probleme zu. Ich schreibe so ein Buch nicht, um hinterher klare Schuldzuweisungen im Fall von Griechenland auszusprechen, es geht mir vielmehr darum, sich einem Phänomen auf ganz naive Weise zu nähern. Nimm eine Phänomen, pack es in eine Zeitkapsel, schick die in die Zukunft, und lerne dabei, wie sich etwas entwickeln kann. So arbeite ich.


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Debug: 2011 war ein Doctorow-Jahr par excellence. Viele “deiner” Themen haben die Welt beschäftigt: Widerstand, sich organisieren, Lösungen für alte und neue Probleme finden. Berg, Prophet, was zur Hölle war eigentlich los?

Doctorow: 2011 haben mehr Menschen mehr bewegt, ohne sich dabei institutionell zu organisieren. Dieser Trend ist seit einigen Jahren spürbar, aber waren es in der Vergangenheit Phänomene wie Wikipedia oder Linux, reicht die Bandbreite dieses Jahr von Anonymous über Al-Qaeda bis zu Kickstarter und den Menschen, die sich entschieden haben, die 1,2 Millionen Dollar Steuernachzahlungen für Ai Weiwei zu bezahlen. Uns fehlt das Vokabular, um diese Zusammenschlüsse angemessen zu beschreiben. Die Anonymous-Gruppe. Die gibt es nicht. Die Anonymous-Organisation. Nein. Die Menschen, die sich Anonymous nennen. Ja, einige nennen sich so. Wir können das schlicht und ergreifend nicht in Worte fassen. Und wenn wir diese Phänomene nicht beschreiben können, lässt sich auch darüber nicht angemessen diskutieren. Und doch sind es keine Zufälle. All das ist geplant und beschreibt ein kollektives Anliegen. Damit kann unsere Gesellschaft nicht umgehen. Wir können Parteien beschreiben, andere Organisationen, aber Menschen, die sich ohne ein institutionelles Netz zusammenschließen rutschen durch, wir sind darauf nicht vorbereitet. Und doch sind die Konsequenzen weitreichend. Erschwerend hinzu kommt, dass wir erst am Anfang dieser Bewegung stehen.

Debug: Eine Essenz deiner Bücher kann man als Strategie für diese neuen Allianzen ummünzen: organisiert euch.

Doctorow: Das muss aber sachte geschehen. Bittorrent zum Beispiel: Gegen ein Server-Netzwerk konnte man nicht klagen, gleichzeitig konnten die Filesharer aber auch keine Lobby-Arbeit betreiben, um die Gesetzgebung zu ändern. Der Drahtseilakt besteht darin, einerseits mit Institutionen zusammenzuarbeiten, sich gleichzeitig aber nicht genauso zu organisieren und über kurz oder lang mit den Negativeffekten solcher Strukturen die eigentliche Message zu verwässern. Die Suche nach dieser Balance hat gerade erst begonnen. Die Möglichkeit, mit Parteien, Lobby-Gruppen, Regierungen, Abgeordneten zu kommunzieren, muss genutzt werden. Wenn die Occupy-Bewegung den Staat ignoriert, dann kann man das toll finden, der Staat wird aber mit Sicherheit nicht den gleichen Fehler machen.

Debug: Also doch eher sozialdemokratischer Kuschelkurs und keine Revolution?

Doctorow: Revolutionen wurden in den letzten 20, 30 Jahren viel zu sehr idealisiert und vor allem kommerzialisiert. Es ist hip, anti zu sein und die Werbeindustrie schlachtet das aus. Wir treffen uns heute in Berlin-Mitte. Das ist cool, hier leben die Künstler, Musiker, alle sind kreativ, es ist underground, abgefahren, legendär. Aber dennoch rümpfen die Menschen die Nase, wenn sie von Mitte, Brooklyn oder Shoreditch sprechen. Warum? Weil wir unser Gespräch nicht im dritten Hinterhof führen, sondern im Radisson. Das gehört doch eigentlich nicht hier her. Am Ground-Zero der Undergrund-Kultur gibt es keine 5-Sterne-Hotels mit riesigen Aquarien als Dekoration.

Debug: Was ist dann dein Rezept, wenn man mit Brüllen nichts mehr erreicht?

Doctorow: Oh, die Menschen sollten brüllen, so laut sie können, dass wir uns da nicht missverstehen! Aber es hat keinen Sinn, sich nicht mit den Entscheidungsträgern auseinanderzusetzen. Beispiel Internet. Die Diskussion um die Verletzungen des Urheberrechts im Netz hat sich doch mittlerweile eigentlich komplett erledigt. Dass man im Netz das Copyright verletzen kann, ist das eine. Die vielen anderen Dinge, die man nebenher aber auch noch tut, sind aber so viel mehr wert, dass aus der aktuellen Strategie einfach kein Schuh wird. Man kann Autofahrern zwar den Führerschein wegnehmen, wenn sie fünf Mal zu schnell gefahren sind, aber niemandem den Netzzugang sperren – die Todesstrafe des Informationszeitalters – weil den Plattenfirmen die Art und Weise nicht gefällt, wie man Musik hört. Das ist derart unverhältnismäßig, das kann man sich gar nicht vorstellen, insbesondere weil in der Regel nicht ein einzelner Mensch einen Netzzung nutzt, sondern ganze Haushalte, Familien. Wir reden alos über kollektive Strafen für Menschen, die das Pech haben zum Umfeld einer Person zu gehören, die auf die “falsche” Art Musik hört. Das ist alles derart lächerlich, dass man darüber eigentlich gar nicht mehr reden sollte. Wir sind so eng mit dem Netz verwachsen, dass jedem, vor allem denjenigen, die finanzielle Verluste beklagen und Mahnbescheide verschicken, klar sein sollte: Es geht schon längst um viel mehr als um das Urheberrecht. Es geht darum, das Internet als die Basis und den Rohstoff des Informationszeitalters zu begreifen und dass jedesmal das gesamte Gefüge geschwächt wird, wenn man ein Element entfernt, egal wie klein diese auch sein mag.

Debug: Dass einzelnen Akteuren Geld durch die Lappen geht, sollte also man zum Wohl des Netzes in Kauf nehmen?

Doctorow: Über diese möglichen Verluste sollten wir in Wirklichkeit gar nicht reden. Man kann eine Analogie zur protestantischen Reformation ziehen: Vor Martin Luther gab es Kathedralen wie den Kölner Dom. Ein tolle Kathedrale, aber ein Projekt, das nur vor der Reformation entstehen konnte, denn wenn es mehrere Kirchen gibt, sind die Ressourcen einfach zu breit verteilt, um ein solches Vorhaben über mehrere Generationen anzugehen. Die Reformation war also ohne Frage schlecht für Kathedralen aber sie war offensichtlich nicht so schlecht für die Kirchen – die gibt´s ja immer noch. Und genauso müßig es gewesen wäre, darüber zu debattieren, ob die Reformation schlecht für den Bau von Kathedralen ist, ist es heute müßig, über das Schicksal der Musikindustrie zu diskutieren, wenn man über die Zukunft des Internets redet. Wenn der Internetanschluss Redefreiheit, politische und gesellschaftliche Teilhabe und Informationszugang zu allen wichtigen Lebensbereichen von der Ernäherung bis hin zum Arbeitsmarkt bedeutet, sollte die Musikindustrie einfach keine Rolle spielen! Genauso gut könnten wir uns über das Schicksal streunender Hunde Gedanken machen oder über die Probleme linkshändiger Geiger.

Debug: OK. Aber auch wenn wir bereits meinen zu wissen, wie diese Geschichte ausgehen wird, dürfte uns eine Dekade der Copyright-Kriege bevorstehen.

Doctorow: Auf jeden Fall! Wobei ich pessimistisch bin, weil ich denke, dass eine Menge mieser Sachen passieren werden, aber gleichzeitig optimistisch, weil ich glaube, dass wir auch diese Probleme in den Griff bekommen werden.

Debug: Aber die Realität dieser Auseinandersetzungen ist dann wohl doch ein wenig komplizierter, insbesondere wenn Online-Logik mit der schmutzigen analogen Welt kollidiert. Und darum geht es ja nicht nur in “For The Win”, solche Konflikte finden ja tatsächlich statt, etwa wenn dieses neuartige Gebilde namens Anonymus – oder jemand der sich dafür ausgibt – dem mexikanischen Drogenkartell Zeta mit Enthüllungen droht, um einen entführten Anonymus-Aktivisten frei zu bekommen. In diesem Konflikt stehen plötzlich – vermeintliche – Hacker mit Informationsbömbchen skrupellosen Gangstern mit Schnellfeuerwaffen gegenüber.

Doctorow: Um so einen Konflikt zwischen virtueller und physischer Welt geht es ja in “For The Win”: es beginnt mit schwertkämpfenden Orks im Videospiel und endet mit Baseballschlägern in einem Internet-Cafe in Mumbai. Und beide Kämpfe hängen zusammen und haben Konsequenzen in der jeweils anderen Sphäre. Mit dieser Erzählung will ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge schaffen, weil unsere Intuition im Netz oft nicht wirklich greift – was daran liegt, dass das Internet mit vielen Dingen Analogien hat, aber am Ende des Tages ist das Internet nur mit dem Internet vergleichbar. Und das charakteristische am Copyright-Krieg ist, dass er auf der einen Seite von Leuten ausgefochten wird, die sagen: “Computer sind eine feine Sache und wir mögen das Internet, aber wir müssen Computer produzieren, die eine bestimmte Sache nicht können und das Internet so modifizieren, dass es keine bösen Bits verbreiten kann.” Dieser regulatorische Impuls ist irgendwie verständlich, denn oft kann man komplizierte Probleme dadurch lösen, dass man ein Funktion entfernt: Wenn man nicht will, dass die Leute im Auto rauchen, baut man einfach keine Zigarettenanzünder mehr ein, was dem Auto an sich nicht weh tun wird.

Debug: Außer dass der Stecker fürs USB-Ladekabel fehlt!

Doctorow: Man kann darüber diskutieren, ob die Maßnahme sinnvoll ist, aber niemand wird in Frage stellen, dass es möglich ist, Autos ohne Zigarettenanzünder zu bauen. Absurd wird es, wenn man ein Auto will, dass sich nicht dazu eignet, nach einem Banküberfall zu fliehen. Computer sind nun gleichzeitig wahnsinnige komplizierte Geräte und gleichzeitig Vielzweckwerkzeuge. Daher ist es nachvollziehbar, dass Menschen dem gewohnten Impuls folgen, und die Entfernung der einen Funktion fordern, die ihnen auf den Sack geht. Und wir stehen erst am Anfang dieses Konflikt, allein wenn man an die Möglichkeiten von 3D-Druckern denkt: heute kann man sich ein Teil ausdrucken, das aus der halbautomatischen eine vollautomatische Waffe macht, bald werden es ganze Meth-Labore sein. Oder nimm das Funkmodul in deinem Laptop, das heute durch einfache Programmwechsel automatisch zwischen WiFi, 2G oder 3G hin- und herspringt. In naher Zukunft könnte so ein Programmwechsel deinem Laptop auch ein Flugkontrollsystem kapern lassen oder das Notrufsstem blockieren. Damit wir uns nicht falsch verstehen: natürlich will ich, dass Flugzeuge sicher starten und landen, natürlich will ich, dass ein Notruf zuverlässig den Krankenwagen erreicht. Es wird also verständlicherweise immer Leute geben, die wollen, dass unsere Allzweck-Computer diese oder jene bestimmte Funktion nicht beherrschen. Und dabei geht es ja nicht nur um Laptops oder den Rechner auf dem Schreibtisch, weil alle Geräte zu Computern werden. Autos sind Computer mit Rädern, die wir durch die Gegend lenken, Fahrstühle sind Computer, mit denen wir hoch- und runterfahren, Flugzeuge sind Computer, mit denen wir durch die Gegend fliegen. Aber trotz dieser Entwicklung bleibt es dabei, dass jeder Versuch, dem Allzweck-Computer eine bestimmte Funktion auszutreiben, damit endet dass der Computer den Nutzer ausspioniert. Das ist nämlich der einzige Ansatz, der irgendwie funktionieren kann, wenn man eine bestimmte Funktion am Allround-Tool Computer unterbinden will. Aber das ist dann – um noch einmal auf das Beispiel vom Rauchen am Steuer zurückzukommen – so, als ob man eine Kamera über dem Zigarettenanzünder montiert, deren Bilder ständig jemand im Auge behält. Oder nehmt die Tatsache, dass ganze Generationen wegen ihrer Walkman- und MP3-Player-Nutzung Kandidaten für Hörgeräte sind. Und bald wird es keine Hörgeräte mehr geben, sondern Akustik-Computer die dir als Implantat eingepflanzt werden – und auf denen Spionage-Software läuft, die alles was und wie du es hörst kontrollieren und die dabei ausspähen – da haben die Kämpfe wohl gerade erst begonnen, uns steht hundertjähriger Krieg um Allzweck-Computer und -Netzwerke bevor! Die Copyright-Kriege sind dabei wohl erst das Vorgeplänkel.

Debug: Aber auch wenn wir es als gegeben hinnehmen, dass alle Geräte zu Computern werden, bleibt doch Frage, ob sie wirklich alle vernetzt sein müssen? Stand-alones sind vielleicht hin und dort eine feine Sache?

Doctorow: Vielleicht aber auch nicht. Die Sicherheitsprämisse, ein System nicht mit dem Netz zu verbinden, wird immer mit dem Mehrwert der Vernetzung für den Nutzer kollidieren. Und es wird immer jede Menge triftige Gründe geben, einen Computer mit dem Netz zu verbinden, egal ob es sich um einen Magnetresonanztomographen oder ein Kernkraftwerk handelt – Dinge, bei denen es eigentlich keine Veranlassungen geben sollte, sie mit dem Internet zu verbinden, aber irgendwann kommt doch eine Situation, bei der es im Wortsinn eine Frage von Leben und Tod ist, diese neue Firmware aufzuspielen. Also wird der Nutzer die Maschine mit dem Netz verbinden, nicht weil er ein fauler, leichtsinniger Idiot ist, dem es Spaß macht, die Sicherheitsbestimungen zu verletzen, sondern weil er seinen Job ernst nimmt.

Debug: Mmmh …

Doctorow: Es ist das gleiche wie mit Kondomen. Natürlich ist Abstinenz die absolut sicherste Methode überhaupt um Schwangeschaften zu vermeiden. Aber nur Abstinenz zu predigen, wird die Leute trotzdem nicht davon abhalten, schwanger zu werden. Oder nimm die Metapher vom “analogen Dollar und dem digitalen Zehner”, die den Ertrag einer Zeitung auf Papier und im Netz beschreibt, also dass man für die gedruckte Version einen Dollar erhält aber für die Online-Version nur 10 Cent. Das ist aber keine Problem, sondern eine Tatsache! Probleme kann man lösen, mit Tatsachen muss man sich arrangieren. Und dass Menschen Computer mit dem Netz verbinden ist genauso eine Tatsache, wie dass Menschen Sex haben. Alleine wegen Metcalfe’s Law, nach der sich der Wert eines Netzwerks jedesmal verdoppelt, wenn ein weiterer Computer angeschlossen wird – wenn man einen Rechner mit einem zweiten verbindet, verdoppelt sich sein Nutzwert! Dieser Mechanismus ist einfach zu bestechend, um Leute dauerhaft davon abhalten zu können, Rechner nicht zu vernetzen.

Debug: Demnach gibt es keine Alternative zum sorgfältigen Schutz sensibler Rechner vor potentiellen Gefahren aus dem Netz, auch wenn der Computer eigentlich nie online gehen soll.

Doctorow: Genau, man muss Computer eindämmen und nicht das Netzwerk.

Debug: OK! Zum Abschluss, warum ist es so wichtig, diese Fragen mit jungen – oder immer jüngeren Menschen – zu diskutieren?

Doctorow: Wir müssen verhindern, dass junge Menschen in Orwellschen Pessimismus verfallen. George Orwell war zwar ein brillianter Schreiber und auch ein Visionär, aber zu seiner Zeit waren die Staaten die Hauptnutznießer des technologischen Fortschritts, während Individuen die Hauptverlierer waren. Aber inzwischen haben sich die Dinge geändert, weil inzwischen Firmen eine wichtige Rolle spielen, aber auch weil Technik so verdammt schnell billiger wird, wenn also Wallmart dieses Jahr neue Möglichkeiten bekommt, dann kriegen wir sie nächstes Jahr. Und das eröffnet dem Einzelnen die Chance sich etwa gegen die Aushölung seiner Privatsphäre zu wehren. Aber in der aktuellen Diskussion um die Sicherheitvon Kindern und Jugendlichen im Netz geht es bisher eigentlich nur um strengere Gesetze zum besseren Schutz der Privtasphäre, dabei müsste es doch darum gehen, den Kids das Wissen und die Werkzeuge zu geben, damit sie sich gegen Facebook und Co. zur Wehr setzen können! Statt läuft die Praxis in Schulen, Bibliotheken oder Zuhause darauf hinaus, dass Lehrer und Eltern jeden Klick überwachen und jede Bewegung im Netz mitschneiden, wobei dann Software zum Einsatz kommt, die meist von dubiosen Sicherhheitsfirmen stammt, die ihr Hauptgeschäft mit Diktaturen machen und sozusagen als Resteverwertung Überwachungs-Software für Schulen und Eltern in den westlichen Industrieländern anbieten. Aber wenn man seine Kinder selbst bespitzelt, muss jede Ermahnung auf die Privatsphäre acht zu geben verpuffen. Ich plädiere statt dessen dafür, Kindern die technischen Möglichkeiten zu erschließen, mit denen selbst für ihre Sicherheit sorgen können. Es geht darum, ihnen beizubringen, dass die Nutzung von Technik eben nicht automatisch bedeutet, Privatsphäre aufzugeben.

Cory Doctorow, For The Win, ist bei Heyne erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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