Zumindest für die Elite spielte das Internet im Iran eine wichtige Rolle. Jetzt hat der Staat die Kabel enger geknüpft und die Internet-Cafes einem strengen Reglement unterworfen.
Text: andreas krüger aus De:Bug 49

Das Internet im Iran
Online mit Shador, warum nicht

Mitte Mai wurde bekannt, was zuvor bereits in den diplomatischen und journalistischen Zirkeln Teherans als Gerücht kursierte: Die iranischen Behörden haben gegenüber dem Internet eine härtere Gangart eingeschlagen. Binnen kürzester Zeit wurden nach Berichten der reformorientierten Zeitung “Hambasteghi” ca. 400 (manche sprechen auch von 800) Internet-Cafés geschlossen. Nun müssen die Cafés erst einmal eine Betriebserlaubnis von der konservativen “Union für Benutzer von Verwaltungsmaschinen und Computern” einholen. Obwohl ein solcher Schritt schon lange für möglich gehalten wurde, traf er die meisten Internet-Café-Inhaber und -Benutzer doch unvorbereitet. Rund 5.000 Mitarbeiter der Branche könnten dadurch ihre Arbeit verlieren, keine geringe Zahl bei einer Arbeitslosenrate von über 25 Prozent (unabhängige Schätzungen). Ein Caféhausbesitzer vermutete hinter den Repressalien das staatliche Postunternehmen, das ein Internet-Monopol anstrebe.

Zwischen Aufbruch und Repression
Repressalien gegen die Internetcafés reihen sich in zahlreiche andere Maßnahmen der letzten Monate ein, die gegen Presse- und Meinungsfreiheit gerichtet waren – etwa das Verbot von über 40 reformorientierten Zeitungen und Zeitschriften sowie die Inhaftierungen zahlreicher Journalisten und sogar den Morden an Schriftstellern, die reformfeindlichen Revolutionsgarden angelastet wurden. Entgegen der Meinung hierzulande hat der Reformprozess auch im Iran längst begonnen. Gemessen am traurigen Standard der Region (also an den unmittelbaren Nachbarn Saudi-Arabien, Irak, Afghanistan und Pakistan), lebt es sich für die meisten Iraner so schlecht nicht. Wenig bekannt ist, dass der Iran zahlreiche Flüchtlinge, insbesondere aus Afghanistan und dem Irak, aufgenommen hat, was vor kurzem Ruud Lubbers, UN High Commissioner on Refugees, ausdrücklich hervorhob.

Wahlen, Gender und Schiitentum
Die Rolle der Frau im Iran hat wenig mit den von Filmen wie “Nicht ohne meine Tochter” geprägten Feindbildern zu tun. Frauen besitzen im Iran immerhin das aktive und das passive Wahlrecht – was nicht heißen soll, sie seien in der Praxis auch nur annähernd gleichberechtigt. Doch nicht zuletzt dank der Stimmen der Frauen gelang bei den Präsidentschaftswahlen 1997 dem reformorientierten Mohammad Chatami trotz zahlreicher Behinderungen ein überwältigender Wahlsieg mit rund 70 Prozent der Stimmen.
Ebenso gewannen bei den Parlamentswahlen die Reformer rund 80 Prozent der Abgeordnetensitze. Im übrigen sind Reformer auch Kleriker, doch das Schiitentum ist nicht per se fundamentalistisch. Lehrmeinungen, selbst solche des 1989 verstorbenen Revolutionsführers Khomeini, können der historischen Entwicklung angepasst oder sogar verworfen werden – allerdings nur durch neue Gutachten der dazu autorisierten islamischen Gelehrten.
Seit den letzten Wahlen haben jedoch die Konservativen unter Ausnutzung ihrer strategischen Schlüsselpositionen in Staatsführung und Verwaltung einen Gegenangriff gestartet. Darüber hinaus sind viele potentielle Wähler vom mühsamen Verlauf des Reformprozesses enttäuscht und könnten diesmal bei den Präsidentschaftswahlen am 8. Juni in Ermangelung einer echten Alternative den Wahlen fernbleiben oder ungültige Stimmzettel abgeben. Auch wenn, wie von allen erwartet, der reformorientierte Präsident dennoch wieder gewinnen sollte: Viele haben die Hoffnung auf echten Wandel bereits aufgegeben. Zwei Drittel der iranischen Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre. Wer kann (und das sind im Vergleich zu den Nachbarstaaten relativ viele), sucht woanders sein Glück. 220.000 Akademiker haben den Iran allein im letzten Jahr verlassen.

Computerrealitäten
Obwohl das Internet bislang (gemessen an der rigorosen Zensur der Printmedien) erstaunlich schnell wachsen konnte, bleibt es für einen Großteil der Bevölkerung, insbesondere außerhalb Teherans, kaum erschwinglich. Ein einfacher Computer kostet rund 6 bis 7 Millionen Rial (ein Lehrer in einer größeren Provinzstadt verdient rund 700.000 Rial, eine Elektroingenieur für eine staatliche Stahlfirma ca. 1 Million). Die Software ist dafür relativ preiswert, weil zumeist raubkopiert. Die wenigsten Studenten, mit denen ich sprechen konnte, hatten jedoch schon einmal im Netz gesurft, denn sowohl der Telefonanschluss als auch die Stunde im Internetcafé war für sie viel zu teuer.
Wie in vergleichbaren Diktaturen versucht auch im Iran der Geheimdienst, alles, was als schädlich für die eigene Bevölkerung erachtet wird, herauszufiltern. Dies führte schon bislang z.B. dazu, dass iranische Medizinstudenten keinen Zugang zu Anatomie-Websites hatten: Zuviel nackte Haut… Misstrauisch verfolgen die Revolutionswächter natürlich auch die Netzaktivitäten der Opposition in In- und Ausland. Der berühmteste Dissident Irans, Ayatollah Montazeris, Jahrgang 1922, einst ein enger Gefolgsmann Ayatollah Khomeinis, lebt heute unter Hausarrest in der heiligen Stadt Qom, doch sein Sohn unterhält eine Website, auf der u.a. seine Erinnerungen zu lesen sind. Darin schildert Montazeri u.a., wie Khomeini den Befehl zur Ermordung von Tausenden von politischen Gefangenen nach der bis dahin fast ohne Waffengewalt erfolgreichen islamischen Revolution und dem Sturz des Schahs 1978 gab.

Das Netz und die Außenwelt
Trotz aller Schwierigkeiten und Blockaden ist (war?) das Netz für diejenigen, die es sich leisten konnten (also vor allem die Elite in den großen Städten und insbesondere deren Kinder) ein wichtiges Medium – sei es, um nach Studien- und Arbeitsplätzen im Ausland zu suchen, sei es, um den Kontakt zur großen iranischen Diaspora aufrechtzuerhalten (allein in Los Angeles wohnen über eine Million Perser). In Teheran soll es vor der aktuellen Krise bis zu 1.500 “coffeenets” gegeben haben. In Anbetracht der sehr eingeschränkten Möglichkeiten, ungezwungen anzubandeln, blühten vor allem Sites wie “matchmaker.com” und “one-and-only.com”.
“Das Netz”, so meinte allerdings ein iranischer Geschäftsmann mit einem Glas eingeschmuggeltem türkischen Bier in der Hand auf einer privaten Party vor den Toren Teherans Anfang Mai, “lenkt die Jugend nur ab. Erst wenn der Druck groß genug wird, werden sie eine Revolution machen”.

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Elektronische Lebensaspekte.