Robin Saville und Antony Ryan spielen an Londons Peripherie mit ihrem Technikmuseum delokalisierten Elektronikfolk ein. Das Geheimnis ihrer "Lucky Cat": mixe nie schwarze und weiße Tasten in einem Track.
Text: florian sievers | FLORIAN.SIEVERS@DEBUG-DIGITAL.DE aus De:Bug 49

Melodien für die Megabytewelt
Isan

Der ausgelaugte Netzhippie liegt abends nach einem harten Arbeitstag als Systemadministrator auf seinem abgewetzten Cordsofa und denkt über seine glückliche Kindheit nach. Der Fernseher flackert lautlos sinnlose Bilder von glücklichen Konsumenten ins Leere, während Apfelbäume und Trampoline, dicke Katzen und taubenetzte Wiesen durch seinen Kopf schweben. Auf der anderen Seite des Globus holt sich zur selben Zeit ein Indiekid seinen Instant-Cappuccino aus der Mikrowelle und freut sich auf den Skateboard-Ride zur Uni. Auf seinem Stundenplan steht Randgruppen-Soziologie. Draußen geht die Sonne über dem Pazifik auf, einen Kilometer weiter plätschern Wellen an einen psychedelisch-jungfräulichen Strand. Und bei beiden läuft die selbe Musik. So eine Art verständnisvoller Folk für Gleichgesinnte, vertrauter Indierock in den Zeiten von elektronischen Medien. Musik aus einem internationalen, intraregionalen, dezentralen Netzwerk von Labels und Musikern, das an keinem realen Ort der Erde geerdet werden kann, wie das etwa bei Dubtechno und Berlin oder Laptop-Gerocke und Kalifornien der Fall ist. Isan machen solche Musik, und Robin Saville und Antony Ryan sind Isan.

Robin ist 33, britisch-distinguiert, zieht beim Sprechen immer so schön eine Augenbraue hoch und berät Geschäftskunden in einer Bank. Er wirkt viel älter als sein Partner, der nur zwei Jahre jünger ist. Ein Jungsgesicht in Baggiepants, das als technischer Marketingspezialist bei einer Telefonfirma arbeitet. Die beiden wohnen in der Nähe von London, doch dabei weit auseinander, und machen als Isan mit alten Keyboards, Synthies, Drummaschinen und dem Zusenden von Tapes per Post das, was sie früher vielleicht als Indierockband im gemeinsamen Proberaum mit Gitarren, Schlagzeug und Bass gemacht hätten: ihre Gefühle ausdrücken nämlich. Gefühle, die sich in subtil ausgearbeiteten Lagen von Musik festsetzen, tiefgründige Musikgerüste, auf denen kleine Melodie-Miniaturen herumturnen. So ein bisschen wie Boards Of Canada, Plone oder Bola – nur anschmiegsamer und mit einem freundlich blinzelnden Auge, und doch auch wieder ganz anders. “Es geht uns um Musik, die gleichzeitig seltsam und zugänglich ist”, sagt Robin und zieht in diesem britischen Spitzgesicht schon wieder eine Augenbraue hoch. “So wie seltsames Psychedelic Listening aus den sechziger Jahren. Das sollte auf mehreren Ebenen laufen: Man muss sich nicht darauf konzentrieren, aber wer es tut, wird eine Belohnung erhalten.” Aha.

Jedenfalls lernten sich die beiden schon 1992 über Robins Schwester Victoria kennen, die fand, dass die beiden sich gut verstehen würden. Anthony hörte damals noch Grungerock, interessierte sich für Verzerrerpedale und sportete lange Haare. Robin spielte ihm erst mal Computermusik vor, Autechre, Black Dog und was man damals so hörte, aber auch seltsame Keyboardsachen aus den 70ern neben 60er Easy Listening. Sie mochten sich, taten sich zusammen und nannten sich wegen ihrer gemeinsam wachsenden Vorliebe für alte Analogsynthesizer erst I S A N, später einfacher Isan, gesprochen [’Aijsen]. “Ich meine, wir haben jetzt kein riesiges Museum oder so etwas zu Hause”, erklärt Robin. “Aber wir besitzen beide eine recht ordentliche Menge von Synthies, was auch daran liegt, dass die Dinger nicht so vergöttert und überteuert waren, als wir anfingen, sie zu sammeln. Wir brauchten einfach möglichst billige Klangerzeuger, die ein paar Geräusche produzieren, wenn man an ihnen rumschraubt. Damals konnte man die Dinger noch einfach so in Trödelläden finden.” Und Antony sagt: “Wir mögen die Unvorhersehbarkeit dieser Dinger. Das ist wie ein zusätzlicher Musiker, der Ideen mit einfließen lässt. Allerdings ist der Unterschied zwischen uns beiden, dass Robin versteht, was passiert, wenn er an einem dieser Knöpfe dreht. Ich mache dagegen alles mit Ausprobieren und Intuition.”

Klar, kennt man, die Sache mit den Maschinen als Bandmitglied, mit den kleinen Fehlern alter Geräte, die Musik erst lebendig und interessant machen. Aber den beiden ist es ernst damit. Sie gehen nie aus in London oder interessieren sich für irgendwelche jener Musikentwicklungen, die man mit dieser Stadt in Verbindung bringen würde. Stattdessen sitzen sie zu Hause und arbeiten komplett getrennt an ihren Stücken. Zwei Geister, die ziemlich ähnlich ticken, obwohl Robin in seinen Stücken mehr Clicks verwendet, Antony dagegen mehr richtige Noten – was man aber wahrscheinlich nur merkt, wenn man Isan selber ist. Jedenfalls haben sie beide eine kleine Obsession mit Melodien, obwohl sie doch gar keine Noten können. “Wir benutzen halt entweder die schwarzen Tasten oder die weißen, und wir mixen sie niemals”, grinst Antony. “Es ist erstaunlich, wie viele Melodien man mit den selben fünf Tönen spielen kann. Und es ist gut für uns, dass wir musikalisch so inkompetent sind.”
Das stimmt, denn dieser bewusste Mangel bewahrt den sonnenblinzelnden Kindercharme ihrer Musik, der sich jetzt schon in ihrer dritten Langspielplatte ausdrückt: der nach dem asiatischen Glückssymbol benannten “Lucky Cat” auf dem Berliner Label Morr Music.
Es ist inzwischen spät geworden, oder früh, je nachdem, auf welcher Seite des Globus man gerade sitzt. Der Netzhippie ist über den Gedanken an seine glückliche Kindheit vor dem Fernseher eingeschlafen, das Indiekid sitzt in seinem Soziologieseminar, und Antony kratzt sich am Kopf und wirft noch routiniert eine Legende für Journalisten in die Runde, bevor er sich zum Nachmittagsnickerchen hinlegt: “Eine meiner frühesten Erinnerungen war ein TV-Programm für Kinder namens ‚’Playschool’. Alle paar Monate haben sie dort einen Film gezeigt, in dem Kinder auf einem Trampolin herumsprangen, und dazu lief denn Hot Butters ‘Popcorn’. Das habe ich schon als Fünfjähriger geliebt.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 32

/elektronika Lego, Gary Numan und los! Say hello to ISAN Mit Robin und Toe aka ISAN ins Gespräch zu kommen, geht ungefähr so. Man ruft Toe an und legt ihn zur Begrüssung erstmal auf die Warteschleife, ruft über Leitung B bei Robin an und schaltet dann beide zusammen. Nichts ungewöhnliches für die beiden, denn wer seine Band ÔIntegrated Services Analogue NetworkÕ nennt, muss einerseits damit rechnen, mit moderner Telekommunikation belästigt zu werden, andererseits wohnen beide ein gutes Stück voneinander entfernt, ein gemeinsames Studio gibt es genausowenig wie ein Pub, in dem abends neue Projekte besprochen werden können. Zum Glück haben beide genug musikalischen Unsinn im Kopf, erarbeiten die Tracks unabhängig voneinander in ihren Ein-Mann-Kommandozentralen, vertrauen der englischen Post regelmässig Minidiscs an, damit der eine auch hört, was der andere so tut und kompilieren ihre Platten dann einfach unter dem gemeinsamen Namen. Und die sind generell gross. So riss sich nach 7″s auf Wurlitzer Jukebox, Bad Jazz und Static Caravan bald ganz England um die beiden, ein Album auf Tugboat folgte, WARP klopfte an, John Peel war begeistert und die englische Presse hatte wieder eine dieser Bands, die mit analogen Geräten arbeiten, sich erbarmungslos wundervollen Melodien widmen und somit grossartig in das neue Genre “Wir-leben-in-der-Vergangenheit-und-das-hört-man-auch” passten. Auf ISAN können sich im Moment alle einigen, zumindest auf der Insel. Und hier wird das auch nicht mehr lange dauern. Immerhin ist das aktuelle Album beim Berliner Label Morrmusic erschienen. Eine Melodie auf Tresor Zurück zur Melodie. Als die beiden anfingen mit der Musik, damals noch gemeinsam in einem Studio, klangen ISAN mehr nach einer x-beliebigen 12″ auf Tresor oder vergleichbaren Technolabeln als nach PlinkerPlinker. “Ich wollte unbedingt eine 303”, erzählt Toe, “diese komisch knarzenden Sounds. Das klang aber alles eher bescheiden, bis ich Sachen wie Jean-Jaques Perrey hörte. Da wurde mir klar, dass man diese technoiden Noises auch in freundliche elektronische Teemusik einbinden konnte und die Hörer so auch mit komischen Sounds konfrontieren kann, ohne dass sie es wirklich merken. Also entschlossen wir uns, in diese Richtung weiterzuarbeiten, kauften billige Synthesizer jenseits von Roland und Moog und machten diese 7″ auf Wurlitzer Jukebox.” Jetzt haben sie den Salat und gelten als kleine Zinnsoldaten, die mit Plastikkeyboards musizierend über die grünen Wiesen marschieren, Teddybär- und Kinderzimmermelodien im Rucksack. “Schon ein bisschen langweilig, immer diese Vergleiche mit Kindermelodien zu hören”, sagt Robin, “aber…unsere Musik ist nun mal sehr simpel, die Melodien sind catchy und…ganz im Vertrauen…ich bin froh, wenn ich ein paar Noten auf dem Keyboard in der richtigen Reihenfolge spiele und am Ende eine Melodie rauskommt. Also beschwere ich mich nicht über Vergleiche.” Dänisches Spielzeug ISAN wären nichts ohne Lego und Gary Numan. Letzterer, weil er die beiden, gemeinsam mit Depeche Mode, auf elektronische Musik gebracht hat und Lego, weil man daraus so tolle Synthesizer bauen konnte, mit denen es sich dann so richtig rocken liess, wenn Numan im Radio gespielt wurde. Die Freude zehn Jahre später über den ersten richtigen Synthie war gross, über die erste 7” noch viel grösser. “Ich glaube, das ist mit ein Grund, warum wir noch keinen Majorvertrag unterschrieben haben. Wir lieben 7″s und immer wenn man uns fragt, können wir einfach nicht nein sagen”, gibt Robin. “Mit vielen verschiedenen Labels zu arbeiten macht die Sache auch irgendwie abwechslungsreicher. Und Toe ergänzt, dass das alles ja auch kein Wunder sei, schliesslich sei Robin im Stereolab Singleclub, also vorbelastet, und eine Box mit 25 Singles passe gerade noch in den heimischen Briefkasten, während man eine LP-Box schon vom Postamt abholen müsse, was einen wiederum wichtige Minuten Studiozeit kostet. Es ist gut, wenn solch freundliche Menschen ihre Zeit in Studios und nicht in Postämtern verbringen.

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