Zusammen mit Jörn Elling Wuttke ist Roman Flügel Teil von Alter Ego. Solo hat er gerade zwei Alben veröffentlicht: die zehn Jahre umspannende Werkschau seines Soylent-Green-Pseudonyms und das mit dem Jazz-Musiker Christopher Dell aufgenommene "Superstructure".
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 103

In der Gegenwart zerfällt das klare Bild von Techno. Die einzelnen elektronischen Stile verschwimmen, ihre Kombinationen sind mittlerweile so fein verzahnt, dass sie kaum noch aufzufächern sind. Roman Flügels Soylent-Green-Tracks stellen dem ein drastisches Bild von Acid House entgegen. Anders als der gediegene Dachterrassen-House eines Hendrik Schwarz oder die tendenziell esoterische Vergeistigung Ames ist Soylent Greens Acid House diesseitig, durchdringend und universal. Besonders die vier neuen Tracks auf dem Album seien im Zeichen dieser Musik entstanden, berichtet Roman, es seien “Klangbilder” von Acid House. Sie stellen heraus, wie sich die musikalischen Texturen in Hirn und Körper abgelagert haben: die Tracks sind ein Wiedererleben, eine Erinnerung des Urknalls elektronischer Tanzmusik, die Intensitäten von einst erscheinen aus der Distanz der Gegenwart in einem brutal strahlenden Licht. Es geht auch darum, im aktuellen Umgang mit der Musik neue, andere Intensitäten aufzuspüren. Denn heute gibt es eine anders gelagerte Distanzlosigkeit oder besser Grenzlosigkeit in der Musik: Etwa spielen die Distinktionen zwischen den elektronischen Musikstilen, die Abgrenzung von sophicticated Techno gegenüber vulgäreren Sounds immer weniger eine Rolle.

Von Acid …

Die Werkschau enthält neben den vier neuen Tracks Romans Lieblingsstücke der vier auf Playhouse erschienen EPs, die bis in das Jahr 1996 zurückreichen. Gerade die digitale Verfügbarkeit der Back-Kataloge mache es möglich, “das Ding noch einmal anders anzugucken”, sagt Roman. Der spärlichen Hardware der Anfangszeit stehen die extrem verfeinerten Produktionstechniken der Gegenwart gegenüber. Das Tolle an Romans neuen Tracks ist, dass gerade keine offensichtlichen persönlichen Vorlieben in die Stücke einfließen: Statt den Sound zu subjektivieren, folgt Flügel dem Masterplan der Musik und verortet ihn in den Produktionsweisen der Gegenwart, statt wie ein John Dahlbäck überladen und barock zu werden, intensivieren die Tracks den Punch, der in den alten Nummern angelegt ist. “Der Teufel liegt im Detail”, sagt Roman. Der Hit “Geht´s noch?” demonstriert den Erfolg dieses Vorgehens, zeigt, dass es sich nicht bloß um ein persönliches, vereinzeltes Erinnern handelt, sondern um etwas, das im Rausch des Dancefloors der Gegenwart unmittelbar zündet, das auch unabhängig von seiner Geschichte funktioniert: “Geht´s noch?” oder “Stay Stupid” vom Album schaffen wieder einen Zugang exakt zu dem, von dem man jahrelang meinte, dass es gerade gar nicht geht: etwa die selbstbezüglichen, uneleganten, nervenden, enervierenden Sounds auf alten Djax-Up-Platten, auf die man nur ganz unmittelbar abfahren kann – oder gar nicht. Roman über “Geht´s noch?“: “Mir war klar: Entweder das klappt wunderbar oder es ist furchtbar. Nach Jahren war es möglich, so etwas wieder zu machen.”

Die Musik sei eine “Spielwiese”, sie lasse unvergleichliche Möglichkeiten zur Selbstneuerfindung zu. Man gelangt an den Punkt, an dem Distanz und Reflexivität eine Ironisierung der Musik zulassen. Bei “Geht´s noch?” und bei den neuen Soylent-Green-Tracks geht es aber eher um einen distanzierten, scheinbar äußerlichen Blick, der überraschende, extreme Momente ermöglicht. Tatsächlich sind für Roman Ironie und Humor Qualitäten, die grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen sind. Weil aber die elektronische Musik ihre Kämpfe der Annerkennung durchgestanden habe, zu einer unangreifbaren Größe geworden sei, dürfe sie nun auch zum Objekt der Ironisierung werden. Witz und Wahnsinn einer Nummer wie “Geht´s noch?“ machen sie gegen ihre vermeintlich so geschmackssicheren Kritiker erhaben.

… zum Xylophon

Gleichzeitig arbeitet Roman mit dem Jazzmusiker Christopher Dell. Ihr gemeinsamer Umgang mit Jazz operiert ähnlich tief aus den Strukturen dieser Musik heraus wie Romans Verständnis von Acid House. Jazz wird in der elektronischen Musik oft über seine Klangästhetik aufgenommen, dabei ist für die Radikalität der Strukturen der Musik nicht wirklich entscheidend, wie ein Saxophon klingt. Das gemeinsame auf Laboratory Instinct erschienene Album ist Produkt einer dreitägigen Session: Dabei sei es hauptsächlich darum gegangen, ganz spontan aufeinander zu reagieren. Mit einer für einen Technoproduzenten unvorstellbaren Entschiedenheit setzte sich Dell über die 4/4-Grooves hinweg. Roman: “Wir wussten nichts voneinander. Für ihn war es ein Hochgenuss, zu den Loops zu jammen.” In den Tracks steht die imponierende Musikalität des Jazz-Musikers einer großer Zurückhaltung gegenüber, die darauf gerichtet ist, minimale Verschiebungen herauszuarbeiten. Ebenso wie der Teufel liegt die Schönheit im Detail.

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Elektronische Lebensaspekte.