Text: Sascha Kösch aus De:Bug 27

COVERTEXTANFANG THE GREAT APPLICATION SWINDLE Internet-TV, Konvergenz und Digitales ”Television? The word is half Greek and half Latin. No good will come of it.” C.P. Scott KONVERGIEREN Wer ist eigentlich Deutschlands Medienfachmann per se? Richtig: Middelhoff, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG. Einziger Konzern hierzulande, abgesehen mal von den rosa Dinosauriern, der es mit Mediengiganten im Rest der Welt aufnehmen will. So zumindest denkt man erst mal. Und was denkt so einer heutzutage schon vor den Frühstückscerealien? “Konvergenz”, wie alle in diesem Business. Convergence. Aber was soll da konvergieren? Alles. Genauer gesagt, Telekomunikation und Medien, denn Middelhoff – oder Bertelsmann – ist das personifizierte Netz. Die neue Mitte des Medienunternehmertums. Eine Ikone. Ein paar Pixel im Quadrat. Und nachdem Bertelsmann nun auch big in Amerika ist, ist es auch ein Sprachrohr des amerikanischen Traums (Konvergenz, auf allen Ebenen). Der ist: Das Fernsehen, Werbung, Verkauf und Internet endlich, nachdem vor Jahren schon davon die Rede war, zusammenzubringen. Sein Gegner, Freund, Ärgernis usw. in Deutschland ist dabei natürlich die Telekom, seit BTX eingefleischter Feind der Bandbreite, denn sie wollen die Kabelnetze nicht schnell genug privatisieren. Und so wird das nichts mit den Nachbarn. Aber zum Thema zurück. Medienunternehmen aus aller Welt sehen auf die rasant steigenden Börsendaten der verschiedensten Onlinestartups und verstehen die Welt nicht mehr, weil hier ein Produkt verkauft wird, das vergleichsweise nichts einbringt. Ausser Versprechungen. Die gesamte Weltökonomie macht also grade einen Break durch, der auf jedem Dancefloor zu Knochenbrüchen führen würde. Weiter auf Seite 25 COVERTEXTENDE Apple träumt mal wieder den Warhol Traum. (Steve Jobs, Apples CEO, verkündet im Rahmen der neuen Open Code Politik, seitdem sie ihren Quick Time Streaming Server verschenken, das Paradigma der offenen Kanäle: “jeder soll seine eigene Fernsehstation werden”, als wenn die Welt mit forcierten Murdochphantasmen wirklich mehr Pop werden würde). Und MP3 hat obskurerweise Mpeg2 , der digitalen Basis eines jeden vernünftigen digitalen Fernsehprogramms, den Hype weggesahnt. Währenddessen ist ausgesprochenes Ziel eines jeden, der sich mit bewegten Bildern als Rente befasst, folgendes: Wir müssen besser vorbereitet sein als die Musikindustrie (so zumindest Robert Tercek, Columbia Tristar, und einige andere). Das Problem: Obwohl PC’s und die Monitore schon immer nach der Vorstellung von Fernsehen produziert wurden und nahezu ununterscheidbar in ebensovielen Heimen herumstehen, geht es jetzt darum, wer von den beiden, TV oder Computer, schneller am Ziel der Konvergenz ist – wie Middelhoff, Hollywood Execs, Telcos und Webdesigner sagen würden. So als käme das alles von selbst, und als käme auf uns jetzt nicht eine der gewichtigsten Gesellschaftsbrüche zu. Da aber schliesslich nichts konvergieren kann, was nicht erst mal getrennt wurde, nun zur Grundunterscheidung, die unsere Welt ausmacht. Rich & Poor, das Medium Nicht die Guten und die Bösen, die Reichen und die Armen, das Geld, die Liebe oder sonst was machen unsere Welt aus. Nein, es braucht einen Medienbegriff, auf den man das ganze bringen kann. Rich Media vs. Poor Media. Rich ist, was viel hat. Das ergibt sich ganz von selber. In dieser ununterscheidbaren Masse des vielen liegt auch der Sinn einer solchen Trennung, die man eigentlich überall einführen kann. Der Webbrowser wie wir ihn kennen, ist zum Beispiel im Vergleich zu Lynx ein Rich Medium, wie alles andere z.B. im Verhältnis zur Auflösung der Welt ein Poor Medium ist. Aber noch mal zu den Grundlagen, man kann da nicht oft genug wieder hin. Mpeg2, unser heimliches Frauenhoffer Darling, ist eine Methode der Datenreduktion bei der Übertragung digitaler “rich medias”.”Rich media” sind Bilder, Töne und, nicht vergessen, Befehle (ob in C oder HTML, das werden wir ja noch sehn). Und es hat mit MP3 genaugenommen soviel zu tun wie die Stasi (“rich media”) mit einem Spanner (“poor media”). Rich Media, immer vorausgesetzt, es ist nicht zu rich, also quasi ganz voll, sondern immer im Verhältnis voller als ein anderes, ist also wichtig, prosperierend, superfunky. Poor Media (Email z.B. im Verhältniss zu Voicemail, oder HTML im Vergleich zum Fernsehen) ist doof, langweilig, oldschool, cold, wie McLuhan sage würde, der plötzlich doch echt als Theoretiker wahrgenommen wird. Um jetzt aus einem langweiligen Medium wie dem WWWeb (HTML basiert) – das man nicht mit dem Netz verwechseln darf – ein spannendes Medium zu machen, muss man ein reiches und ein armes zu einem ganz reichen Medium verbinden. Fernsehen und Web. Erst mal, dann später auch das Netz mit dem Fernsehen, und dann überhaupt die Telekommunikation mit dem Fernsehen. So als wäre das Fernsehen das wichtigste auf der Welt, mit dem man unbedingt alles verbinden müsste. Werber werden das verstehen, schliesslich ist der Werbeetat dort auch der grösste, andere müssen halt eben ein wenig nachdenken, um drauf zu kommen, warum eigentlich alles mit dem Fernsehen konvergieren muss, und nicht z.B. mit Kino, oder, logischer, mit dem PC, oder, unlogischer, aber amüsanter zu denken, mit der Dusche. Wir nehmen das erst mal, wie es ist. Lazy Interactivity Digitales Fernsehen verspricht im allgemeinen so etwas wie interaktives Fernsehen zu werden. Als wäre das Fernsehen nicht schon mit der Erfindung des Einschaltknopfes zur Ideologie der Interaktivität schlechthin geworden. Da dieser Knopf allerdings bekanntermassen als einer der am wenigsten benutzten Knöpfe der Welt gilt (ist es an, bleibt es an, ist auch besser für die Bildröhre, ist es aus, bleibt es aus, mit einer Wahrscheinlichkeit, die gegen 100% geht übrigens), musste eine spezielle Form der Interaktivität her, die den Zustand beschreibt, den diese Interaktivität bei einem durchschnittlichen Menschen (33%Schlaf, 33%Arbeit, 10%Fernsehn, 10%Ortsveränderung, 10%Nahrungsaufnahme, 3%Unsinn) einnimmt. “Lazy Interactivity” heisst hier das Schlagwort, und deshalb funktionieren Webadressen in Werbespots, Telefonsexnummern usw. trotz hartnäckiger Versuche eines Gegenbeweises von Seiten der Beamten nicht wirklich, denn weil “an”=”bleibt an”, ist ein Wechsel des Mediums nicht drin, was übrigens der Ideologie der “Natur” nachempfunden wurde. Die Natur ist auch “Lazy Interactivity”. Medienwechsel gibt es da nicht. Deshalb muss das Netz her. Im Netz braucht man auch nicht wechseln. Da ist Telekommunikation, Werbung, Content, Bandbreite, usw. alles da, alles drin, alles an, 24h/day und nur einen Click weit weg. Alle Applikationen, mit denen wir uns solange herumgeschlagen haben, müssen weg. Es darf nur eine geben. Schluss mit diesem Gewirr aus Grundgebühr, Handy, Videorecorder, PC, Windows, Telefon, Kabel, Stereoanlage, private Rentenvorsorge, Kühlschrank, Türklingel, Tageszeitung usw. Alles Schwindel. Alles muss raus, ins Netz. Umrüsten, denn Interactivity ist immer lazy. Wir wussten es doch schon immer, das liegt so in unserer Natur. Application heisst ja schliesslich nicht umsonst Anwendung, Zusatz und Antrag in einem, ist also schwer zu denken, während “lazy” sich auf easy reimt, auf Freizeitgesellschaft, Goa und natürlich TV. Und diese Konvergenz, die angetreten ist, um für eine lange Zeit das Gerede von Interfaces verstummen zu lassen, wird so intensiv auf allen Kanälen gesungen, dass man eine globale Nationalhymne draus machen sollte. Wir fassen schon mal zusammen: Das schwarze Loch der Konvergenz strukturiert sich nach der Logik der Lazy Interactivity, sonst könnte es nicht funktionieren. (Anmerkung: Wir glauben natürlich nicht, dass Fernsehen faul macht, falls das jetzt so klingen sollte. Im Gegenteil. Fernsehen macht munter, jawohl, aber dass der Mythos dieser Idee eines Tages irgendwo im Multimediajargon seinen Platz finden müsste, das war uns doch allen klar, sein wir mal ehrlich.) ITV Alle Domains, die irgendwie was mit ITV (InternetTV, InteractiveTV, IchTV, DuTV) zu tun haben, sind längst weg. Egal in welcher Schreibweise. Im Netz ist ja immer alles so schnell. Und schön, dass man es hier endlich mal mit einer multimedialen Abkürzung zu tun hat, deren Unbestimmtheit mindestens genau so viel Bedeutung tragen kann wie die einzelnen dahinterstehenden Ideen. Das Zeitalter der Konvergenz eben. Der Traum vom Netz als Fernsehen ist schon so alt wie das erste animierte Gif. Das Jahr begann mit einer Grossoffensive von Streaming Video. Progressive (Realplayer) und Apple kamen dieses Jahr nahezu gleichzeitig mit neuen Servern und Playern raus und kämpfen nun mit Microsoft um die Vorherrschaft in der Analogie von Fernsehen im Netz und den early Adopters. Aber Analogie ist eben nicht mehr der Modus, nach dem sich die Welt ordnet, das wäre ja auch zu einfach gewesen, sondern Lazy Interactivity. Während die Bundesregierung noch vom elektronischen Laufzettel träumen muss, versuchen Hewlett-Packard und einige andere, den Büromarkt schon längst mit massgeschneiderten Voice-and-Data Produkten zu bereichern. Der Markt der Settopboxen kommt langsam in Schwung, TV’s mit integriertem Browser verkaufen sich wenigsten in Amerika ein bisschen, die ersten Sender benutzen schon Microsofts noch stark an Teletext erinnerndes WebTV, das HTML und Fernsehmodus auf dem TV erst mal übereinander (mit nicht zu vernachlässigenden “Konvergenzen”) legt, damit man eine Homepage auf der Werbung auch gleich klicken kann, bzw. für die Reaktion auf “Ruf mich an” nicht erst zum Telefon laufen muss, sondern gleich via Internettelefonie (im Aufbau) und Ecash (im Aufbau) in einem Fest der Lazy Interactivity Stöhnpresets über den bidirektionalen Satelliten (im Aufbau) jagen kann. Sony und jede andere vernünftige Firma arbeiten an downloadbaren Videos über Kabel und Satellit (400k/sec Downloadrate schon ab 350DM/Monat selbst in BRD) und pflegen die Utopie, dass in spätestens 5 Jahren alles Fernsehen on Demand sein wird. Digitale Content Startups mit wohlklingend professionellen Namen gibt es mehr, als man sich merken könnte. Hollywood denkt wie gesagt nur noch ans Internet (wenn’s sein muss zur Vorbereitung auch in Filmen zum Thema). Selbst liebgewonnene 70er Ideologien wie interaktive Storyplots kann man auf Microsofts WebTV Seiten wiederfinden (www.microsoft.com/tv). Man muss sie logischerweise auf einem MAC mit Netscape erst mal umbauen, um sie lesen zu können, damit MAC User auf jedenfall dieses Stigma der Cleverness behalten, dass sie zu schlechten Adtargets macht. Und für Amerikas Public Broadcaster, dort wie hier die Vorreiter in Sachen digitales Fernsehen, wird sogar Nerdguru Cringeley als digiTV Testimonial herangezogen (www.pbs.org/opb/crashcourse). So weit so gut, es ist viel los, und die ersten Zahlen liegen auch schon vor: 20 Milliarden Dollar/Euro in 2004, davon 11 aus Anzeigeneinnahmen, 7 Verkaufseinnahmen (Mailorder, bzw. Download) und 2 Grundgebühr (http://www.forrester.com/). Zahlen, die an das Haushaltsloch erinnern. Amerika ist immer fett. ITV wird das Netz zwar nicht überflügeln, was Einnahmen betrifft, aber beflügeln sollte doch schon drin sein. Die Werbeindustrie steht Kopf. Was nun? Webdesigner entlassen und ITV-Spezialisten einkaufen? Gar nicht notwendig, schliesslich soll das gute alte HTML ja als Sprache dienen. Puh. IP to IP Und was soll nun dieses viele Geld bringen? Natürlich Programmzeitschriften (EPG, Electronic Program Guides) erst mal (War ja in Print, Internet, Toni usw. einfach nicht lazy genug, und bot weder consumerspezifische Banner noch ordentliche Userprofile) und hey, the medium is the message, oder was? Enhanced Broadcasting ist Nummer zwei: Da reichen die Ideen bislang von menuartig hangelnden Rezepttexten bei Kochsendungen bis hin zu eben erwähnten multiplen Storyplots, von denen immer noch keiner weiss, wie sie zu erzählen sind, ohne dass man irre viel Content produziert, den dann doch wieder kein Mensch guckt, bis hin zu TV basiertem Internetzugang (Kabelmodem). Nicht grade berauschende Ideen für ein so ausuferndes Projekt wie die Zusammenführung der Telekommunikation und der Medien, da hilft auch kein Verfeinerungsgerede wie Surround, HDTV usw. (Einzig Flachbildschirme sollten jetzt schon mal langsam Standard werden.) Ein Leben zwischen Defibrilator und Date ist und bleibt das gleiche, egal ob es nun laut wumms macht, oder man “jetzt mehr über die Krankheitsgeschichte” des Schauspielers/Drehbuchschreibers/Pharmakonzerns erfahren kann. Was wir jetzt brauchen, sind digitale Avatare (Haustiere nicht vergessen), damit jeder überall mitspielen kann und wir neben zielgruppengerechter Werbung wenigstens den Psychospass bekommen, überall nur noch Menschen mitspielen zu lassen, die wir zu kennen glauben, oder gerne kennen würden. Eine Story-ISO, und zwar dringend, sonst wird das nie was mit den interaktiven Plots. Wir brauchen Upload/Downloadraten Äquivalenz, damit die gesammelte Lazyness an Interaktion auch in ihrer vollen Wucht des geballten Ein/Aus Mechanismus rüberkommt, dringends das Grundrecht auf eine eigene IP Adresse in den UN Statuten festgeschrieben, und, tja, vielleicht noch etwas zu essen bitte für alle.

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Elektronische Lebensaspekte.