Dies ist eine Geschichte aus Wellington, Neuseeland, einem Land, in dem Schallplatten auf Polycarbonat handgeschnitzt werden und Universal einem Lizenzdeals anbietet. Damit hatte Bevan Smith vor rund drei Jahren nicht gerechnet, als er beschloss, seine eigene Musik und die einiger Freunde endlich zu veröffentlichen. Flying Nun ist nicht mehr das Einzige, was John Peel vom Inselstaat down under spielen kann.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 46

Siehst du das Meer?
Involve Records, Neuseeland
Seitdem ist viel passiert. Sieben Alben, eins größer als das andere, irgendwo zwischen Gitarrendrones, Clear-infiziertem Funk und lupenreiner, melodie-basierter Elektronika hat uns Involve bislang beschert. Learning by doing und zwischendrin über die Küstenstraße düsen, dann funktioniert das mit der Musik von ganz allein. “Ich dachte einfach, es wäre eine gute Idee”, erzählt Bevan Smith, Labelgründer und selbst für mindestens drei Alben verantwortlich. “Platten rausbringen, damit konnte ich mir meine Zeit gut vertreiben. Natürlich wusste ich nichts über Vertriebe oder so, aber ich hatte die Musik, ein Freund machte das Artwork…warum also nicht!? Irgendwann traf ich andere Kids, und so kam eins zum anderen.” Bevan ist mit seinen beiden Projekten ‘Aspen‘ (MidTempo-Melodien und viel knurschpeliges Gerocke – das mittlerweile dritte Album ist soeben erschienen) und ‘Signer‘ (sehr dubby mit klarem Blick auf die ‘Chain Reaction’-Schule) sowas wie das Aushängeschild des Labels, soll heißen: Aspen hat auch schon eine LP in den USA auf ‘Emanate’ veröffentlicht, als ‘Signer’ tourte er kürzlich durch Europa und seit neuestem hat Bevan den neuseeländischen Meerblick gegen eine Fabriketage im Londoner Norden getauscht, „…weil man von Neuseeland aus einfach keine gute Promo machen kann.” Und da sage nochmal einer, diese ganzen neuen Labels würden nur so rumschluffen und ihren Job nicht ernst nehmen.
Der Aphex Twin in der Bücherei
“Auch in Neuseeland lebt man nicht hinter dem Mond, und natürlich sind wir alle große Warp-Fans. Dann die ganzen deutschen Produktionen: Chain Reaction, Kompakt, Mille Plateaux…die Basis fürs Musikmachen. Unsere wirklich wichtigen Einflüsse sind aber alte englische Indieplatten: Slowdive, Cocteau Twins… Sachen, die man auch ohne Probleme in Wellington kaufen konnte. Heutzutage finde ich bei Leuten wie Arovane oder Sigur Ros wieder. Aber generell ist das mit der elektronischen Musik bei uns ein bisschen schwierig. Wir haben alle goldene Mailorder-Kundenkarten, und wenn ein Paket mal nicht ankommt, geht man eben in die Bücherei und hört sich durch die dortige Plattensammlung. Der Vorteil von Neuseeland ist, dass man sich früher oder später über den gleichen Musikgeschmack kennenlernt und die Platten entsprechend zirkulieren, zusammen mit immer mindestens einer anderen Platte aus der eigenen Sammlung.” Egal, ob Bevan selbst, dem Emu-Sampler Freak Jet Jaguar, dem Ex-Frisbee Meister Scorpio oder dem Diät-Forscher Mandrake: Was Involve-Künstler gemeinsam haben, ist dieses unglaublich große Selbstvertrauen, sich gegen eine Flut von Veröffentlichungen aus Ländern, in denen sich 1000er Auflagen einfach selber verkaufen, behaupten zu können. Mit einer Kraft, die man nur haben kann, wenn man in einem Land lebt, in dem Weihnachten die Sommerferien beginnen. Und den Willen alles selber zu machen. “Dadurch, dass unsere Künstler alle unterschiedlich arbeiten, kann auch jeder etwas zum Gesamtprozess beisteuern. Die Releases werden von uns selbst gemastert, und während ich in Europa bin, kümmern sich die anderen um die Arbeit vor Ort. Als Kollektiv erreicht man am meisten.” Keine Frage. Und so lehrt Aspen der gesamten Warp-Schule das Fürchten, ‘All The Pretty Things’ ist besser als My Bloddy Valentine je waren und Mandrake macht da weiter, wo Clear irgendwann bankrott gingen. Es gibt sie noch: Labels, die einfach alles richtig machen. Kein Wunder, bei diesem Meerblick.

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Elektronische Lebensaspekte.